Geliebte Wissenschaft

Stefan Löffler | aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

Wohl kein deutschsprachiger Forscher hat so viele Menschen dazu gebracht, ihre Freizeit Schildkröten und Fledermäusen zu widmen. Konrad Lorenz gab sich im Gegensatz zu vielen Kollegen gerne mit Hobbyforschern ab. Auf Augenhöhe begegnen sich professionelle und Amateurwissenschaftler heute nur selten. In den USA wird Bürgerbeteiligung in der Wissenschaft darum bereits gezielt gefördert.

Ob jemand eine Professur bekleidet oder, im Gegenteil, nie an einer Universität eingeschrieben war, ist beim Symposium für Vivaristik Nebensache. Spezialisten für Fische, Reptilien und Amphibien sind sie alle, und nur darauf kommt es an. 130 Tierforscher haben sich am vergangenen Wochenende wie jedes Jahr um diese Zeit in Litschau nahe der tschechischen Grenze getroffen. Evelyn Kolar, der Organisatorin der Tagung, fällt nur ein Unterschied zwischen Laien und Profis ein: "Die meisten Amateure trauen sich nicht vorzutragen, während die Akademiker mir die Türe einrennen, um Vorträge halten zu dürfen." In den Fachsimpeleien, die in Litschau oft bis tief in die Nacht hinein fortgesetzt werden, sei es umgekehrt, berichtet Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau. Er höre jedes Mal mit Neugier zu, was die Privatgelehrten zu berichten haben.

Das Symposium für Vivaristik hat heuer bereits zum 27. Mal stattgefunden. In der Anfangszeit, den späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahren, war Konrad Lorenz dabei, sofern es seine Gesundheit zuließ. Selbstverständlich stand er damals im Mittelpunkt. Waren doch viele der anderen Teilnehmer durch seine Bücher und Auftritte erst angeregt worden, ihrem Forschertrieb nachzugehen. Zudem hatte Lorenz seine wissenschaftliche Karriere als Amateur begonnen, seit seinem 19. Lebensjahr führte er ein Tiertagebuch. Bevor er sein Zoologiestudium aufnahm, notierte er Beobachtungen an Dohlen. Gretl Gebhardt, seine spätere Frau, entwendete seine Aufzeichnungen und schickte sie heimlich einem bekannten Vogelkundler, der sie zur Publikation im "Journal für Ornithologie" empfahl.

Ein begnadeter Amateurwissenschaftler war auch Baron Gisbert Friedrich Christian von Romberg, der Mäzen, dem Lorenz 1951 die Einrichtung der "Forschungsstelle für Vergleichende Verhaltensforschung" im westfälischen Ort Buldern verdankte. In seinem letzten Buch "Hier bin ich - wo bist Du?" wetterte Lorenz gegen die mittlerweile stark professionalisierte Ethologie: "Blindes, quantitativ orientiertes Experimentieren ohne vorangegangene Beobachtungen hat die irrige Annahme zur Voraussetzung, der Naturwissenschaftler kenne alle Fragen, die an die Natur zu stellen sind." Lorenz machte auch deutlich, auf welcher Seite er stand: "Gesetzlichkeiten wahrnehmen, die den sozialen Verhaltensweisen höherer Tiere zugrunde liegen, das kann nur ein Mensch, dessen Blick von jener Freude am Objekt seiner Beobachtung festgehalten wird, die wir Amateure und Dilettanten bei unserer Arbeit empfinden."

Angesichts der umfassenden Institutionalisierung der heutigen Wissenschaft wird leicht vergessen, dass diese bis ins 19. Jahrhundert, in zahlreichen Disziplinen bis ins 20. Jahrhundert eine Angelegenheit von Dilettanten oder auch so genannten Virtuosen war. Im England des 17. Jahrhunderts war der Amateurstatus und die damit einhergehende finanzielle Unabhängigkeit Voraussetzung, um in der Wissenschaft zu reüssieren. Nur wer keine materiellen Interessen mit seinen Forschungen verfolgte, galt als glaub- und vertrauenswürdig.

In seinen letzten Lebensjahren hatte Lorenz oft Besuch von einem Grazer Architekten, dessen Doktorarbeit über die tiergerechte Gestaltung von Zoos er als Drittgutachter bewertet hatte. Reiner Praschag, der nie Biologie studiert hat, ist nicht nur Fachmann für Zooarchitektur, sondern gilt auch als einer der bekanntesten Schildkrötenexperten der Welt. In seinem Haus hält und züchtet er seltene Arten, um sie zu erforschen. Im Prinzip, sagt Praschag, könne er seine Arbeit auch in wissenschaftlichen Fachjournalen publizieren. Doch die "grauen Zeitschriften mit ihrem toten Bildmaterial" reizen ihn nicht. Der Architekt, der selbst fast jedes Jahr zum Litschauer Vivaristentreffen fährt, wendet sich lieber "an einen breiten Leserkreis, der auch schöne Fotos zu schätzen weiß".

