Der Pharma-Fall

Richard Horton | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Die Pharmaindustrie ist in der Krise. Das Schielen auf Blockbustermedikamente und mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen töten Menschen, untergraben das Vertrauen und gefährden letztlich auch die Gewinne. Nötig wären höhere Investitionen in die Forschung, denn es werden immer weniger innovative Arzneien entwickelt, die immer mehr Menschen dringend benötigen.

Die Pharmaindustrie zu kritisieren ist leicht, manchmal zu leicht. Man geht einfach mit einem Fernsehteam in ein afrikanisches Spital. Hier sterben Tausende von Menschen an Krankheiten - Aids, Brustinfektionen, Malaria, Tuberkulose, Meningitis - die behandelbar wären. Doch der Zugang zu den notwendigen Medikamenten ist ihnen verwehrt.

NGOs wie Ärzte ohne Grenzen oder Oxfam haben gegenüber den Regierungen und der Öffentlichkeit deutlich gemacht, dass den großen Pharmakonzernen der Schutz ihres geistigen Eigentums wichtiger als das Leben der Armen ist. Die Konzerne erwidern, dass sie nicht als Gesundheitsservice für die ganze Welt dienen können. Als Unternehmen sind sie ihren Aktionären verpflichtet. Ihr Job ist es, neue Medikamente zu entwickeln, zu vermarkten und zu verkaufen. Westliche Lebensmittelhersteller werden ja auch nicht verteufelt, wenn Äthiopien von einer Hungersnot heimgesucht wird.

Es mag sein, dass die Pharmaindustrie unübertrieben stark für die Gesundheitsprobleme der Welt verantwortlich gemacht wird. Doch es gibt auch Dinge, die gerne übersehen werden: Medikamente etwa heilen nicht nur, sie töten auch. Die Pharmaindustrie ist faktisch einer der größten Killer in der industrialisierten Welt. Und sie hat die Lizenz dazu. Das klingt nach ungeheuerlichen Behauptungen. Welche Belege gibt es dafür?

Damit ein neues Medikament zugelassen wird, muss es sich zumindest in zwei klinischen Versuchsreihen als sicher und wirksam erweisen. Dieser letzten Phase im Zulassungsverfahren gehen meist längere Untersuchungen im Labor und am Krankenbett voraus. Dazu gehört auch der Vergleich des Medikaments mit einem Placebo. Patienten erhalten nach einem Zufallsprinzip die eine oder die andere "Behandlung".

Das Medikament muss das Placebo in einer Reihe von klinisch relevanten Eckwerten wie Tod, Behinderung oder Symptomkontrolle übertreffen. Die Zulassungsregeln entwickeln sich aber. Immer mehr der von der Pharmaindustrie finanzierten Versuchsreihen fragen nicht mehr, ob ihr neues Medikament besser ist als ein Placebo. In so genannten Äquivalenzversuchen vergleichen diese Unternehmen lediglich ihr neues Produkt mit der Behandlung, die gerade Standard ist. Zeitigen beide Medikamente im Wesentlichen die gleichen Ergebnisse, gelten sie als äquivalent. Das kann bereits für eine Zulassung genügen. Das wird dadurch gerechtfertigt, dass das neue Medikament andere Vorteile besitze, die in klinischen Versuchsreihen schwer zu messen sind, wie etwa, dass das neue Medikament nur einmal täglich eingenommen werden muss und nicht dreimal.

Diese frühen klinischen Versuche sollen die Sicherheit des Medikaments belegen. Wirklich verlässliche Aussagen über die Nebenwirkungen sind aber letztlich nur durch groß angelegte Langzeitstudien zu erreichen. Denn es gilt, so genannte falsche Negativresultate zu vermeiden, dass also das Medikament fälschlicherweise für sicher gehalten wird. Klinische Versuche zeigen ganz gut, ob ein Medikament die gewollten Effekte hervorbringt, doch häufig entgehen die möglichen Nebenwirkungen.

Ein berühmter Fall ist Tambocor, das gegen Herzrhythmusstörungen helfen sollte und 1985 auf den Markt kam. Tierversuche und erste klinische Tests schienen zu zeigen, dass das Medikament für lebensgefährlich gehaltene Störungen des Herzrhythmus unterdrückt. Erst nachdem Tambocor zugelassen worden war, tauchten Berichte über unvermutete Risiken des Medikaments auf. Schließlich wurde eine lange klinische Versuchsreihe angestrengt. Sie zeigte, dass das Medikament viele der Menschen tötete, die es einnahmen. Manche Schätzungen gehen von bis zu 70.000 Todesfällen aus, vor allem in den USA.

Eine quälende Frage bleibt unbeantwortet: Wie viele andere, wenn auch weniger extreme Fälle wie Tambocor gibt es? Drei Forscher aus Toronto haben dazu eine sehr wichtige, aber wenig beachtete Studie veröffentlicht. Jason Lazarou, Bruce Pomeranz und Paul Corey zeigen im "Journal of the American Medical Association" (1998, 279: 1200-1205), dass die Häufigkeit ernsthafter und auch tödlicher Folgen bei herkömmlichen Arzneimitteln sehr hoch ist. Sie haben alle publizierten Daten über schädliche Nebenwirkungen eruiert und daraus das entsprechende Risiko kalkuliert. Dabei schlossen sie Fälle falscher Anwendungen, Nichteinnahme, Überdosen, Missbrauch oder offensichtlicher Wirkungslosigkeit der Medikamente aus.

Ihre Berechnungen ergaben schockierend hohe Zahlen: 1994 erlebten in US-Spitälern mehr als zwei Millionen Patienten Nebenwirkungen. Durchschnittlich 100.000 Personen starben jährlich daran: Im günstigsten Fall waren es 76.000, im schlimmsten 137.000 Opfer. Auf der Liste der häufigsten Todesursachen in den USA rangieren Medikamente damit auf den Plätzen vier bis sechs.

Warum sind diese Tatsachen nicht weitaus bekannter? Die Pharmaindustrie ist ein geschickter Manager (manche würden sagen Manipulator) von Informationen. In einem gnadenlosen Wettbewerb hängt das Pharmageschäft von der geschickten Beeinflussung von Ärzten und immer mehr auch von Patienten ab, damit die einen immer größere Mengen von Medikamenten verschreiben und die anderen sie nehmen.

Die Pharmariesen sind heute eine verwundbare Industrie. Zumindest kurzfristig schrumpfen die Zuwächse beim Absatz pharmazeutischer Produkte. Im Jahr 2001 wuchsen die Umsätze noch um zwölf Prozent, 2002 waren es nur noch acht Prozent. Dazu kommen die seit dem Boom der Neunzigerjahre überzogenen Erwartungen. Unternehmensfusionen der meisten großen Hersteller konnten das Wachstum auch nicht stabilisieren.

Dies könnte mehr als nur ein kurzfristiger Einbruch sein. Generikahersteller, die nicht die Kosten und Risiken der Entwicklung tragen müssen, konkurrieren immer stärker um die meistverkauften Präparate. In den USA ist der Absatz von Generika in den letzten 15 Jahren von einem Drittel auf mehr als die Hälfte aller Verschreibungen gestiegen. Und ertragreiche "Blockbuster" gibt es immer weniger.

Dies gilt auch für Europa. 1997 wurden noch Erstzulassungen für sechzig Medikamente beantragt. 2002 waren es nur mehr 19. Thomas Lönngren, der Geschäftsführer der "European agency for the evaluation of medicinal products" (EMEA), meinte voriges Jahr: "Noch nie wurde in Forschung und Entwicklung so viel Geld mit so wenig Ergebnissen gesteckt." Wurden 2001 mit neuen Medikamenten in den USA noch 1,2 Milliarden US-Dollar umgesetzt, brachten die Markteinführungen im vorigen Jahr gerade noch 156 Millionen Dollar in die Kassen. Zu den fallenden Verkaufszahlen im Jahre 2003 kommen auslaufende Patente, die die Firmen ebenfalls treffen.

Angesichts des steigenden Drucks ist es nicht verwunderlich, dass Firmen sich unlauterer Mittel bedienen - und sich immer häufiger teuren Prozessen ausgesetzt sehen. So erklärte sich Abbott im Juni bereit, 622 Millionen Dollar in einem Vergleich zu zahlen. AstraZeneca hat nach Betrugsvorwürfen eine Strafe von 355 Millionen Dollar akzeptiert.

Diese negativen Trends für die Pharmaindustrie sind kein Anlass zur Freude. Sie sind auch schlecht für die Patienten. So wird der demographische Wandel zu einer Krebsrate führen, die einer Epidemie nahekommt. Die WHO schätzt, dass sich die Zahl der Krebstoten bis zum Jahr 2020 verdoppeln wird, auf mehr als 15 Millionen Opfer jährlich. Wir brauchen eine erfolgreiche Pharmaindustrie, die angesichts dieser Bedrohung handelt.

Die Zulassungsbehörden haben das Versagen sowohl bei der Sicherheit neuer Medikamente als auch bei wirklichen Innovationen zum Anlass genommen, der Informationshoheit der Pharmafirmen entgegenzuwirken. So will die EMEA direkt mit Ärzten und Patienten kommunizieren, sich also zwischen die Industrie und die Öffentlichkeit schieben.

Welche Maßnahmen müssen außerdem ergriffen werden? Erstens müssen die Hürden für die Medikamentenzulassung erhöht werden. Ausreichende Studien zur Sicherheit müssen vorliegen, bevor die Zulassung erfolgt. Zweitens müssen Pharmafirmen sich wieder stärker in der Forschung engagieren. Bis vor kurzem ging die Entwicklung in die andere Richtung. Seit 1997 haben die Pharmafirmen in den USA ihr Werbebudget auf mittlerweile 18,5 Milliarden Dollar im Jahr verdoppelt, was auch zulasten der Forschung ging. Manche Firmen haben inzwischen begriffen, dass sie wieder verstärkt in die Forschung investieren müssen. Einige Forschungsbudgets sind bereits wieder gestiegen.

Doch Innovationen hängen nicht allein von der Größe des Forschungsbudgets ab. Es ist leicht für ein Unternehmen, ein so genanntes Me-too-Präparat zu entwickeln, um mit dem neuen Produkt eines Konkurrenten mitzuziehen. Wenn man bedenkt, dass nur ein Fünftel der Medikamente, die klinisch getestet werden, letztlich auf den Markt kommen, kann man verstehen, warum die Unternehmen Risiken scheuen. Wirkliche Innovationen entstehen aber nur durch die Entwicklung völlig neuer Arten von Medikamenten. Um dieses Wissen zu entwickeln, müssen die Regierungen eine starke Grundlage für Forschung in Universitäten und in den Forschungsabteilungen der Unternehmen schaffen. Es war ein Fehler der Industrie, ihre Forschungen vom akademischen Betrieb abzukoppeln. Historische Studien zeigen, welch zentrale Rolle die Zusammenarbeit dieser beiden Bereiche bei der Entwicklung neuer Behandlungen gespielt hat. Der Biotechnologiesektor ist hier und da zum Bindeglied zwischen der Pharmaindustrie und den Universitäten geworden. Aber die Ergebnisse waren bisher enttäuschend.

In den Siebziger- und Achtzigerjahren flossen reichlich Innovationen aus den Laboratorien. Um die Jahrhundertwende scheint dieser Fluss auszutrocknen, zumindest wenn es um jene Krankheiten geht, an denen jedes Jahr Millionen Menschen sterben. Die Investition in die Entschlüsselung des menschlichen Genoms wird langfristig eine neue Ära der Innovation herbeiführen. Es wird aber mindestens ein Jahrzehnt dauern, bevor sich dies in besseren Arzneien niederschlagen wird.

Was kann die Politik beitragen, um die Innovationsdurststrecke zu überwinden? In den Industrieländern wäre ein auf dreißig Jahre, also um zehn Jahre verlängerter Patentschutz der beste Anreiz. Kurzfristig würde das zwar die Kosten im Gesundheitssystem erhöhen, weil es billigere Generika länger vom Markt ausschlösse. Langfristig würden so jedoch mehr Mittel für die Forschung frei, und die Unternehmen stünden auch nicht mehr unter Druck, unzureichend getestete Produkte auf den Markt zu bringen. Eine solche Wende in der Politik und in der Geschäftsstrategie würde die Pharmaindustrie weniger zu einer Zielscheibe der Kritik und wieder mehr zu einem Partner der Gesellschaft machen.

Richard Horton ist Chefredakteur von "The Lancet", einer der weltweit führenden medizinischen Fachzeitschriften.

Dieser hier gekürzt wiedergegebene Aufsatz erschien zuerst in der Augustausgabe des britischen Magazins "Prospect".

Übersetzung: Oliver Hochadel

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