"Der Mensch ist ein Halbzombie"

aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Der Bonner Hirnforscher Detlef Linke gehört - auch aufgrund seiner zahlreichen populärwissenschaftlichen Bücher - zu den bekanntesten Vertretern seines Faches im deutschsprachigen Raum. Ein Gespräch über Kreise im Kopf, die beschränkte Freiheit unseres Handelns, über Sprache und über Kreativität.

Interview: Karl Hübner

heureka: Herr Professor Linke, Sie haben einmal gesagt, dass Sie deshalb Medizin studiert haben, weil Sie dieses Fach als "Philosophie mit anderen Mitteln" sahen. Was hat Sie dabei besonders interessiert?

Detlef B. Linke: Ich habe mich schon während meiner Schulzeit sehr für Philosophie interessiert. Für mich war damals vor allem die Hirnforschung ein Weg, dem Denken näher zu kommen. Damals beschäftigte mich zum Beispiel die Isomorphie von Wolfgang Köhler, also das Phänomen, dass wir geometrische Figuren denken können, ohne dass diese im Gehirn selbst eine Entsprechung auf anatomischer Ebene haben. Dann stellt sich aber die Frage: Was läuft auf neuronaler Ebene ab, wenn wir uns einen Kreis vorstellen? Mehr noch: Wieso ist eine solche Form darüber hinaus mit einer gewissen Bedeutung aufgeladen?

Haben Sie inzwischen die Antworten auf diese Fragen gefunden?

Wir wissen heute, dass es im Gehirn kein Alphabet wie etwa den genetischen Code gibt. Das unterscheidet das Denken auch vom Rechnen eines Computers, der nur Nullen und Einsen und eine definierte Pulstaktung kennt. Das Gehirn hat keinen Taktgeber, und die Dekodierung hängt immer davon ab, in welchen Teil des Gehirns eine Folge von Nervenimpulsen geht. Es gibt keinen absoluten Code. Aber, zugegeben, die genauen neuronalen Prozesse kennen wir immer noch nicht.

Das wenigste von dem, was im Gehirn passiert, ist uns unmittelbar bewusst. Wie frei sind wir eigentlich in unseren Gedanken und Entscheidungen?

Selbst wenn mein Gehirn dem Bewusstsein die Entscheidungen vorwegnimmt, ist es ja immer noch mein Gehirn. Und das handelt gemäß meiner biografischen Färbung, meinen Erinnerungen, Vorlieben, Zielen etc. Aber in der Tat ist der Mensch ein Halbzombie - eine Art Rechenmaschine, die zum großen Teil handelt, ohne davon wirklich zu wissen. Ich sehe aber durchaus auch die Möglichkeit des Bewusstseins, korrigierend in eine vom Gehirn bereits ausgelöste Handlung einzugreifen - ähnlich wie ein Pilot. Das Flugzeug fliegt automatisch, aber er kann jederzeit eingreifen. Ich würde den Begriff auch nicht so weit fassen wollen, dass Freiheit meint, aus der Gesamtheit aller denkbaren Handlungsmöglichkeiten wählen zu können. Das wäre keine individuelle Freiheit mehr.

In Ihrer klinischen Arbeit haben Sie mit Epileptikern oder auch Tumorpatienten zu tun, die vor einer Hirnoperation stehen. Was genau machen Sie in diesen Fällen?

Wir versuchen, vor einer Operation zu lokalisieren, wo sich wichtige Areale für Sprache, Gedächtnis oder Emotionen befinden. Davon kann dann abhängen, ob man eine Operation eventuell nicht durchführt, weil das Risiko zu groß wäre, zum Beispiel das Sprachzentrum zu beschädigen.

Wie lokalisieren Sie die Areale?

Wir können mit einem Barbiturat gezielt Bereiche im Gehirn vorübergehend blockieren. Durch bestimmte Tests mit den Patienten sehen wir dann, welche Fähigkeiten eingeschränkt sind, also in diesem Hirnareal verankert sein müssen.

Dabei haben Sie auch viel über die Funktionen der beiden Großhirnhälften herausgefunden.

Ja, und es fällt schwer, dafür allgemeine Regeln aufzustellen. Denn es gibt doch etliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern oder zwischen Rechts- und Linkshändern. Bei Männern etwa ist das Sprechen sehr stark in der linken Großhirnhälfte verankert, bei Frauen herrscht dagegen mehr Variabilität, bis hin zur echten Bilaterisierung, also der Verteilung auf beide Hemisphären. Bei Linkshändern finden wir ebenfalls eine größere Flexibilität.

Sie haben jetzt vor allem über das Sprechen gesprochen. Wie ist es mit den Bildern?

