"An der Nase herumgeführt"

aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Der Großteil der Medikamente, die die pharmazeutische Industrie auf den Markt bringt, sind keine Innovationen, sondern lediglich Altes in neuen Schachteln, kritisiert Silvio Garattini von der European Agency for the Evaluation of Medical Products. Die meisten Medikamente bedeuten für die Patienten keinen Fortschritt, sondern verhelfen nur der Industrie zu Gewinnen und treiben die Gesundheitskosten in die Höhe.

heureka: Wie viele der neuen Medikamente sind auch wirklich besser?

Silvio Garattini: Zahlreiche Studien belegen, dass weniger als 15 Prozent der pharmazeutischen Innovationen einen therapeutischen Fortschritt in der Medizin bringen. Neue Medikamente sind oft alte Hüte in neuer Verpackung. Die Wurzel des Übels liegt in der EU-Zulassungspolitik. In vielen Fällen werden Medikamente zugelassen, um den Marktinteressen und nicht den Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden. Bei der Zulassung wird darauf geachtet, dass die Qualitäts-, Wirksamkeits-, und Sicherheitsrichtlinien eingehalten werden, nicht aber darauf, ob gegen dasselbe Leiden bereits Medikamente existieren.

Schreibt das Zulassungsgesetz keinen Vergleich von neuen mit alten Medikamenten vor?

Das Zulassungsgesetz verlangt keinen Vergleich. Und wenn Vergleiche gemacht werden, dann nicht, um herauszufinden, ob das Medikament besser ist, sondern ob es andere Nebenwirkungen hat oder ob man neue Patientengruppen damit gewinnen kann. Die meiste Forschung wird betrieben, um gleiche oder ähnliche Medikamente auf den Markt zu bringen. Das heißt, man forscht, um ein Stück Kuchen vom Markt zu erhaschen. Die Medikamente sind zwar die gleichen, nicht aber der Preis. Die neuen Medikamente kosten um vieles mehr als die alten.

In die Gesetzgebung für die Zulassung sollte der Nachweis des zusätzlichen Nutzens des Medikamentes eingeflochten werden. Dieses Konzept ist sehr wichtig, denn es erfordert, dass Vergleiche gemacht werden.

Würden davon die Patienten profitieren?

Sicherlich. Denn es würde dazu führen, dass mehr Medikamente gegen Krankheiten entwickelt würden, gegen die es derzeit zu wenige oder gar keine Medikamente gibt. In vielen Bereichen haben wir viele Medikamente, die gleich sind, in anderen haben wir gar keine, weil die Industrie kein wirtschaftliches Interesse daran hat, diese zu entwickeln. Etwa Medikamente für Kinder oder gegen seltene Krankheiten und Tropenkrankheiten. Wenn kein wirtschaftliches Interesse besteht, gibt es keine Forschung durch die Industrie.

Bei der Entwicklung neuer Medikamente werden viele Tests mit Patienten durchgeführt. Warum macht das die Industrie, wenn ohnehin kein neuer therapeutischer Nutzen zu erwarten ist?

Die Menschen, an denen die Mittel getestet werden, werden von der Industrie an der Nase herumgeführt. Ihnen wird vorgetäuscht, dass innovative Arzneimittel entwickelt werden. Aber in Wirklichkeit werden klinische Tests nur durchgeführt, weil die Industrie die Ergebnisse für die Zulassung benötigt. Die Patienten haben aber gar nichts davon. Und das wird ihnen nicht einmal gesagt. E. B.

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