Gesünder, als der Arzt erlaubt

Stefan Löffler | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Krankheit ist keine Schande, Krankheit ist ein Wirtschaftsfaktor. Für Mediziner und Pharmaindustrie bedeutet jeder, der vorübergehend auf seine Gesundheit verzichten kann, ein Zubrot. Darum werden ständig neue Krankheiten auf den Markt geworfen. Die Rechnung zahlen wir alle. Drei Bücher analysieren die Medikalisierung des Lebens auf jeweils eigene Weise.

Was soll ein Arzt sagen, wenn auf die vermeintlichen Beschwerden, die ein beunruhigter Patient ihm vorträgt, keine Krankheit passt? Von "medizinisch unerklärlich" oder "psychosomatisch" sollte er lieber nicht sprechen. Rutscht ihm ein "hysterisch" oder "eingebildet" heraus, hat er den Patienten womöglich das letzte Mal gesehen. Also behilft sich der Arzt mit einer Formulierung, die irgendwie nach einer Diagnose klingt. Es gibt Studien, die belegen, dass der Patient damit zufriedener sein wird, als wenn er als "kerngesund" entlassen wird. Mit einer Diagnose geht es den meisten gleich besser. Und die verlangt ja auch die Krankenkasse, die den Arztbesuch bezahlt.

Das Spektrum an Diagnosen wird immer breiter. Die neuen Leiden sind in den seltensten Fällen gefährlich. Problemen des normalen Lebens wie Unwohlsein vor der Regel, Haarausfall oder sexuelle Lustlosigkeit wird Krankheitswert zugesprochen. Aus leichten Symptomen werden Syndrome wie der "Reizdarm" konstruiert. Selbst die Zuordnung in eine Risikogruppe wegen zu niedrigen oder zu hohen Blutdrucks genügt als Behandlungsgrund. Schätzungen zufolge spielt sich schon jeder zweite Arztbesuch in diesem Graubereich ab.

Die Lebenserwartung steigt, nie hat sich eine Gesellschaft bewusster ernährt und mehr Sport getrieben als heute. Wenn die Menschen nun immer gesünder werden, muss man ihnen ihre Zipperlein eben einreden. "Für die Medizinindustrie bildet die Diagnose die Geschäftsgrundlage und zugleich das erste Glied in der Wertschöpfungskette", analysiert der deutsche Medizinjournalist Jörg Blech. Wo kein Bedarf ist, werden Bedürfnisse geschaffen. Darum werden Kampagnen inszeniert, um vermeintliche Krankheiten bekannt zu machen.

Den dazu gehörigen Anstrich der Wissenschaftlichkeit verleihen Veröffentlichungen, die sich bei näherer Betrachtung meist als wertlos oder kaschiertes Marketing für diese "neuen Krankheiten" erweisen. Zum Spiel gehören Medizinprofessoren, die gegen üppiges Honorar vor Journalisten oder Ärzten über die Wechseljahre des Mannes referieren, und PR-Agenturen, die im Auftrag der Pharmafirmen Medienberichte über das Sisi-Syndrom (durch Heiterkeit überspielte Depression) oder das Käfig-Tiger-Syndrom (Familienväter, die es zu Hause nicht aushalten) lancieren. Immer öfter wird auch gleich eine vermeintlich unabhängige Organisation oder Selbsthilfeliga ins Leben gerufen.

Nach diesem Muster ist in den letzten Jahren die soziale Phobie (nüchterne Zeitgenossen würden von einer ausgeprägten Schüchternheit sprechen) zum Krankheitsbild aufgebauscht worden. Schon in den Fünfzigerjahren hatten Millionen US-Amerikaner ein Präparat namens Miltown geschluckt, um mit Schüchternheit fertig zu werden. Aber erst Paxil brachte den Durchbruch. Allein 1999, im Jahr der Zulassung in den USA, investierte sein Hersteller SmithKline Beecham mehr als neunzig Millionen Dollar in eine der aggressivsten Kampagnen, die die Pharmawelt gesehen hat.

Vor drei Jahren war in der Zeitschrift "Forum der Psychoanalyse" zu lesen, dass auch mit dem Gegenpart der Sozialphobiker, also den stets gut gelaunten Zeitgenossen, etwas nicht stimmt. "Generalisierte Heiterkeitsstörung" hieß das vorgestellte Leiden, die Symptome seien Sorglosigkeit und Realitätsverlust. Den allerdings mussten sich auch viele Ärzte, die dem Autor Glauben schenkten, attestieren lassen. Der Scherzartikel enttarnte, wie weit die Diagnosegläubigkeit mittlerweile geht.

