Reformchinesisch

aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Elektronische Krankenakte   Digitale Dokumentation aller Diagnosen und Behandlungen eines Patienten. Das innerhalb einzelner Spitäler erprobte Verfahren könnte als bundesweite Praxis zur Vermeidung von Doppeldiagnosen und Behandlungsfehlern beitragen. Einsparungen wären wegen der erforderlichen Investitionen erst längerfristig zu erwarten. Der Vorschlag des Innsbrucker Biostatistikers Heinz Peter Pfeiffer geht über die jüngst vorgestellten Pläne für eine Versichertenchipkarte hinaus. So oder so hegen Datenschützer Befürchtungen, dass die Patientendaten nicht sicher zu verschlüsseln seien und ihr Missbrauch durch Spitäler und Ärzte überhaupt nicht zu verhindern sei.

Gesundheitsförderung   Auch Primärprävention genannte Verbesserungen der Rahmenbedingungen für die Erhaltung der Gesundheit in Betrieben, Schulen, anderen öffentlichen Einrichtungen und Privathaushalten. Derzeit wird in Österreich verstärkt auf Kommunikation gesetzt, um Menschen zu mehr Bewegung und bewusster Ernährung anzuhalten. Das österreichische Gesundheitsförderungsgesetz gilt als fortschrittlich. Zur Koordination ist der regierungsunabhängige Fonds Gesundes Österreich eingerichtet worden.

www.fgoe.at

Großbritannien   In vielen Aspekten führendes Gesundheitssystem, etwa in der Gesundheitsförderung, bei integrierter Versorgung, evidenzbasierter Medizin oder Patientenrechten. Auf britische Vorbilder zu verweisen, kommt in der österreichischen Diskussion allerdings einem Eigentor gleich, weil mit Großbritannien allein die auf die Thatcher-Ära zurückgehende Rationierung zahlreicher Behandlungen assoziiert wird.

Integrierte Versorgung  Medizinische Leistungen aus einem Verbund. Geht oft einher mit einem festen Hausarzt, der zur Weiterbehandlung an Spezialisten verweist. Aus Versichertensicht macht die Wahl zwischen dem üblichen, atomisierten Versorgungsmodell bei weitgehend freier Arztwahl und integrierter Versorgung bei niedrigeren Beitragssätzen mehr Sinn als Wettbewerb zwischen Krankenkassen, die von Gesetz wegen die gleichen Leistungen bieten.

Kostenexplosion  In nahezu allen Industrieländern auftretendes Phänomen: Die Kosten des Gesundheitssystems wachsen schneller als das Sozialprodukt. Das ist nicht zuletzt dadurch bedingt, dass die profitierenden Leistungsanbieter erheblichen Einfluss auf die Nachfrage haben. Berechnungen über die Gesundheitsausgaben in Österreich schwanken zwischen (im Vergleich mit Deutschland oder der Schweiz niedrigen) 8,3 Prozent und 10,9 Prozent des Sozialprodukts. Bei bleibender Rechtslage rechnen die hiesigen Krankenkassen bis 2006 mit einem Fehlbetrag von einer Milliarde Euro.

Public Health   Auch Gesundheitswissenschaft genanntes Fach, das die kurativ vorgehende Medizin ergänzt und vom angloamerikanischen Raum aus Verbreitung gefunden hat. Obwohl der Grundgedanke in Österreich bereits im 18. Jahrhundert präsent war, als Kaiserin Maria Theresia die Ausbildung von Hebammen förderte und so genannte Gesundheitspolizisten hygienische Missstände beseitigten, ist Public Health hier bislang kaum vertreten. Die Österreichische Gesellschaft für Public Health versuchte in den Neunzigerjahren vergeblich, einen nationalen Forschungsverbund zu installieren. Immerhin läuft ein erster Studiengang seit 1999 in Graz.

www.oeph.at

Schnittstellenmanagement   Koordination zwischen verschiedenen Abschnitten einer Behandlung. Insbesondere stationäre und ambulante Therapie greifen in Österreich nur schlecht ineinander.

Sozialepidemiologie   Erforschung der ökonomischen und psychosozialen Ursachen der Verteilung von Gesundheit und Krankheit in einer Gesellschaft. In Österreich kaum vertretenes Fach, das den Beitrag der medizinischen Versorgung auf die in den Industrienationen im Lauf des 20. Jahrhunderts in etwa verdoppelte Lebenserwartung (in Österreich derzeit Männer 76 Jahre, Frauen 82 Jahre) auf gut zwanzig Prozent berechnet. Andere Faktoren sind bessere Wohnungen, Hygiene, Bildung, Lebensmittelsicherheit und geringere Arbeitsbelastung.

Richard Wilkinson: Kranke Gesellschaften. Soziales Gleichgewicht und Gesundheit. Wien 2001 (Springer). 312 S., e 36,50

Versorgungsforschung   zentrales Betätigungsfeld der Gesundheitsökonomie, für die in Innsbruck gerade der erste österreichische Lehrstuhl eingerichtet wird. Es wird zwischen Unter-, Über- und Fehlversorgung unterschieden.

Oskar Meggeneder (Hg.): Über-, Unter- und Fehlversorgung. Vermeidung und Management von Fehlern im Gesundheitswesen. Frankfurt a. M. 2003 (Mabuse). 219 S., e 23,50

S. L.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige