Heilsame Auslese?

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 5/03 vom 05.11.2003

Was sollen Ärzte können? Und wie viel ist der Gesellschaft das wert? Diese Fragen tauchen immer wieder in der Debatte um den neuen Medizinstudienplan auf. Ein Jahr nach dessen Einführung liegen sich Befürworter und Kritiker weiterhin in den Haaren. Die Studierenden hingegen sehen sich einer starken Selektion ausgesetzt.

Der 30. Juni war der Tag der Wahrheit. In Wien traten 1071 Medizinstudierende am Ende ihres zweiten Semesters zur erstmals durchgeführten Entscheidungsprüfung an. Nur wer diese besteht, wird in den zweiten Studienabschnitt aufgenommen. 800 fielen durch, das entspricht 74,7 Prozent. Die medizinische Fakultät, die ab 1. Jänner 2004 zur eigenständigen Medizinuniversität Wien wird, übte sich daraufhin, wie Kritiker meinen, in "Schönrednerei".

An der Medizinuni rechnete man vor, dass nach dem alten Studienplan nur rund sechs Prozent eines Jahrgangs den ersten Abschnitt in der Mindeststudienzeit von vier Semestern abgeschlossen hätten. "Durch diese frühe Prüfung wird der Drop-out nach vorne gelegt", so Rudolf Mallinger, der designierte Vizerektor für die Lehre. Schließlich seien in Graz, wo ebenso wie in Innsbruck im Herbst 2002 ein neuer Studienplan in Kraft getreten war, noch mehr durchgefallen. Eingeräumt wurde allenfalls, dass man selbstredend das Prüfungssystem ständig optimieren wolle.

Etwas klarer benannte die Fachschaftsvertretung die Dinge aus ihrer Sicht. Sie bezeichnete die Ergebnisse des Multiple-Choice-Tests als "schlichtweg katastrophal" und bemerkt weiter: "Damit halbwegs eine Zahl an positiven Absolvierungen herauskommt, wurde die Bestehensgrenze auf 51 Prozent gesenkt, und es wurden 21 von 230 Fragen überhaupt gestrichen." Offensichtlich hatten die Verantwortlichen das Leistungsvermögen der Prüflinge völlig falsch eingeschätzt. Bei der Wiederholungsprüfung Ende September schafften weitere 211 (von 542 angetretenen) Studierenden den Aufstieg. Mit insgesamt 482 Bestandenen lag man damit freilich immer noch deutlich unter den angepeilten 600 - mehr lassen die Kapazitäten nicht zu - für eine Jahrgangsgröße.

Das von studentischer Seite zum Teil als sehr chaotisch empfundene erste Studienjahr nahm somit ein turbulentes Ende. "Auf dem Papier ist die neue Ausbildung super", sagt der Kuriensprecher der Studierenden, Gerhard Krenn. In der Praxis habe es aber Probleme gegeben, etwa der Mangel an Lehrunterlagen, was zu der hohen Durchfallquote beigetragen habe.

Dass der alte Studienplan, der in seiner Essenz letztlich noch aus k.u.k. Zeiten stammte, überholt war, bestreitet kaum jemand. "Dessen enzyklopädischer Anspruch war aufgrund der Wissensexplosion nur mehr reine Illusion", so Mallinger. Praxis- und Patientennähe und die Straffung der Studienzeiten sind die erklärten Ziele der Reformer ebenso wie der so genannte integrierte Unterricht, also etwa das Thema Herzinfarkt gleichzeitig von verschiedenen Disziplinen zu betrachten. "Das verlangt aber eine viel stärkere Abstimmung zwischen den Lehrenden, was bisher nicht funktioniert", moniert der Histologe Franz Wachtler.

Angesichts der nicht abreißenden internen Kritik wurden die Reformvertreter zunehmend dünnhäutig. In einem Brief an sämtliche Institutsvorstände beklagte der Studiendekan der medizinischen Fakultät, Kurt Kletter, "dass gegenüber Studierenden die Qualität der Ausbildung im neuen Curriculum infrage gestellt und prophezeit wurde, dass ,aus Ihnen nie richtige ÄrztInnen' würden". Kletter drohte, "dass derartige Äußerungen völlig inakzeptabel sind und zumindest theoretisch sogar dienstrechtliche Folgen haben könnten". "Kritik wurde letztlich mit Rufschädigung gleichgesetzt", sagt Franz Wachtler, "auf konstruktive Vorschläge von außen nicht eingegangen." Dies spiegle die realitätsferne Mentalität der Architekten des neuen Studiums wider. Ihnen gehe die Kommunikations- und Kritikfähigkeit ab, also genau jene Fähigkeiten, die diese im Studienplan fest verankern wollten.

Einig sind sich Reformer und Kritiker in ihrem Ruf nach einem stärkeren Engagement der Politik, die sich fragen müsste, was ihr ein gutes Medizinstudium wert sei. So sei der angestrebte Unterricht in Kleingruppen angesichts knapper personeller und materieller Ressourcen und wegen des großen Andrangs nur bedingt möglich. Das Wissenschaftsministerium erlaube aber keine Eingangsprüfungen, sagen die Mediziner - nicht ohne gleich zu versichern, dass sie natürlich auch nicht am freien Hochschulzugang rütteln wollten. Also wird weiterhin der Mangel verwaltet. Abschreckende Wirkung scheint dies nicht zu haben. Zum Wintersemester 2003 haben 1530 Diplommediziner in spe das Studium aufgenommen.

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