Undankbare Enkel?

Benedikt Föger | aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

Was ist vom wissenschaftlichen Erbe von Konrad Lorenz geblieben? Die vergleichende Verhaltensforschung hat zwar eine Reihe erfolgreicher Tochterdisziplinen hervorgebracht, selbst aber kaum noch eigenständige Bedeutung. Der Vater des Fachs stand seiner Weiterentwicklung im deutschsprachigen Raum sogar im Weg.

Der Name Konrad Lorenz gilt fast als Synonym für die vergleichende Verhaltensforschung. In den frühen Dreißigerjahren entwickelte er nahezu im Alleingang die grundlegenden Konzepte, und nach dem Zweiten Weltkrieg verhalf er der jungen Wissenschaft auch mit seiner brillanten Öffentlichkeitsarbeit zum internationalen Durchbruch. Als die vergleichende Verhaltensforschung dann Mitte der Sechzigerjahre ihren wissenschaftlichen Höhepunkt erreichte, befand sich ihr Zentrum im oberbayrischen Forscherdorf Seewiesen. Der Direktor des dortigen Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie hieß Konrad Lorenz.

Durch seine umsichtig geknüpften und gepflegten Beziehungen schaffte er es, fast sämtliche Stellen, die im weitesten Sinn mit Tierverhalten zu tun hatten, im deutschsprachigen Raum, aber auch darüber hinaus mit seinen Schülern zu besetzen. Wer nie bei Lorenz gearbeitet hatte, hatte wenig Aussicht, in diesem Feld Karriere zu machen. Universitätsprofessoren ebenso wie Leiter von Forschungsinstituten, Direktoren von Zoos und Museen verbrachten einige Jahre ihres Lebens am Eßsee in Oberbayern, fünfzig Kilometer südlich von München.

Schon damals fiel auf, dass das Institut nicht den Namen Verhaltensforschung, sondern Verhaltensphysiologie trug. Das geht auf den Mitgründer und anfänglichen Co-Direktor Erich von Holst zurück, blieb aber auch nach dem frühen Tod des Physiologen 1962 erhalten. Vor kurzem hatte es aber auch damit ein Ende: 1999 hat die Max-Planck-Gesellschaft die Liquidation des Instituts beschlossen. Lorenz' legendäre Wirkungsstätte wird am 30. November 2003 zugesperrt. Die Verhaltensforschung als Auslaufmodell und Einsparposten?

Anstatt von vergleichender Verhaltensforschung spricht man heute meist von Ethologie. Diese ist auf der einen Seite von der in den Siebzigerjahren durch Edward O. Wilson aufgekommenen Soziobiologie, auf der anderen Seite von ihren eigenen Tochterdisziplinen in die Zange genommen worden: der Verhaltensökologie mit ihrem evolutionären Ansatz, den physiologischen Disziplinen wie Verhaltensendokrinologie, Neuro- und Sinnesphysiologie, aber auch Verhaltensgenetik und Immunologie. Verhaltensforschung im Lorenz'schen Sinn gibt es bestenfalls noch beim Menschen oder in angewandten Bereichen wie Jagdkunde und Haustierhaltung. Doch selbst da greift man mittlerweile auf endokrinologische, genetische und immunologische Methoden zurück.

Konzepte wie die so genannte Individualselektion, die Anwendung der Spieltheorie auf Verhalten und die Erstellung von Optimalitätsmodellen eröffneten den Verhaltensforschern neue Horizonte. Dazu kamen die neuen Methoden der Molekularbiologie, der Genetik und der Endokrinologie, gepaart mit handfester Statistik und aufwendigen Computermodellen. Im Prinzip hätte die vergleichende Verhaltensbeobachtung eine gute Grundlage für diese "Hilfswissenschaften" bieten und sich mit ihrer Hilfe weiterentwickeln können. Doch die Hilfswissenschaften verselbstständigten sich und wurden zu eigenständigen Fachrichtungen.

Von der Weiterentwicklung des Faches in den Sechziger- und Siebzigerjahren vor allem in England und den USA hatte der Fachgründer nicht viel Notiz genommen. Lorenz war der Weiterentwicklung seines Faches im deutschsprachigen Raum in späteren Jahren sogar im Weg gestanden. Die Ethologie passte sich nicht an, sie wurde verdrängt und blieb bestenfalls ein Impulsgeber, der aber keine ausreichenden Erklärungen und Modelle für die heute übliche Fülle von Daten mehr aufbringt.

Eine Synthese der Erkenntnisse im Sinne einer ganzheitlichen Tierbetrachtung wird heute kaum mehr angestrebt. Das Verhalten einer einzelnen Tierart interessiert oft gar nicht mehr. Die Wissenschaftler suchen nach evolutionären Zusammenhängen und Strategien, ihnen geht es um Modelle und Theorien.

