Einblicke ins Gehirn

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Die Hirnforschung schickt sich an, zu einer der Leitwissenschaften des 21. Jahrhunderts zu werden. An der Grenze zwischen Natur- und Kulturwissenschaften stellt sie traditionelle Vorstellungen vom Ich oder der Willensfreiheit infrage. Und neue Bildgebungstechniken haben sie zum Darling der Medien gemacht.

Schlaue graue Masse. Das Ding wiegt im Normalfall etwas über einen Kilo. In seiner Konsistenz ähnelt der cremefarbene und runzlige Klumpen, der bequem auf einer Handfläche Platz hat, einem weich gekochten Hühnerei. Trotz dieses unspektakulären Äußeren ist diese Masse aus Eiweiß, Fett und Protein das wahrscheinlich komplizierteste Objekt auf Erden: Unvorstellbare hundert Milliarden Zellen sind im menschlichen Gehirn durch rund hundert Billionen Synapsen miteinander verbunden - und machen uns zu dem, was wir sind: zu Vertretern der Gattung Homo sapiens sapiens, also des wissenden wissenden Menschen.

Über die Funktionsweisen unseres Gehirns weiß die Forschung nach wie vor vergleichsweise wenig - und das, obwohl die Neurowissenschaften in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht haben und sich anschicken, ein neues Menschenbild zu entwerfen. Egal ob unsere spirituellen Gefühle, das Shoppingverhalten, die Freiheit unseres Willens oder unser Bewusstsein - vor den Neurowissenschaftlern ist nichts sicher. "Die Hirnforschung ist dabei, mit ihren analytischen Werkzeugen in diese innersten Sphären des Menschseins vorzudringen", meint denn auch Wolf Singer, einer der Stars seiner Wissenschaft.

Wie viele seiner Kollegen scheut sich auch der Direktor des Frankfurter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung nicht, sich in Fragen einzumischen, die bisher den Geistes- und Kulturwissenschaften bzw. der Philosophie vorbehalten waren. Zum Beispiel in die Frage unserer Willensfreiheit, die schon der deutsche Physiker und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg vor mehr als 200 Jahren infrage stellte: "Ein Meisterstück der Schöpfung ist der Mensch schon auch deswegen, dass er bei allem Determinismus glaubt, er agiere als freies Wesen." In den letzten Jahren sind die Neurowissenschaften angetreten, die empirischen Beweise für dieses menschliche Missverständnis nachzuliefern und zu zeigen, wie "bestimmt" wir wirklich sind.

Der Wille als Vorstellung. Ein von Hirnforschern in Sachen Willensfreiheit immer wieder gerne zitiertes Experiment ist jenes ihres US-amerikanischen Kollegen Benjamin Libet. Wie viele von uns, so war auch der kalifornische Neurophysiologe davon überzeugt, dass es einen Geist gibt, der unabhängig vom Gehirn operiert und dass wir einen freien Willen haben, mit dem wir bewusste Entscheidungen treffen können. Um das experimentell zu bestätigen, bat Libet Versuchspersonen, ihre Hand zu einem von ihnen selbst gewählten Zeitpunkt zu bewegen und sich diesen Moment zu merken, und ließ währenddessen ihre Hirnströme aufzeichnen.

Libet ging davon aus, dass die Hirnaktivität gleichzeitig mit der Entscheidung unserer Psyche auftreten werde - und dass die Hand logischerweise erst als Folge davon bewegt würde. Wie erwartet, zeigte sich auch, dass lange vor der Handbewegung das Hirn in Form des Bereitschaftspotenzials ansprang und die Bewegung vorbereitete. Aber wann hatten sich die Versuchspersonen dafür entschieden, die Hand zu bewegen?

Die Auswertung kam einem Schock gleich: Der Zeitpunkt für die Entscheidung lag nicht vor dem Bereitschaftspotenzial und tauchte auch nicht einmal gleichzeitig mit ihm auf. Sie wurde vom "freien Willen" erst 35 bis vierzig Hundertstelsekunden danach gefällt. Im Klartext bedeutet Libets Experiment, dass wir erst knapp eine halbe Sekunde nachdem in unserem Gehirn die Vorbereitungen für eine Handlung beginnen, genau das wollen, wofür sich unser Gehirn längst entschieden hat. Tun wir also nicht, was wir wollen, sondern wollen wir, was wir tun? Oder anders gefragt: Weiß der Mensch tatsächlich nicht, was er tut?

Über diese und ähnliche Fragen streitet man im deutschen Feuilleton seit Monaten: Auf der einen Seite stehen selbstbewusste Hirnforscher wie Wolf Singer oder Gerhard Roth, auf der anderen die traditionellen Geisteswissenschaften. Heftig debattiert werden die neurophysiologischen Erkenntnisse zur Willens(un)freiheit aber natürlich auch unter Strafrechtlern, deren Schuldbegriff dadurch ins Wanken zu geraten scheint.

Hype um die Hirnforschung. Dass die zeitgenössische Hirnforschung bis weit über ihr eigenes Fachgebiet hinaus wirkt und auch in den Medien so breite Resonanz findet, hat aber nicht nur mit solchen heftig diskutierten Erkenntnissen zu tun: Viele der besten Hirnforscher - wie Singer, Roth, Detlef Linke oder die Britin Susan A. Greenfield - sind glänzende Kommunikatoren ihres Faches, haben populärwissenschaftliche Bücher über ihre Forschungen verfasst und werden von den Medien gerne angefragt. Dazu kommen die neuen bildgebenden Verfahren, deren Aufnahmen für Authentizität sorgen und uns glauben machen, dass wir uns gleichsam beim Denken zusehen können.

