Die Krankheiten der Heiler

Stefan Löffler | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Ärzte sind im Vergleich zu anderen Berufsgruppen überdurchschnittlich stark von Burn-out, Sucht und Selbstmord gefährdet. Hohe Belastbarkeit und lange Arbeitszeiten gelten als Beweis dafür, dem Beruf gewachsen zu sein. Vom Gesundheitsideal, das sie ihren Patienten predigen, sind Mediziner oft am weitesten entfernt.

Burn-out ist in keinem Berufsfeld so häufig wie im Gesundheitswesen. Lange bevor der Begriff populär wurde, entstanden während der Siebzigerjahre in Spitälern in den USA die ersten Studien über den Teufelskreis aus Überarbeitung und eigenen wie auch fremden Leistungsansprüchen. Der New Yorker Psychiater Herbert Freudenberger hatte die Symptome nicht nur bei Kollegen beobachtet, sondern auch am eigenen Leib erfahren, bevor er 1974 die erste wissenschaftliche Arbeit über Burn-out verfasste. Das sowohl körperliche als auch emotionale und geistige Ausbrennen trifft heute nach unterschiedlichen Schätzungen jeden dritten bis sechsten Arzt während seiner Karriere - und zwar vor allem jene, die mit hohen Ansprüchen in die Medizin gegangen sind.

Fast alle Ärzte arbeiten länger als der Rest der Bevölkerung. Schichten von 24 und mehr Stunden durchstehen zu können gilt als Bestätigung dafür, dem Beruf gewachsen zu sein. Eine repräsentative Studie der Österreichischen Ärztekammer hat eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 59 Stunden bei Spitalsärzten ermittelt. Jeder sechste Arzt hat auch schon mehr als hundert Wochenstunden bewältigt. Als Zeitfresser erweist sich vor allem der Verwaltungsaufwand, insbesondere die Dokumentation der Behandlungen.

Nicht die zeitliche Belastung, sondern die Qualität der Belastung kann zu Burn-out führen. Wer Kinder behandelt oder auf die Welt bringt, gilt durch häufige Erfolgserlebnisse als nahezu immun. Dagegen sind Tumorchirurgen und Psychiater ungleich stärker gefährdet. Ärzte in Führungspositionen sind auch bei hohen Arbeitszeiten seltener betroffen als solche, die der Tretmühle einer schlecht geführten Station über lange Zeit ausgesetzt sind. Häufige Nachtdienste gelten bei Klinikern als Risikofaktor, bei Niedergelassenen ist es der mangelnde Austausch mit Kollegen. Ein erfülltes Privatleben würde vorbeugend wirken, doch gerade Ärzteehen gehen oft zu Bruch.

Ihr verqueres Verhältnis zur eigenen Gesundheit wird für viele Ärzte zur Falle. Die Belastung des Berufs bewältigen überdurchschnittlich viele durch Rauchen, Alkohol und/oder Psychopharmaka. Einem regelmäßigen Gesundheitscheck, wie sie ihn ihren Patienten ans Herz legen, unterziehen sich die wenigsten selbst. Wenn es ihnen nicht gut geht, neigen sie zur Selbstmedikation. Dass der Tod durch Suizid bei Ärzten zwei- bis dreimal so hoch ist wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, hat allerdings einen trivialen Grund: Ihre Selbstmordversuche gelingen meist. Von Berufs wegen wissen sie nämlich, was den Tod herbeiführt, und sie haben auch leichter Zugriff auf wirksame Mittel.

Anders als Pfleger und Pflegerinnen, die bei Burn-out meist den Beruf wechseln oder aufgeben, leiden Ärzte oft über lange Zeiträume - und damit auch ihre Patienten. Ausgebrannte Ärzte kapseln sich ab, nehmen vieles nicht mehr wahr. Ihr Kunstfehlerrisiko vervielfacht sich. Die Aura, die bei vielen Patienten zur Heilung beiträgt, schwindet.

Der auf die Behandlung überarbeiteter Ärzte spezialisierte US-Psychiater Roy Menninger hat beobachtet, dass vor allem männliche Mediziner emotional abstumpfen und ihre Gefühle selbst in der Therapie nicht in Worte kleiden können. Zu kommunizieren, insbesondere mit Konflikten umzugehen, haben die meisten auch nie gelernt. Die Vorstellung, dass nur die Patienten krank sind, hält Ärzte und ihre Mitarbeiter davon ab, Warnsignale ernst zu nehmen. Burn-out geht oft einher mit Alkohol- oder Medikamentensucht oder beidem in Kombination. Viele arbeiten, bis nichts mehr geht, bevor sie bereit sind, Hilfe anzunehmen - und das bevorzugt dort, wo sie niemand kennt.

Während ein Herzinfarkt unter Medizinern als Ritterschlag des Tüchtigen gilt, ist der Griff zum Glas oder zur Tablette stigmatisiert. Einige Kliniken in Deutschland bieten spezielle Therapien für suchtkranke Ärzte an. Betroffene aus Ostösterreich lassen sich häufig im vorarlbergischen Frastanz behandeln. Hans Kohler, Suchttherapeut an der Klinik Maria Ebene, beschreibt seine ärztlichen Patienten als besonders angepasst und kooperativ, doch ihre Prognose liege nicht günstiger als bei anderen Berufsgruppen. Jeder dritte behandelte Mediziner wird binnen einem Jahr nach der Therapie rückfällig, nur ein Drittel bleibt auf Dauer clean.

Das Themenfeld Burn-out und Sucht ist kein Tabu mehr, aber immer noch heikel. Anlaufstellen, wie sie Ulrike Kamieniarz im Auftrag der Wiener Ärztekammer führt, laufen unter dem Namen "Mobbingberatung". Die Betroffenen, die sich mitunter auch anonym an sie wenden, sind überwiegend Frauen. Diagnosen stellt Kamieniarz so schonend wie möglich. Ärzte seien nämlich besonders verletzlich.

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