Die meisten Teilnehmer des Vivaristik-Symposiums sind Männer und schon jenseits der fünfzig. Kurt Kotrschal fürchtet, dass "diese Art von Amateurwissenschaftlern bald verschwindet". In seiner Generation seien fast alle, die ein Biologiestudium aufnahmen, von jung auf "Faunisten" gewesen. Unter den Studenten von heute findet er dagegen "kaum einen, der mit Tieren umgehen kann". Nicht nur die Studierenden sind anders, auch das Fach hat sich geändert. Der Verhaltensbiologe kennt Leute, "die haben sich ihr Leben lang mit Tieren befasst, erfüllen sich nach der Pensionierung den Traum vom Biologiestudium und sind dann enttäuscht, weil ihr Professor die Arten nicht benennen kann".

Von "Spezialisten, die eigentlich Laien sind", schwärmt auch Wolfgang Waitzbauer, Vorstand des Instituts für Ökologie und Naturschutz der Universität Wien. "Ich bin froh, dass es diese Leute gibt, denn die haben noch Zeit für die Wissenschaft." An der Universität gehen für seine Pflichten in Verwaltung und Lehre rasch vierzig Wochenstunden drauf. Wie viele Professoren kommt Waitzbauer zum Forschen daher fast nur in seiner eigentlich freien Zeit. Ist er insofern nicht auch ein Amateurwissenschaftler?

Beim Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) wird im Prinzip nicht zwischen Berufs- und Amateurforschern unterschieden. Entscheidend seien allein die Qualität des entworfenen Projekts und die durch frühere Arbeiten erworbene Glaubwürdigkeit, dieses auch erfolgreich durchführen zu können, erklärt FWF-Sprecher Laurenz Niel. In der Realität sind Antragsteller wie der Landwirt Peter Eigner, der im steirischen Deutsch Goritz Wimperntierchen erforscht und darüber in renommierten Fachzeitschriften publiziert, freilich die Ausnahme. Wenn Amateure um Förderungen ansuchten und sie erhielten, vermutet Niel, dann meist auf lokaler oder regionaler Ebene.

Naturkundliche Museen, Sternwarten und Nationalparks greifen gerne auf das Fachwissen von Amateuren zurück. Sie arbeiten Archive auf, helfen Sammlungen zu vervollständigen oder führen Besucher. Ohne die meist unbezahlten Helfer wären viele Angebote nicht aufrechtzuerhalten. Ohne Amateurwissenschaftler gar nicht zu leisten sind Studien, für die an unterschiedlichen Orten möglichst viele Daten zusammengetragen werden müssen, etwa regelmäßig wiederkehrende Vogelzählungen oder Erhebungen zur Verbreitung von Pflanzenarten, astronomische Beobachtungen oder Messungen von Umweltdaten. Hobbyastronomen kommen dank erschwinglicher computergestützter Teleskope zu publizierbaren Beobachtungen. Ein Fachgebiet, das besonders profitiert, ist die Ornithologie. In vogelkundlichen Fachzeitschriften finden sich schon gelegentlich Artikel, die in Amateurblättern und Websites publizierte Einzelbeobachtungen zusammentragen und auswerten.

In den USA kam in den letzten Jahren das Schlagwort "citizen science" auf. Bürgerbeteiligung in der Wissenschaft lässt sich die National Science Foundation einiges kosten. 1994 wurde in San Diego die Society for Amateur Scientists (SAS) ins Leben gerufen, die sich insbesondere zum Ziel gesetzt hat, wissenschaftliche Amateure "an den Torwächtern der etablierten Wissenschaft vorbeizubringen", wie Shawn Carlson, der Gründer der Gesellschaft, sagt. Einige renommierte Wissenschaftler wie der Physik-Nobelpreisträger Arthur Schawlow geben ihr Wissen bei SAS-Seminaren weiter oder begutachten Aufsätze, um sie fit für wissenschaftliche Journals zu machen. Qualifizierte Forschung soll nicht in Amateurblättern landen, sondern da, wo die Fachgemeinschaft auch davon erfährt.

In den USA ist das Umfeld für Amateure freilich günstiger. Kolumnen unter dem Titel "Amateur Science" erscheinen in populärwissenschaftlichen Zeitschriften ebenso wie in Tageszeitungen. Auch professionelle Wissenschaftler geben sich volksnäher als in Kontinentaleuropa. Einmal im Jahr wird das regelrecht zelebriert. Die Konferenz der American Association for the Advancement of Science (AAAS) gleicht eher einem Jahrmarkt der Ideen als einem Wissenschaftlertreffen. Weil neue Forschungen mit so wenig Fachjargon wie irgend nötig präsentiert werden, werden die Konferenzen von Journalisten, Lehrern und Amateurwissenschaftlern gerne besucht. Dass es Ähnliches zwar auch in Großbritannien, nicht aber in Kontinentaleuropa gibt, war Wissenschaftspolitikern schon lange ein Dorn im Auge. Die EU hat daher "Euroscience" ins Leben gerufen. Die erste Euroscience-Konferenz wird im August 2004 in Stockholm stattfinden.

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