Liebe Leserin, lieber Leser!

Oliver Hochadel, Stefan Löffler und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Es war am 17. Juli 1990, als US-Präsident George Bush senior das Jahrzehnt des Gehirns ausrief. Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um "die Vorteile, die sich aus der Hirnforschung ergeben, stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken". Die Dachstübchendekade ist vorbei, eines neuen Aufrufs bedarf es nicht: Am Beginn des 21. Jahrhunderts ist das Gehirn wahrscheinlich das am intensivsten beforschte Objekt auf Erden. Je mehr die Wissenschaft über den grauen Klumpen aus Fett und Protein weiß, desto offensichtlicher wird, wie wenig sie bislang weiß - kein Wunder, zählen unsere grauen Zellen doch zum Komplexesten, was die Natur hervorgebracht hat. Jeder von uns hat nämlich rund hundert Milliarden davon, die wiederum durch hundert Billionen Synapsen miteinander verknüpft sind.

In den vergangenen Monaten überschlugen sich die Erfolgsmeldungen aus der Hirnforschung. Schlagzeilen machte auch ein österreichisches Forschungsteam. Ein an der TU Graz entwickeltes Brain-Computer-Interface ermöglicht, dass ein nahezu vollständig gelähmter junger Mann seine Hand wieder bewegen kann. Internationales Medienecho fanden aber auch ganz andere Durchbrüche an der Forschungsfront: Dank Wissenschaftlern der Universität Groningen wissen wir seit kurzem - wozu auch immer -, dass während des weiblichen Orgasmus das ventrale Tegmentum im Stammhirn und der peri-aquäduktale Nachbarbereich aktiv sind. Frauen, die einen sexuellen Höhepunkt vortäuschen, brauchen dagegen ihr Großhirn. Und an der Universität Münster wiederum fand man mittels kernspintomographischen Untersuchungen heraus, dass unser Hirn beim Kauf von Markenartikeln nicht allzu viel nachdenkt. Wer hätte das gedacht?

In keinem anderen Forschungsgebiet scheinen im Moment medialer Hype und berechtigte Hoffnungen auf bahnbrechende Erkenntnisse so eng beieinander zu liegen wie in der Hirnforschung. Grund genug für "heureka", in dieser letzten Nummer des Jahres eine Abenteuerreise in den Kopf zu unternehmen und bei führenden Neurowissenschaftlern nachzufragen, was man heute wirklich über unser Gehirn weiß. Mit dem deutschen Hirnforscher Detlef Linke sprachen wir unter anderem darüber, wie autonom unser Denkapparat agiert - und wie er uns zu Halbzombies macht. Der US-amerikanische Nobelpreisträger Leon Cooper erklärt, was im Gehirn geschieht, wenn wir uns erinnern. Und prophezeite korrekt, dass der Journalist den Inhalt des Gesprächs schnell vergessen werde. Im Tübinger Labor von Niels Birbaumer haben wir zugesehen, wie der Ex-Wiener völlig gelähmte Patienten Kommunizieren lernen lässt.

Neben diesem hoffentlich anregenden Lesefutter für Ihr Gehirn finden Sie aber auch praktische Ernährungstipps für Cortex und Co. Die gute Nachricht: Der Nikolaus hat Ihnen womöglich gerade feinste Nervennahrung gebracht. Selbst ein weihnachtliches Festtagsmenü schadet nicht - im Gegenteil. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen beziehungsweise Ihren grauen Zellen fröhliche Vernetzung und ein synaptisches Feuerwerk.

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