Gesunde Verhältnisse

Martina Gröschl | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Jahrzehntelang haben Pflegewissenschaftlerinnen in Österreich vergeblich für die Institutionalisierung ihres Fachs gekämpft. Nun könnte es auf einmal ganz schnell gehen. Ärzte werden entlastet, Schwestern und Pfleger besser geschult und professionell geführt. Vielleicht wird man bald fragen, wie Österreich so lange ohne eine hoch qualifizierte und forschende Pflegeelite ausgekommen ist.

Ursprünglich waren auch viele Männer in der Krankenpflege tätig. Zum Frauenberuf wurde die Pflege erst im 19. Jahrhundert. Frauen hatten damals wenige Alternativen, Geld zu verdienen. Ab etwa 1850 drängten verstärkt Ordensschwestern in die Pflege. Diese wurde als karitative Tätigkeit und als Akt der Nächstenliebe gesehen. Frauen, die mit der Betreuung von Kranken und Alten ihr Geld verdienten, wurden stigmatisiert. Dieses schlechte Ansehen sollte einer Professionalisierung noch lange im Weg stehen.

1882 nahm am Rudolfinerhaus in Wien die erste Krankenpflegeschule auf dem Gebiet des heutigen Österreich den Lehrbetrieb auf. Erst 1914, als am Vorabend des Ersten Weltkriegs Engpässe bei der Versorgung verwundeter Soldaten befürchtet wurden, führte der Staat eine entsprechende Ausbildung ein. Bis vor wenigen Jahren blieb die Pflege eine der Medizin untergeordnete Hilfstätigkeit. Erst das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz von 1997 brachte die volle Anerkennung als eigenverantwortlicher Beruf.

Vor diesem Hintergrund nimmt es fast Wunder, dass die Pflegewissenschaft hierzulande überhaupt schon zarte Wurzeln geschlagen hat. In den USA hat die Akademisierung der Pflege bereits in den Fünfzigerjahren eingesetzt und kam von dort über Großbritannien und Skandinavien nach Europa. Viele Aufgaben, die hier offiziell nur Ärzte ausüben dürfen, wie Routinediagnosen oder das Legen von Kanülen, werden in diesen Ländern seit langem von hoch qualifizierten Schwestern erledigt. Mit dieser Eigenständigkeit tut man sich in österreichischen und deutschen Spitälern, wo der Arzt im Mittelpunkt steht, bis heute schwer.

Akademisch qualifiziertes Pflegepersonal soll aber nicht nur die Ärzte entlasten und erst recht nicht die nicht akademisch ausgebildeten Diplomschwestern verdrängen. Im Gegenteil, ihr Tätigkeitsfeld umfasst den Wissenstransfer und die Ausbildung der übrigen Pfleger, die Führungs- und Planungsaufgaben in Krankenanstalten und Pflegeheimen und die Forschung über die Wirksamkeit von Pflegemethoden, um evidenzbasierte Pflege leisten zu können, sowie die Kommunikation mit Patienten. Für diese Aufgaben, so die Faustregel, sollten etwa zehn Prozent des Pflegepersonals mindestens eine Fachhochschule oder eine universitäre Ausbildung absolviert haben. Dass diese Leute erheblich besser bezahlt werden müssen als Diplomschwestern, ist wirtschaftlich allein schon durch die Umschichtung bisheriger Ärzteaufgaben wettzumachen.

In Deutschland hat die Akademisierung der Pflege zwar vor etwa zehn Jahren eingesetzt. Fünf Universitäten und rund fünfzig Fachhochschulen bieten das Fach mittlerweile an. Doch die Kluft zwischen Theorie und Praxis erweist sich als schwer zu überbrücken. "Es gibt kaum Verbindungen zwischen den Krankenpflegeschulen und den höheren Ausbildungsformen", sagt Berta Schrems, freie Pflegewissenschaftlerin und Personalentwicklerin. Die Arbeitsbedingungen seien auch in Deutschland nahezu unverändert schlecht.

Liegt es an den Skandalen von Lainz, dass im Ruf nach umfassenden Reformen der Pflege das Thema Akademisierung wieder auf der Tagesordnung steht? Oder sind es die Prognosen, denen zufolge die Zahl von zurzeit 550.000 pflegebedürftigen Österreichern bis 2020 um etwa die Hälfte wachsen wird? Dass hierzulande noch vergleichsweise viel Pflege von Angehörigen übernommen wird - jede vierte Familie ist betroffen -, deutet darauf hin, dass der Personalbedarf wohl noch stärker steigen wird.

Ende Oktober fand in Wien das erste bundesweite Treffen akademisch ausgebildeter Pfleger und Pflegerinnen in Österreich statt: vor allem Absolventen von Psychologie, Soziologie oder Pädagogik, die auch eine Pflegeausbildung haben. Zugegen war auch Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. Die Ministerin hielt nicht etwa eine unverbindliche Begrüßungsrede, sondern erteilte den Auftrag, einen Studienplan für die Pflegewissenschaft zu entwickeln, - und zwar an Elisabeth Seidl. Für die Linzerin, die seit langem für einen eigenen Studiengang kämpft, war es "das erste wirklich konkrete Angebot seitens der Frau Minister".

Aber das ist nicht das einzige Hoffnungszeichen. Die Universität Wien hat erstmals eine Professur für Pflegewissenschaft ausgeschrieben, freilich nur eine vom Österreichischen Roten Kreuz, dem Roten Kreuz Wien und der Caritas finanzierte Stiftungsprofessur, die auf vorerst drei Jahre befristet ist. Doch diese Zeit sollte reichen, um das eine oder andere Forschungsprojekt auf den Weg zu bringen und vor allem ein ordentliches Diplomstudium zu etablieren, das dann dem Bildungsministerium zur Zulassung vorgelegt werden kann.

Eine fast zwanzig Jahre alte Forderung könnte sich damit erfüllen. Schon 1985 sind in Wien beim internationalen Kongress "Pflegeforschung für eine bessere Krankenpflege" mögliche Inhalte eines Studiums für lehrendes oder leitendes Pflegepersonal ausgearbeitet worden. Doch Geld vom Bildungsministerium gab es dafür nicht. Österreichtypisch hat sich die Pflegewissenschaft in Provisorien eingerichtet. An der Universität Graz kann das Fach seit 1986 in Fächerkombination studiert werden, doch Versuche, es als so genannte zweite Studienrichtung auszubauen, scheiterten an fehlenden Mitteln. An der Universität Wien ist seit 1999 immerhin ein individuelles Diplomstudium Pflegewissenschaft möglich. Mehr als 200 Studierende belegen dafür Lehrveranstaltungen aus Soziologie, Medizin, Psychologie und Pädagogik, das Kernfach wird dabei von der von Elisabeth Seidl geführten Abteilung Pflegeforschung der Universität Linz bestritten. Dieses Jahr gab es die ersten Absolventinnen und Absolventen.

Ausgerechnet die Medizinerschmieden, die bislang wenig taten, um die Akademisierung der Pflege zu fördern, zimmern mittlerweile selbst an einschlägigen Studienplänen. An der UMIT-Tirol, der privaten Universität für Medizinische Informatik und Technik in Innsbruck, soll ab Wintersemester 2004/05 ein "Bachelor of Science in Nursing" angeboten werden. An der Medizinischen Universität Wien will Rektor Wolfgang Schütz innerhalb von drei Jahren die Pflegewissenschaft einführen, möglicherweise als Fachhochschul-Studiengang, was dem praktisch ausgerichteten Fachgebiet entsprechen würde und sich in anderen europäischen Ländern bereits bewährt hat. Dass dadurch die mittlerweile eingeleitete Etablierung der Pflegewissenschaft an der Universität Wien gefährdet ist, glaubt Elisabeth Seidl nicht. "Auf die Medizin gehen wir zu, aber es soll abgesprochen sein." Es gebe genug Interessenten für zwei Studienrichtungen in Wien, glaubt Seidl: "Wichtig ist, nicht zu konkurrieren."

Elisabeth Seidl, Ilsemarie Walter (Hg.): Pflegeforschung aktuell. Studien - Kommentare - Berichte. Wien (Wilhelm Maudrich) 2002. 203 S., e 22,20

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