Kein Zeilinger der Hirnforschung

aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Der Durchbruch am Grazer Institut für Biomedizintechnik gelang im Herbst 2002: Vier Monate hatte ein nahezu vollständig gelähmter Steirer mit dem so genannten Brain-Computer-Interface geübt. Dann hatte er seine Gedanken so weit im Griff, dass er kraft seiner von einem Computer ausgewerteten Hirnströme wieder seine Hand zum Zugreifen bewegen konnte. Außer einem deutschen Fernsehteam interessierte sich zunächst niemand dafür. Mit einem Jahr Verspätung löste ein Pressebericht dann einen Medienrummel aus, den Teamleiter Gert Pfurtscheller am Ende für "etwas übertrieben" hielt.

Pfurtscheller ist nicht der einzige Hirnforscher, der in Österreich Vorzeigbares leistet. Hans Lassmann vom Institut für Hirnforschung der Universität Wien ist zurzeit der meistzitierte Neurowissenschaftler im deutschsprachigen Raum. Sein Institutskollege Hannes Berger hat heuer nicht nur den Otto-Loewi-Preis gewonnen, sondern vor wenigen Wochen auch erhebliche Projektmittel vom neuen Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds erhalten.

Gut 200 Hirnforscher gibt es hierzulande, schätzt Peter Holzer, Vorsitzender der Fachgesellschaft ANA. Die ursprünglich aus allen möglichen Disziplinen stammenden Forscher setzen zunehmend auf Zusammenarbeit. Ein Meilenstein war dabei 1999 der Zusammenschluss vier kleinerer Institute an der Universität Wien zum Institut für Hirnforschung mit zurzeit etwa 75 Mitarbeitern. Aufgrund der Empfehlung eines internationalen Expertengremiums entschied man damals, sich auf Tierversuche und die Arbeit an Zellkulturen zu konzentrieren.

Auch in Innsbruck sind die Kollegen zusammengerückt. Vor einigen Monaten wurde dort das "Zentrum für Neurowissenschaften" ins Leben gerufen. Sowohl in Innsbruck als auch in Wien haben die medizinischen Universitäten die Neurowissenschaft als einen ihrer Forschungsschwerpunkte gewählt. Wenig vertreten ist in Österreich die experimentelle Forschung mit bildgebenden Verfahren. Und die Zoologie hat innerhalb der Hirnforschergemeinde viel von ihrer früheren Bedeutung eingebüßt.

Warum aber machen sich die hiesigen Vertreter der international so angesagten Hirnforschung nicht öfter in der Öffentlichkeit bemerkbar? Laut Sigismund Huck vom Institut für Hirnforschung fehlt seinem Fach jemand vom Schlage eines Anton Zeilinger, der außer über Kompetenz auch über die Bereitschaft verfügt, sich in die Niederungen der Medienlandschaft zu begeben. S. L.

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