Liebe Leserin, lieber Leser!

aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Gesundheit ist Tagesthema, die österreichische Gesundheitsreform wird durchgeboxt. Gesundheitsreform? Wohl eher eine Verteilungsreform. Um Gesundheit geht es erst in zweiter Linie. Im Vordergrund steht der Kampf um knappe Mittel. Vertreter von Krankenkassen und Medizinindustrie, Ministerien und Ärztekammer hetzen von Termin zu Termin. Hier wird lanciert, dass bei Verschreibung teurer Medikamente kein Chefarzt mehr zustimmen muss, da sind Vertreter der Pharmaindustrie auch schon dabei, vor laufenden Fernsehkameras ihre Hochpreispolitik zu verteidigen.

Was im medialen Trommelwirbel und im flotten Austausch der Argumente völlig untergeht, ist das Informationsdefizit. Wie soll ein Gesundheitssystem umgestaltet werden, wenn man dieses im Detail gar nicht kennt? Es gibt zum Beispiel keine öffentliche Dokumentation der klinischen Qualität, keine Qualitätssicherung der niedergelassenen ärztlichen Tätigkeit, keine Aufarbeitung der Daten, die den Krankenkassen vorliegen. Letzteres könnte eine Hitliste der in Österreich meistverordneten Medikamente liefern oder dokumentieren, wie Ärzte bei bestimmten Erkrankungen eigentlich vorgehen. Zwar beginnt man nun auch in Österreich, sich kritischer Evaluierungsmethoden wie etwa HTA (Health Technology Assessment) zu bedienen. Bedarfserhebung bei Medizintechnologie und die Recherche von Wirksamkeitsnachweisen bei Medikamenten und Therapien gehören aber noch längst nicht zum Alltag.

Die Herstellung von Transparenz wäre aber bitter nötig. Denn ohne einschlägige Expertise kann das Gesundheitssystem weder die Kosten unter Kontrolle bekommen noch die Qualität sichern. Wie aber dieses entscheidungsrelevante Wissen gefunden und umgesetzt wird, ist der springende Punkt. Im von ständischen Interessen und geölten Lobbys dominierten Gesundheitswesen ist unabhängige Expertise knapp. Doch wer Medizin nicht studiert hat, wird schon mal nicht gehört. Auch die Forschung leidet unter versteckten Interessen. Dass von Pharmafirmen finanzierte Studien die Wirksamkeit ihrer Mittelchen meist übertreiben, ist kein Vorurteil, sondern einigermaßen erwiesen. Das zeigen Studien, die Pharma- und unabhängige Forschung vergleichen.

Bei den Recherchen sind auch andere verstörende Dinge zu Tage getreten. So ist etwa der Nutzen der allseits gelobten Krebsfrüherkennung alles andere als eindeutig belegt. Sicher ist aber, das Mammographien und Prostatauntersuchungen auch jede Menge Schäden anrichten können, und zwar an Leib und Seele. Die Ursache sind Überdiagnosen und falsch-positive Befunde. Als ein heureka-Redakteur im Interview mit einer Pharmaleiterin diese Problematik ansprach, war diese ganz aus dem Häuschen: "Sind Sie Mediziner? Wie alt sind Sie überhaupt? Das ist ja kühn, was Sie da behaupten. Ihren Namen muss ich mir aufschreiben." Aber wir wollen hier nicht über die Pharmaindustrie schimpfen. Schließlich haben wir uns in dieser Ausgabe an ihren Bildarchiven schadlos gehalten. Außerdem haben wir uns mit großem Vergnügen beim schwäbischen Meisterzeichner und Wahlberliner Freimut Wössner bedient. Aus seinen Bildbänden "Bitte freimachen" und "Ich pflege gern" (beide Mabuse-Verlag) stammen die Karikaturen dieses Heftes. Lachen ist gesund, oder, Moment mal, ist das etwa auch so ein populärer Irrtum?

Oliver Hochadel, Stefan Löffler und Klaus Taschwer

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