Von Natur aus kontrovers

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 4/03 vom 01.10.2003

Was prägt den Menschen: Nature oder Nurture? Seine Erbanlagen oder seine Umwelt? Natürlich beides. Die Debatte ist schon hundert Mal für tot erklärt worden - und lebt doch munter weiter. Nach wie vor springen sich Wissenschaftler gegenseitig an die Gurgel, weil es dabei um sehr viel mehr als nur um Wissenschaft geht.

Lästige Labels. "Ach, Sie sind ja ein dicker Mann. Mit Ihnen kann man ja reden." Als Konrad Lorenz den weit über 120 Kilo schweren Daniel Lehrman 1954 auf einer Tagung in Paris zum ersten Mal sah, entspannten sich seine Gesichtszüge. Einige Monate zuvor hatte der US-Psychologe den österreichischen Ethologen in einem Artikel scharf angegriffen: Angeborene und erlernte Verhaltensweisen seien keineswegs klar voneinander unterscheidbar, wie Lorenz dies behauptet hatte, die Trennung sei künstlich. Es entspann sich eine fruchtbare Diskussion, in der sich die Standpunkte der beiden Wissenschaftler einander annäherten, auch wenn Lorenz bis zuletzt ein wortmächtiger Anwalt des "Angeborenen" blieb. Mittlerweile ist die Angeboren-Erlernt-Kontroverse für Ethologen wie Kurt Kotrschal aber längst beigelegt: "Das können Sie überhaupt nicht auseinander kitzeln", sagt der frühere Lorenz-Schüler.

Die Auseinandersetzung zwischen Lorenz und Lehrman ist freilich nur eine Spielart eines Dauerkonfliktes, der sich in immer neuen Versionen durch die Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte zieht. Was macht uns zu dem, was wir sind? Ist der Mensch etwa "von Natur aus" selbstsüchtig, aggressiv und ehrgeizig, wie Thomas Hobbes behauptete? Oder ist es die Gesellschaft mit ihren Verlockungen, die den ursprünglich sanften und guten Menschen zum eitlen Egomanen mutieren lässt, wie Jean-Jacques Rousseau postulierte? Nature versus nurture, wie es so eingängig im Englischen heißt. Natur oder Kultur? Innen oder außen?

Im 20. Jahrhundert, mit dem Aufkommen der Verhaltensforschung, vor allem aber der Genetik, wurde die biologische Basis aller Lebewesen betont. Demgegenüber verwiesen Ethnologen, Soziologen und Psychologen auf die prägenden Kräfte der Erziehung und die Lernfähigkeit des Menschen. In den Siebzigerjahren erreichte diese Debatte mit dem Aufkommen des Neodarwinismus ihren Höhepunkt. Zwei Werke, Edward O. Wilsons "Sociobiology" (1975) und Richard Dawkins' "The Selfish Gene" (1976, deutsch: Das egoistische Gen), erwiesen sich dabei als außerordentlich wirkungsmächtig - und höchst kontroversiell.

Die selbst ernannten "Radical Scientists" um den linken Evolutionstheoretiker Stephen Jay Gould witterten eine handfeste Gefahr, der es entgegenzutreten galt: Der Mensch sei keine von biologischen Mechanismen gesteuerte Maschine, kein wehrloses Produkt einer genetischen Auslese. Wilson wurde bei Vorträgen von Spritzpistolen-Attentätern "erschossen". Mit den Begriffsknüppeln "Reduktionismus" und "Determinismus" wurde auf ihn und Dawkins eingeprügelt. Mitunter wurden sie gar als Rassisten beschimpft: Ihre Theorien würden geradewegs zur Eugenik führen, schon Darwins Theorien seien von Hitler missbraucht worden. In der Tat wurden die neodarwinistischen Theorien gerne von rechtsgerichteten Gruppierungen in deren Sinne "adaptiert".

Mann mit Mission. Zum Kritiker dieser Kritiker hat sich nun Steven Pinker aufgeschwungen. Die Vorwürfe gegen Wilson und Dawkins waren in der Regel überzogen oder schlicht falsch, führt Pinker in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch "Das unbeschriebene Blatt" aus. Nun schießt er zurück: Mit missionarischem Eifer nennt der US-Psychologe unzählige Ethnologen, Sozialwissenschaftler und Feministinnen beim Namen, die seiner Ansicht nach den Menschen nach wie vor als "unbeschriebenes Blatt" oder als "edlen Wilden" charakterisieren. Biologen wie Gould, aber auch Politiker verschiedener Lager werden als Leugner der menschlichen (also biologischen) Natur gebrandmarkt, als im besten Falle wohlmeinende, letztlich aber realitätsferne Idealisten.