Da gibt es natürlich Verknüpfungen zwischen Sprache und Bildern. Denken Sie an das Brainmapping, das gerne in Managerseminaren verwendet wird, um die Kreativität der Mitarbeiter zu fördern. Da werden ganze Landschaften aufgezeichnet, auf denen dann Begriffe visuell miteinander in Beziehung gesetzt werden. Früher dachte man: erst das Bild, dann das Wort. Heute weiß man, dass es keine Hierarchien in der Kognition gibt. Dass unser Gehirn die Fähigkeit besitzt, visuelle Eindrücke in Sprache zu übersetzen, beschert ihm übrigens einen großen Vorteil: Es spart Speicherplatz. Daneben glaube ich, dass es die Sprache war, die das Denken in der Evolution des Menschen vorangetrieben hat.

Wieso?

Ich hatte einmal einen Patienten, bei dem auf beiden Seiten der sensible Gesichtsnerv unterbrochen war. Der konnte nur noch über einen Blick in den Spiegel essen oder trinken. Für diese Handlungen brauchte er sozusagen die visuelle Rückkopplung. Sprechen allerdings konnte er nach wie vor - sogar wenn man ihm die Ohren mit Rauschen taub machte. Er benötigte also nicht die Rückvergewisserung über das Hören. Das heißt: Für das Sprechen gibt es im Gehirn ein internes Programm. Zugleich ist der Mund ein gewissermaßen konstanter Bewegungsraum, in dem der Mensch experimentieren, bekannte Laute neu kombinieren und neue Entwürfe machen kann - ohne einer Rückkopplung von außen zu bedürfen, wie es etwa der Fall ist, wenn die Hand neue Bewegungen zu machen versucht. Auch das Kleinkind experimentiert mit seinem Mund und kombiniert die gelernten Laute ständig neu.

Am Ende kann es dann aber die gewohnten Lautreihenfolgen seiner Sprache.

Ja. Das Kind lebt ja in einem ständigen Abgleich mit seiner Umwelt. Die Mutter reagiert auf die Laute des Kindes, zum Beispiel mit Affirmation, die das Kind animiert, etwas häufiger zu machen und einzustudieren. Das sind dann in der Regel die gewohnten Laute, die für die jeweilige Sprache wichtig sind.

Die Umgebung belohnt das Gewohnte mit Affirmation. Heißt das am Ende, dass auch gedankliche Neu- oder Weiterentwicklungen nur möglich sind, wenn man sich in gewissem Grad abkoppelt von dem Zwang, sich mit der Umgebung abgleichen zu wollen?

Ich denke schon, dass da eine Korrelation zwischen einem gewissen Autismus und einer gedanklichen Produktivität besteht. Nur: Wer sich total abkoppelt, landet im Elfenbeinturm. Ich bin schon für die Rückmeldung aus der Gesellschaft - egal ob affirmativ oder nicht.

Wenn wir von Kreativität reden, werten wir in der Regel schon. Wir denken dann an technische Neuerungen, die der Menschheit helfen, oder an Innovationen, die den Umsatz eines Unternehmens steigern.

Der Begriff muss natürlich weiter gefasst werden. Ich kenne Patienten, die aufgrund einer Gehirnoperation einen Teil ihres Gedächtnisses verloren haben. Die legen dann ihre Wohnung mit Merkzetteln voll. Auf ihre Art müssen diese Menschen sehr kreative Leistungen vollbringen.

Was ist, neurologisch gesehen, das Gemeinsame an der Kreativität eines Künstlers und einem Patienten, der an den richtigen Stellen seine Merkzettel platziert?

Kreativität ist oft: einen Schritt zur Seite gehen, man sagt ja auch: quer denken. Im Gehirn ist das oft einfach eine Neuorganisation bekannter Informationen, eine bestimmte Art, Neuronen zu vernetzen. Wenn ich an Patienten oder auch Künstler denke, ist Kreativität häufig auch die Kompensation eines Defizits. So wie bei Demosthenes. Der hat gelispelt. Dann hat er sich mit einem Kieselstein im Mund ans Meer gestellt und gegen die Brandung geredet. Er wurde der berühmteste Redner der Antike. Dieses Beispiel zeigt auch, was noch wichtig ist für Kreativität: Disziplin und Zielorientierung.

Bücher von Detlef Linke: Einsteins Doppelgänger. München 2000 (C.H. Beck). 157 S., e 14,80 Kunst und Gehirn. Die Eroberung des Unsichtbaren. Reinbek 2001 (Rowohlt). 256 S., e 13,40 Religion als Risiko. Reinbek 2003 (Rowohlt). 256 S., e 11,20

Detlef B. Linke leitet die Abteilung für Neurophysiologie und Neurochirurgische Rehabilitation an der Universität Bonn. In seinen zahlreichen Büchern, darunter "Die erste Unsterblichkeit auf Erden", "Kunst und Gehirn", "Einsteins Doppelgänger" und zuletzt "Religion als Risiko", aber auch von seiner Ausbildung her - neben Medizin hat er Kommunikationswissenschaften und Philosophie studiert - verkörpert er die naturwissenschaftliche gleichermaßen wie die geisteswissenschaftliche Seite der Hirnforschung. Schwerpunkte des 58-Jährigen sind die funktionellen Beziehungen zwischen Sprache und Bildlichkeit sowie zwischen den beiden Hirnhälften.

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