Ein kurioses Beispiel anderer Art sind die gegenwärtigen Bestseller der Pharmaindustrie: Statine werden nicht etwa bei Beschwerden verschrieben, sondern bei erhöhtem Cholesterinspiegel. Laut einer voriges Jahr in Großbritannien vorgestellten Langzeitstudie reduzieren täglich eingenommene Statine tatsächlich die Zahl der nötigen Behandlungen und die Sterblichkeit in Folge von Gefäßerkrankungen um ein paar Prozente. Allerdings zeigte sich auch, dass die Senkung des Cholesterinspiegels dazu nichts beigetragen hat. Vielmehr haben die Statine anscheinend die Gefäßwände stabilisiert und so das Risiko von Entzündungen verringert. Kriegen also bald alle ab einem bestimmten Alter die Segen spendenden Präparate verschrieben? Hauptsache, es wirkt, denken sich auch die Eltern und Lehrer angesichts von früher anscheinend nicht in diesem Ausmaß anzutreffenden zappeligen Kinder. Das bereits 1944 synthetisierte Ritalin schaffte seinen Durchbruch so richtig erst 1987 mit der Einführung der Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS). Dabei wurde die übliche Reihenfolge von Indikation und Therapie laut Blech einfach umgekehrt: Zeigt die Pille Wirkung, ist es ADHS.

Willkommen in Amerika. Dort schlucken mittlerweile viele Erwachsene Ritalin, um länger arbeiten zu können oder bei Prüfungen in Hochform zu sein. Ein Präparat namens Provigil, das eigentlich Narkoleptiker vor Schlafattacken schützen soll, ist unter partyfreudigen Yuppies angesagt. Während wiederkehrender Depressions-Bewusstseinskampagnen haben Millionen ihre Traurigkeit entdeckt und darin die Chance, in den Genuss der legalen Droge Prozac zu kommen.

Seine Landsleute, so der Bioethiker Carl Elliott von der University of Minnesota, haben eine Obsession, alles aus sich herauszuholen, und dazu sei ihnen jedes Mittel recht. Es reiche nicht, wenn es einem gut geht: etwas verbessern lässt sich immer, und sei es, dass jemand, der zum Erröten neigt, die operative Trennung einiger Nervenstränge in Erwägung zieht. Schüchternheit muss in den USA geradezu als Epidemie gelten, so viele Arzneien, Therapien und Selbsthilfebücher sind dort mittlerweile auf dem Markt. Gesteigertes Wohlbefinden will zur Schau gestellt sein, und dafür sind US-Amerikaner auch bereit, tief in die eigene Tasche zu greifen.

In Europa tut man sich aus einem anderen Grund schwer, dem Marketingdruck der Medizinindustrie zu widerstehen: Die bestmögliche medizinische Versorgung gilt nun mal als Grundrecht. Kaum etwas ist so unpopulär wie Einsparungen bei der Gesundheit. So schaut die Politik lieber weg, wenn Milliarden für überflüssige Untersuchungen und wirkungslose Behandlungen verschleudert werden.

Doch mitunter zeigt Medikalisierung ihre Schattenseiten. So ist die vor wenigen Jahren noch für allerlei unbewiesene Segnungen gelobte Hormonersatztherapie für Frauen im Wechsel in Verruf geraten. Wirkungsstudien, die eigentlich den Beweis ihres Nutzens zutage fördern sollten, zeigten erheblich erhöhte Risiken für Brustkrebs und andere gefährliche Leiden auf. Die Hormonersatztherapie war von der Industrie aggressiv vermarktet worden. Ärzte hatten sich zu willfährigen Komplizen gemacht. Auch die Medizinberichterstattung in den Medien hatte keine rühmliche Rolle gespielt. Mit einem Kommentar im "British Medical Journal" des Medizinjournalisten Ray Moynihan, der in den letzten Jahren immer wieder Verstrickungen zwischen Pharmaindustrie und ärztlichem Establishment enthüllt hat, setzte im vorigen Jahr eine massive Kritik ein an denen, die uns für kränker erklären, als wir sind.

Eine flammende Anklage gegen die Pharmaindustrie und die Mediziner, die mit ihr im Bunde stehen, hat der "Spiegel"-Redakteur Jörg Blech vorgelegt. Werner Bartens ist das Thema vergnüglicher angegangen und hat dabei wohl unzählige Partygespräche aufgearbeitet, denn was ist ein besserer Smalltalkstoff als die Zipperlein, an denen man leidet? Er schreibt über Krankheiten, die in Mode sind (Restless-Leg- oder Sick-Building-Syndrom), es einmal waren (Nervenzusammenbruch, Magengeschwür) oder auf bestimmte Zielgruppen zugeschnitten sind. Aber in Wahrheit seziert er eine Befindlichkeitskultur, die geradezu nach Krankschreibung lechzt.

Laut Klappentext ist Werner Bartens "Arzt, Historiker und Hypochonder. Er studierte Medizin, Geschichte und Germanistik". So also wird man Hypochonder. Ein leichter Plagiatschmerz, den er bei der Lektüre des Buchs von Blech empfunden haben dürfte, war allerdings kein Phantom. Inhaltlich gibt es viele Überschneidungen, stellenweise argumentieren beide gleich, trotzdem erwähnt Blech das fünf Monate früher erschienene Buch von Bartens mit keiner Silbe. Wer das eine oder das andere gelesen hat, wird bis auf weiteres keiner Diagnose bedürfen.

Werner Bartens: Was hab ich bloß? Die besten Krankheiten der Welt. München 2003 (Droemer). 384 S., e 20,50

Jörg Blech: Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden. Frankfurt a.M. 2003 (S. Fischer). 256 S., e 18,40

Carl Elliott: Better than Well. American Medicine meets the American Dream. New York 2003 (Norton). 357 S., ca. e 25,-

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