Pinker, der Bestsellerautor und Medienstar mit der sanften Stimme und dem sympathischen Wuschelkopf, verfasst einen 700-seitigen Steckbrief - und baut doch nur Strohmänner auf. In der Öffentlichkeit ist das Pendel längst von der "Umwelt" Richtung "Natur" zurückgeschwungen durch immer neue Meldungen über die Erforschung des menschlichen Genoms und die Identifikation einzelner Gene, die vermeintlich für Homosexualität oder Schizophrenie verantwortlich sind. Wer glaubt heute noch daran, dass Menschen ganz und gar formbar sind? In der Erziehung oder im Strafvollzug sind die liberalen Konzepte der Siebzigerjahre, der antiautoritäre Unterricht oder der Glaube an die Rehabilitierungsfähigkeit von Kriminellen längst auf dem Rückzug. Und hat man uns nicht auch lange genug eingepaukt, dass Männer vom Mars und Frauen von der Venus sind? Die nicht mehr hinterfragte Naturgegebenheit von Charakter und Geschlecht geht in ihrer Simplizität selbst vielen Biologen zu weit. Frans de Waal etwa erinnert sich noch gut, wie er in den Siebzigerjahren bei Vorträgen Proteststürme auslöste, wenn er männliche Schimpansen als aggressiver als weibliche bezeichnete. Heute störe dass niemanden mehr. Stattdessen sei es nun in Mode, auf männliche Defizite einzudreschen, schreibt der niederländische Primatologe in einem Beitrag für "Scientific American".

Zählebige Kontroverse. In Pinkers Generalabrechnung geht unter, dass die meisten Wissenschaftler die Nature-Nurture-Kontroverse für gleichermaßen unfruchtbar wie abgeschlossen halten (übrigens denkt Pinker selbst so). Extrempositionen im Sinne von "alles biologisch" oder "alles Erfahrung" finden sich kaum mehr. Warum aber ist diese Debatte nicht totzukriegen und flammt stets aufs Neue auf?

Die Frage, was uns Menschen ausmacht, ist kulturell aufgeladen und treibt folglich nicht nur die Wissenschaft um. Weltanschauliche, religiöse und gesellschaftliche Positionen und Wertvorstellungen berufen sich auf die ein oder andere Position oder definieren sich gerade im Widerspruch zu diesen. Die Kontroverse wurde von Beginn an nicht nur in akademischen Zirkeln, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit ausgetragen. Ihre Ergebnisse, oder vielmehr ihre Zwischenresultate, wurden häufig zur Rechtfertigung politischer Entscheidungen herangezogen. Die Polarität der Positionen ist eine Steilvorlage für die Medien, die mit zwei einfachen Schlagwörtern und einem scheinbar eindeutigen Gegensatz ihr Publikum erreichen können. Nature und Nurture sind Etiketten geworden, die sich allzu leicht aufkleben lassen. Mediale Verstärkereffekte haben einen tiefen Riss hinterlassen, der nur mühsam zu kitten ist - und nur allzu leicht wieder aufreißt, wie dies Pinker, wohl gegen seine Absicht, getan hat.

Die Lösung? Einen spannenden Syntheseversuch hat nun der britische Wissenschaftsjournalist Matt Ridley unternommen. Sein neues Buch trägt den programmatischen Titel "Nature Via Nurture". Kein Gegen-, sondern ein Miteinander wird postuliert, genauer gesagt ein Durcheinander. Ridley stützt sich dabei auf jüngste Forschungen zum Genom. Dass Gene nur dann Proteine produzieren, wenn sie "angeschaltet" sind, also exprimiert werden, ist bekannt. Für bahnbrechend hält Ridley jene neueren Forschungen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Gene aktiviert und sogar wieder deaktiviert werden. Verantwortlich für das "An-" und auch das "Ausschalten" der Gene sind winzige Abschnitte auf der DNA. Viele - nicht alle - dieser Abschnitte reagieren auf Umwelteinflüsse. Gene sind also nicht fixe Determinanten, sondern vielmehr sensibel für Input von außen. Sie ermöglichen es den Lebewesen, flexibel zu reagieren, und sind damit perfekte Diener der Erfahrung.

So erblinden zum Beispiel Mäuse, die während einer kritischen Phase des Wachstums im Dunkeln gehalten werden. Denn es ist das Licht der Umwelt, das ein bestimmtes Gen im Gehirn der Maus "anschaltet". Ridley wandert hier auf den ein halbes Jahrhundert alten Spuren von Daniel Lehrman: Der Einfluss der Erbanlagen lässt sich nicht sinnvoll von Umwelteinflüssen trennen. Folglich wäre es auch unsinnig, ein bestimmtes Verhältnis anzugeben, also etwa 70 Prozent Erbanlagen und 30 Prozent Erziehung und Umwelt. Die menschliche Natur ist für Ridley also voll und ganz bestimmt sowohl von den Genen als auch der Erfahrung.

Auch wenn noch sehr viele Fragen zum genauen Zusammenspiel von Nature und Nurture offen sind, wird an diesem ganzheitlichen Verständnis wenig zu rütteln sein. Als Denkkategorien, als gegensätzliche Pole, ja als Geruchsmarken werden Nature und Nurture sicher nicht so bald verschwinden. So bemerkten gleich mehrere Rezensenten von Ridley, die eher dem Nurture-Lager zuzuordnen sind, dass der ursprünglich aus dem Nature-Lager stammende Ridley doch erstaunlich weit auf sie zugekommen sei. Die Genugtuung war unverkennbar.

Steven Pinker: Das unbeschriebene Blatt. Die moderne Leugnung der menschlichen Natur.

Berlin 2003 (Berlin Verlag). 704 S., e 26,80

Matt Ridley: Nature Via Nurture: Genes, Experience and What Makes Us Human. New York 2003 (Harper Collins). 320 S., e 29,35

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