Die Öffentlichkeit hält Verhaltensforscher fälschlicherweise noch immer für "Leute, die verträumt an romantischen Orten das muntere Treiben von putzigen Tierchen belauschen", wie sich Kurt Kotrschal, der Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau. beklagt. So sehr hat sich der "Vater der Graugänse" ins öffentliche Bewusstsein eingeprägt. Bestenfalls Hobbyforscher würden sich heute in diesem Bild wiedererkennen. "Die Tierbeobachtung im Lorenz'schen Sinn gilt zu Unrecht als nicht mehr zeitgemäß", sagt der neue Direktor des Konrad-Lorenz-Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung am Wiener Wilhelminenberg, Dustin Penn. "Wenn heute etwas Faszinierendes und Neues entdeckt wird, was Tiere tun, ist es noch genauso interessant wie früher."

Mit Penn ist ein Wissenschaftler in eine führende verhaltenswissenschaftliche Position gerückt, der nicht von Lorenz oder einem seiner Schüler promoviert worden ist. Auch von seinem Forschungsansatz her kann man dem US-Amerikaner nicht vorwerfen, ein Romantiker oder Traditionalist zu sein. Er beschäftigt sich vor allem mit der Partnerwahl und wie diese die Evolution genetischer Vielfalt beeinflusst. Sein Hauptinteresse gilt dabei den so genannten MHC-Genen, die dafür sorgen, dass fremde Organe oder Gewebe abgestoßen werden, aber auch den Geruchssinn und die Partnerwahl beeinflussen. Penn hat als Erster gezeigt, dass Mäuse durch MHC-Gene bestimmte Gerüche spontan unterscheiden können, selbst wenn die Tiere genetisch nur minimale Unterschiede aufweisen.

Damit ist er am Wilhelminenberg aber nicht der Erste, der sich von der Tradition des 1945 vom Lorenz-Schüler Otto Koenig gegründeten Instituts absetzt. Schon seine Vorgänger hätten sich der Ökomorphologie und Verhaltensökologie geöffnet, meint Penn. Um der Entwicklung Rechnung zu tragen - "Vergleichende Verhaltensforschung" trifft die gegenwärtige Ausrichtung nicht mehr -, denkt er über eine Änderung des Institutsnamens nach. Den Namen Konrad Lorenz will er gerne erhalten.

Die Forschungen von Eva Millesi, Professorin an der Universität Wien, stehen ebenfalls nicht in der Tradition von Lorenz, obwohl einige ihrer Lehrer dessen Schüler waren. Ihr Hauptinteresse gilt den Fortpflanzungsstrategien von Tieren, die extremen Bedingungen unterworfen sind. Dazu zählen Tiere, die Winterschlaf halten. Millesi entschlüsselt die hormonelle Steuerung des Winterschlafes und misst auch die physiologische Belastung der Tiere durch den Winterschlaf.

In einer Beziehung aber sieht sie sich sehr wohl eins mit Lorenz: "Wir arbeiten so wenig invasiv wie möglich, das heißt mit einem Minimum an Störung und Stress für die Tiere, wie es Lorenz mit seiner halb zahmen Tierhaltung gelang." Wobei der Forscherin die Einschränkung wichtig ist, dass dieser doch zu nah am Tier dran war: "Lorenz wollte mit den Tieren tatsächlich reden, das heißt Teil der jeweiligen Tiergruppe sein, und er lebte ja auch mit seinen Tieren." Sie selbst findet es am besten, "wenn Beobachter wie ein Baum oder Buch von den Tieren gar nicht bemerkt werden, damit es zu keinen Verhaltensänderungen kommt".

Auch was die teilweise Übertragbarkeit der Forschungsergebnisse auf den Menschen betrifft, hält Millesi großen Abstand zu Lorenz. Dieser verfolgte dabei eine ausgrenzende Argumentation, die dem gesamten Wissenschaftszweig in der Vergangenheit große Kritik eingebracht hat und auch für den Niedergang der klassischen Ethologie verantwortlich gemacht worden ist.

Heute gehen die Rückschlüsse auf den Menschen in eine konstruktivere Richtung. Millesi etwa fand heraus, dass es bei Tieren, die Winterschlaf halten, zu ähnlichen Formen der Demenz kommt wie bei an Alzheimer erkrankten Menschen. Die Tiere wissen dem aber gegenzusteuern und können ihre Gedächtnisleistungen regenerieren. Dieses Wissen könnte helfen, so genannte neurodegenerative Krankheiten beim Menschen besser zu verstehen und zu heilen.

Als Hypothek für die modernen Verhaltenswissenschaften mag Millesi die geistige Ahnherrschaft von Lorenz nicht empfinden. Auch Dustin Penn glaubt nicht, dass dessen Nazivergangenheit negative Auswirkungen darauf hat, wie die Ethologie heute betrieben wird: "Es gab freilich Kritiker, die mit der Faschismuskeule hantierten, sodass man das Gefühl hatte, als Ethologe auch gleich ein Nazi zu sein! Wir sollten aber doch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten."

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