Ein gutes Beispiel für den neuen medialen Hype um die Hirnforschung war in den vergangenen Wochen die Berichterstattung über Experimente zu unserem Shoppingverhalten, die an der Universität Münster durchgeführt wurden. Der Neurophysiker Michael Deppe und der Wirtschaftswissenschaftler Peter Kenning untersuchten dabei, ob die Versuchspersonen bzw. ihr Gehirn auf Markenartikel signifikant anders reagieren als auf No-Name-Produkte.

Die beiden Forscher setzten bei ihren Untersuchungen einen Kernspintomographen ein, der die Durchblutung des Gehirns in bunte Bilder verwandelt und so Rückschlüsse auf die Denktätigkeit zulässt - und konnten so zeigen, dass bei Erkennen eines Markenartikels deutlich weniger Hirnregionen aktiviert werden. Deppe und Kenning sprechen von "kortikaler Entlastung" und folgern: "Bei Marken setzt der Verstand aus." Wäre diese Aussage aus dem Mund eines Marketingexperten gekommen, hätte vermutlich kein Hahn danach gekräht.

Da es jedoch von Hirnforschern geprägt wurde - und noch dazu mit Abbildungen unseres Gehirns illustrierbar ist -, hat dieses Zitat mittlerweile in Dutzenden von Zeitungs- und Magazinartikeln die Runde gemacht. Wissenschaftlich publiziert ist davon freilich bislang noch gar nichts. Deshalb will Kenning auch noch nicht sagen, wie die Experimente durchgeführt wurden, denn das sei ein wichtiger Bestandteil ihrer eingereichten Aufsätze. Und den Gutachtern dürfe er als Wissenschaftler nicht vorgreifen. Seit sich die Boulevardpresse ihren eigenen Reim auf die Forschung aus Münster gemacht hat, sieht Kenning das Medieninteresse mit gemischten Gefühlen: "Wir müssen gegensteuern."

Blinde Bildbegeisterung? Was die beiden Forscher machen, nennt sich neuerdings Neuro-Ökonomie und ist nur ein Beispiel für das Entstehen zahlreicher Bindestrich-Wissenschaften: Neuro-Pädagogik, Neuro-Theologie oder Neuro-Kriminalistik. Gemeinsam ist ihnen neben dem interdisziplinären Zugang vor allem der Einsatz von farbigen Hirnbildern. Die jedoch sind, genauer besehen, eigentlich gar keine Hirnbilder, wie der deutsche Wissenschaftshistoriker Michael Hagner kritisch anmerkt.

Der Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich verweist darauf, dass es sich bei den farbig hervorgehobenen Hirnregionen bloß um Anreicherungen mittels eines radioaktiven Tracers handelt, die man ebenso gut in einer Grafik darstellen könnte. Es mag ja unterhaltsam sein, "unterschiedliche Farbmarkierungen im Hirnbild zu sehen, die einer höheren Aktivierung bestimmter Zonen beim Musikhören, Denken an Gott oder Betrachten eines Pornofilms entsprechen", so Hagner. Für ihn stellt sich angesichts dieser neurowissenschaftlichen Bilderflut aber die grundsätzlichere Frage, "wie lange diese Art von Cyber-Phrenologie noch den Stoff bilden wird, mit dem sich die Faszinationsgeschichte des Gehirns weiterschreiben lässt".

Das Wissen, wenig zu wissen. In der Zwischenzeit warnen auch Neurowissenschaftler vor der Überinterpretation ihrer Ergebnisse. So wurde in den letzten Jahren die Forderung der Neuro-Pädagogik nach intensiver frühkindlicher Belehrung meist damit begründet, dass die meisten Synapsen schließlich in den ersten Lebensjahren gebildet werden. Aus der Hirnforschung ableitbar sei viel weniger, ätzt der Neurologe Steve Petersen: "Ziehen Sie Ihr Kind nicht in einem Schrank auf, lassen Sie es nicht verhungern, und schlagen Sie ihm nicht die Bratpfanne auf den Schädel!"

Doch nicht nur in Fragen der Interpretation und Anwendung neuerer Erkenntnisse der Hirnforschung geben sich zumindest die führenden Fachvertreter nüchtern bis skeptisch. Auch eine Synthese der zahllosen Einzelergebnisse zu einer umfassenden Theorie der Hirnfunktionen ist alles andere als in Griffweite. Die genaue Anordnung der Nervenzellverbindungen in der Großhirnrinde ist ebenso ungelöst wie deren funktionelle Gewichtung. In den ernüchternden Worten von Wolf Singer: "Wir wissen noch nicht, wie das Gehirn die Inhalte repräsentiert, die es wahrnimmt und über die es spricht." Vielleicht ist unsere schlaue graue Masse ja doch zu kompliziert, als dass sie von den besten Hirnen der Wissenschaft je durchschaut werden kann.

Empfohlene Einstiegslektüren:

Wolf Singer: Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung. Frankfurt a. M. 2003 (Suhrkamp). 139 S., e 9,30

Wolf Singer: Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung. Frankfurt a. M. 2002 (Suhrkamp). 238 S., e 11,40

Gerhard Roth: Aus Sicht des Gehirns. Frankfurt a. M. 2003 (Suhrkamp). 214 S., e 15,40

Bas Kast: Revolution im Kopf. Die Zukunft des Gehirns. Berlin 2003 (Berlin Verlag). 173 S., e 9,20

Susan A. Greenfield: Reiseführer Gehirn. Aus dem Englischen von Monika Niehaus-Osterloh. Heidelberg, Merlin 2003 (Spektrum Akademischer Verlag). 199 S., e 10,30

SPIEGEL spezial: Die Entschlüsselung des Gehirns. Hamburg 2003 (Spiegel-Verlag). 146 S., e 5,50

Weitere Buchtipps zum Thema finden Sie unter www.falter.at/heureka

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige