Der Preis ist heiß

Edith Bachkönig | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Sechs Prozent der verordneten Arzneimittel in Österreich sind Generika: nachgeahmte Arzneimittel, die billiger sind als Originalpräparate. Nach Ansicht der Krankenkassen sollte daher viel mehr davon verschrieben werden. Die Pharmaindustrie knüpft ihre Zustimmung an Bedingungen, die mögliche Einsparungen vermutlich wieder neutralisieren würden.

Das Allheilmittel? Aut idem. In Apotheken laufen Generika unter einem lateinischen Label: "oder gleichwertig". Die Wirkungen dieser besonderen Medikamente beschränkt sich dabei aber nicht auf die Kranken, denn auch das finanzmarode Gesundheitssystem könnte durch sie geheilt werden. Generika sind Nachahmungen von Arzneimitteln, deren Patentschutz abgelaufen ist und die deshalb auch billiger verkauft werden können. Der Generaldirektor des europäischen Generika-Verbandes, Greg Perry, fordert die EU-Staaten nun auf, ihre Märkte zu öffnen. So könnten in der EU über 13 Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden.

Mit einem Generikaanteil von sechs Prozent der verschriebenen Arzneimittel liegt Österreich EU-weit im unteren Feld. Einen geringeren Marktanteil, nämlich ein Prozent, haben Italien und Spanien. Weit darüber liegen die Niederlande und Deutschland mit über dreißig Prozent. In den skandinavischen Ländern verschreiben die Ärzte bereits mehr Generika als Originalpräparate, in Schweden sind es mittlerweile gar achtzig Prozent. Dort gibt es auch eine entsprechende Verordnung: Ärzte müssen so viel Generika verschreiben wie möglich.

Österreich will hinsichtlich des Generika-Anteils einen anderen, "sanften" Weg gehen und auf Überzeugungsarbeit setzen. Eine Umfrage der Wiener Gebietskrankenkasse hat ergeben, dass mehr als neunzig Prozent der praktischen Ärzte bereit wären, mehr Generika zu verschreiben. Warum verordnen sie dennoch viele teure Originalpräparate? Viele Ärzte antworteten, dass sie dies nur selten aus eigenem Antrieb täten, sondern aufgrund von Therapieempfehlungen von Fachärzten.

Misstrauen der Patienten. Hinzu kommt das Misstrauen der Patienten, die nach einer Krankenhausentlassung vom praktischen Arzt Generika verschrieben bekommen. Denn sobald die Packung anders ausschaut oder die Tablette eine andere Farbe hat, glauben viele Patienten, dass auch etwas anderes drin ist. Deshalb müssen die Patienten davon überzeugt werden, dass Generika dieselbe Qualität haben wie Originalpräparate und dieselbe Wirkung.

Das Beispiel Steiermark zeigt, wie dies funktionieren könnte. Dort wurden Patienten schriftlich über Generika informiert. Die Ärzte haben außerdem mit jedem einzelnen Patienten darüber geredet, welche Arzneimittel es für ihn gibt und ob er einverstanden ist, einmal ein anderes, billigeres zu nehmen. Gezwungen wurde niemand dazu, damit das Vertrauen der Ärzte nicht verspielt wird.

So konnten in der Steiermark in einem Jahr immerhin mehr als 15 Millionen Euro bei den Arzneimittelausgaben eingespart werden. Hochgerechnet auf ganz Österreich wären das mehr als 150 Millionen Euro. Der Versuch hat allerdings auch ein wesentliches Hindernis bei der Verschreibung gezeigt: In Apotheken waren nicht immer jene Generika vorhanden, die man benötigt hätte.

Ministerieller Einsparwille. Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat hat dieser Tage ein neues "Arzneimittelpaket" angekündigt, das ab dem 1. Jänner 2004 wirksam werden soll. Teil dieses Pakets ist es, dass Generika nicht nur für Krankenkassen, sondern auch für die Patienten billiger werden sollen. Dazu plant Rauch-Kallat eine Senkung der Rezeptgebühr für Generika von bisher 4,25 Euro auf 2,80 Euro. Gemeinsam mit den bereits im Budgetbegleitgesetz beschlossenen Maßnahmen hofft die Gesundheitsministerin, mit dieser Neuregelung das Kassendefizit im Jahr 2005 von erwarteten 905 Millionen Euro auf 280 Millionen Euro zu drücken.

Zusätzlich wird es künftig ein neues Rabattsystem geben, das Medikamente um dreißig Prozent und Generika noch einmal um 25 Prozent billiger machen soll. Auch eine Senkung der Handelsspannen für den Medikamentengroßhandel und die Apotheken ist geplant. Der Hauptverband erhofft sich dadurch Einsparungen von fast fünfzig Millionen Euro jährlich.

Das ministerielle Paket sieht schließlich auch noch die Einsetzung einer unabhängigen Heilmittelkommission vor, die den Mehrwert eines Medikaments evaluiert, um nicht mehr allein auf Studien der Pharmaunternehmen angewiesen zu sein. So sollen "Scheininnovationen" verhindert werden (siehe Interview unten).

Widerstand der Pharmalobby. Die Preise für ein neues Originalpräparat werden von den einzelnen Pharmafirmen nach den Entwicklungskosten berechnet. Die Entwicklung eines einzigen Medikaments kostet laut ihren Angaben rund eine Milliarde Euro und dauert bis zur Zulassung sieben bis zehn Jahre. Zum Fabrikspreis kommen noch zwölf Prozent für den Großhandel, dreißig Prozent für die Apotheken und zwanzig Prozent für das Finanzamt dazu.

Die Pharmaindustrie will sich ihre Zustimmung zu den geplanten Reformen entsprechend teuer bezahlen lassen. Sie ist nur bereit, einen höheren Generikaanteil mitzutragen, wenn im Gegenzug die heimischen Medikamentenpreise auf den EU-Durchschnitt angehoben werden. Dieser liegt laut der Pharmalobby Pharmig 14 Prozent über den heimischen Preisen. Damit scheint fraglich, ob für die Patienten Medikamente unter dem Strich tatsächlich billiger werden.

Die Forderungen der Pharmig gehen aber noch weiter: Derzeit werden die Generikapreise vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger bestimmt. Sobald der Patentschutz für Originalpräparate abgelaufen ist, verringert der Hauptverband die Preise automatisch um 23 Prozent. Pharmig verlangt, dass diese starre Preisreduktion aufgegeben wird, weil so der Preisunterschied zwischen Generika und Originalpräparaten noch deutlicher ausfallen würde. Er könnte wie in Deutschland zwischen dreißig und vierzig Prozent betragen. Und so wäre auch der Anreiz für Ärzte größer, Generika zu verschreiben.

Mit der Liberalisierung hält sich die Pharmaindustrie allerdings natürlich auch eine ganz andere Option offen: Sie könnte die Generikapreise in einem freien Markt auch jederzeit anheben.

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