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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Sie sind überall. In den Stadtzentren sammeln sie in voller Montur Geld. Im Fernsehen geben sie launige Interviews. Sie schicken einem Briefe nach Hause. Ein Hollywood-Film wurde über sie gedreht. Kaum etwas auf der Welt ist so unanzweifelbar gut wie die Cliniclowns. Nur ich mag sie nicht.

Spricht das gegen die Clowns? Aber nein. Gegen mich? Natürlich. Es liegt an mir, ich weiß es und schäme mich. Jeder andere freut sich, wenn ihm die rotnasigen, weiß bekittelten Humoramateure in ihren großen Schuhen begegnen. Bloß ich nicht. Unbestritten, sie helfen kranken Kindern. Aber müssen sie darum ständig in der Öffentlichkeit sein? Denn, und hier liegt das Problem: Sie sind nicht lustig.

Da hilft nichts, Komik ist eine Sache für Profis. Amateurkomiker im öffentlichen Raum sind eine Qual. Nur Pantomimen oder lebende Statuen (wirf Geld in die Blechdose, und sie winkt dir zu!) sind noch schlimmer. Vermutlich bewirken die Clowns im Kinderkrankenhaus tatsächlich Wunder, und dafür sollen sie auch Unterstützung erhalten. Aber wie angenehm wäre mein Leben, wenn mir ihre Fernsehauftritte, ihre Straßenvorstellungen und die allwöchentliche Wiederholung des Films "Patch Adams" mit Robin Williams in seiner übelsten Schmierenlaune erspart blieben.

Angeblich fangen sie nun schon an, Erwachsene zu besuchen. Ihr Anblick soll bereits Todkranke versöhnt haben. Das glaube ich. Wer in den letzten Zügen liegt und unerwartet einen schwitzenden Jongleur mit schief sitzender Rotnase erblickt, scheidet gelassener aus diesem Tal der Tränen. Die Cliniclowns verkörpern das Weltbild des Kitsches: Lachen ist heilsam, Lachen ist freundlich, Humor die Versöhnung. Und keineswegs etwas Scharfes, Aggressives, die Welt infrage Stellendes. Im weiten Spektrum des Lachens steht die kleine Gruppe wahrer Satiriker am einen Ende und Dr. Patch Adams am anderen. Jene haben das Können. Dieser alle guten Absichten.

Verzeihung, ich bin schon still. Ich sage es nie wieder, versprochen! Wenn sie mir das nächste Mal begegnen, werde ich so tun, als müsste ich lachen - und, natürlich: Ich werde spenden.

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