Unerfüllte Versprechungen

Robert Triendl | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Biomedizin gilt als die Wissenschaft der Gegenwart, und sie wird es wohl noch eine Zeit lang bleiben. Die Ausgaben für biomedizinische Forschung sind in den letzten Jahrzehnten drastisch angestiegen. Doch die Durchbrüche lassen in vielen Bereichen weiterhin auf sich warten. Eine kleine Bestandsaufnahme.

Biomedizinischer Boom. Seit Jahren ist von den neuen medizinischen Therapien zu lesen, die uns die Entschlüsselung des genetischen Codes bringen soll, und von der sich anbahnenden Revolution in der pharmazeutischen Industrie. Biomedizin und Biotechnologie gelten längst als entscheidender Industriezweig in unserer Wissensgesellschaft. Und das ist erst der Anfang: Eine Flut von neuen, immer wirksameren Medikamenten zur Behandlung verschiedenster Krankheiten ist angesagt.

Tatsächlich haben wir noch nie so viel gewusst über die Funktionsweise des menschlichen Körpers und über die medizinischen Risiken eines Lebens in unserer überalternden Wohlstandsgesellschaft wie heute. Die massiven Investitionen in medizinische und biomedizinische Forschung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben zu einer Explosion des medizinischen Wissens geführt. Dennoch gibt es ernst zu nehmende Kritiker, die argumentieren, der ganze Kanon von biomedizinischer Forschung, "evidence based medicine", oder "translational research" hätte auf klinischer Ebene bisher wenig gebracht.

Für den britischen Forscher James Le Fanu etwa stagniert der medizinische Fortschritt seit den Siebzigerjahren deutlich. Antonio Cautinho, Immunologe und Direktor des Instituts Gulbenkian in Portugal, sieht seine Disziplin an einem Wendepunkt angelangt: Trotz einer Flut von Publikationen (monatlich werden mehrere tausend immunologische Publikationen veröffentlicht) und spektakulären Fortschritten in der Grundlagenforschung bleiben klinische Anwendungen aus.

Vorschnelle Versprechen? In Immuntherapie gegen Krebs und in humanisierte Antikörper werden seit mehreren Jahrzehnten große Hoffnungen gesetzt. Spektakuläre Durchbrüche sind aber bisher ausgeblieben, auch wenn seit ein paar Jahren nun die ersten Medikamente auf dem Markt sind. Beliebig viele andere Beispiele ließen sich hier anführen. So konnte man etwa mit Gentherapie bislang erst in äußerst seltenen Fällen Erfolge erzielen: Nicht nur ist die Technik mit großen Risiken verbunden; die Ergebnisse der bei weitem überwiegenden Zahl der klinischen Studien blieben ganz einfach auch weit hinter den Erwartungen zurück.

Stoffe, die die Angiogenese - also die Bildung von Blutgefäßen - beeinträchtigen oder verhindern, gelten nach wie vor als eine viel versprechende Strategie gegen verschiedene Arten von Tumoren. An der Machbarkeit der Idee wurde lange gezweifelt, bis Judah Folkman vor ein paar Jahren dramatische Erfolge vorweisen konnte - zumindest bei Mäusen. Inzwischen scheinen neue Ergebnisse allerdings darauf hinzudeuten, dass Angiogenese-Inhibitoren mitunter auch nachteilige Effekt haben und sogar die Verbreitung von Metastasen begünstigen können.

Dass eine bestimmte Tumorart an Mäusen heilbar ist, hat oft nicht viel zu bedeuten. Auch das HI-Virus ist harmlos für Primaten, hingegen tödlich für Menschen. Und trotz massiver internationaler Investitionen in die Forschung über Aids und einer steigenden Anzahl von Medikamenten sind drastische Erfolge in der Bekämpfung des Virus bisher ausgeblieben. Hingegen scheint ein Impfstoff gegen den tödlichen Ebola-Virus nunmehr in greifbarer Nähe.

Fehlende Finanzierungen. Die Geschichte des medizinischen Fortschritts ist voll von falschen Versprechungen, unerfüllten Erwartungen, Zufallsentdeckungen und wohl auch einer gehörigen Portion Ironie. Das gilt gerade für den biomedizinischen Forschungsbetrieb. Den direkten Weg von einer biologischen Beobachtung zur klinischen Anwendung gibt es nicht oder nur in seltenen Ausnahmefällen. In der Sorge um den nächsten Projektantrag verschweigen Wissenschaftler diesen Umstand oft oder lassen ihn zumindest unerwähnt, denn wer Leben retten kann, hat gute Gründe, finanziert zu werden.

Neue Therapieansätze werden immer komplexer und mit steigenden Forschungskosten auch immer teurer. Längst nicht alles, was medizinisch oder technisch machbar ist, lässt sich auch finanzieren. Überhaupt gilt, dass die medizinische Infrastruktur, die notwendig wäre, um neue biologische Erkenntnisse in klinische Anwendungen zu transferieren, in vielen Fällen ganz einfach nicht existiert, wie auch der Neurobiologe und Präsident der American Association for the Advancement of Science (AAAS), Floyd E. Bloom, argumentiert. Man könnte hinzufügen: Auch an einer kommunikativen Infrastruktur mangelt es uns. Denn mit dem biomedizinischen Fortschritt leben lernen heißt auch, neue Fortschritte und Konzepte diskutierbar zu machen.

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