Kein Kochbuch

aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

"Evidenzbasierte Medizin ist so arbeitsintensiv, dass man sie nicht bei jedem Patienten praktizieren kann. Man macht es in den Fällen, die öfter vorkommen oder die einen besonders interessieren. Die Recherche beginnt immer bei einem konkreten Patienten und mit einer spezifischen Fragestellung. Ich möchte zum Beispiel wissen, ob es nach Blutungen aus Krampfadern der Speiseröhre von Vorteil ist, eine antibiotische Therapie als Infektionsprophylaxe einzuleiten. Dazu suche ich in medizinischen Datenbanken nach Studien über diese Behandlung. Die gefundenen Studien sind nicht alle gleichwertig, sondern von unterschiedlicher Qualität; es gibt dabei eine Rangordnung der Beweiskraft. Am wertvollsten sind randomisierte Studien, bei denen die Patienten zufällig der einen oder anderen Behandlungsgruppe zugeordnet werden. Darunter rangieren Studien ohne Randomisation, jedoch mit zeitgleichen Kontrollgruppen, schlussendlich Fallsammlungen und Einzelberichte. Nach der Analyse der Ergebnisse frage ich mich in einem letzten Schritt, inwiefern die Ergebnisse auf meinen konkreten Patienten anwendbar sind oder er sich zu stark, etwa durch sein Alter, von den Patienten der Studien unterscheidet.

EBM ist also keineswegs Heilen nach Kochbuch. Als Arzt muss ich am Ende immer noch selbst entscheiden, aber eben auf einem höheren Niveau an Information. Stößt man auf widersprüchliche Ergebnisse, muss man die jeweils untersuchten Patientengruppen im Detail vergleichen. Die EBM ist hier auch schon einen Schritt weiter, indem sie Studien zur gleichen Frage zusammen betrachtet und einer Metaanalyse unterwirft. So kann man noch präzisere Aussagen über die Wirksamkeit einer Behandlungsmethode treffen. Mein Wissen über EBM habe ich mir vor zehn Jahren selbst erarbeitet und gebe es auch weiter; ohne eigenes Engagement geht nichts. EBM ist ein Modewort geworden, und das ist gut so. Aber es wird mehr darüber geredet als sie tatsächlich praktiziert wird."

Christian Müller ist Professor für Innere Medizin an der Klinischen Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie am Allgemeinen Krankenhaus Wien.

HTA in Österreich: www.oeaw.ac.at/ita/hta

Infos zu EBM:

www.cochrane.de

www.evibase.de

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