Besonderer Windungsreichtum

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Erst war es das Gewicht, dann die Vielfalt der Hirnwindungen, und schließlich waren es die Zellmuster. Irgendwie musste sich der große Geist von Schopenhauer, Lenin oder Einstein ja in ihren Gehirnen materialisiert haben. Die Elitegehirnforschung ist aber weit mehr als ein skurriles Stochern in der grauen Masse. Und sie dauert bis heute an.

Assoziationsathlet. "Wir haben also in dem Lenin'schen Gehirn auffallend große und besonders zahlreiche Pyramidenzellen in der III. Schicht, wie der Athlet durch eine besonders stark entwickelte Muskulatur charakterisiert ist. (...) Aus allen diesen Gründen lässt unser hirnanatomischer Befund Lenin als einen Assoziationsathleten erkennen." Das "außergewöhnlich schnelle Auffassen" Lenins und sein "Wirklichkeitssinn" würden so verständlich, schrieb der deutsche Hirnforscher Oskar Vogt 1929.

Nach Lenins Tod im Jahre 1924 hatte Vogt auf Einladung der sowjetischen Regierung dessen Gehirn in jahrelanger Arbeit in 30.000 Schnitte zerlegt und unter dem Mikroskop akribisch untersucht. Vogt stand unter enormem Druck, die Genialität des Revolutionsführers zu bestätigen. Gleichwohl war er von seiner neuen Methode überzeugt. Die Zellarchitektur analysierend, glaubte er, das Gehirn viel genauer kartieren zu können. Daher war er sicher, die Elitegehirnforschung des späten 19. Jahrhunderts hinter sich gelassen zu haben. Buchstäblich an der Oberfläche gebliebene Hirnanatomen wie Rudolph Wagner und Nikolaus Rüdinger hatten nämlich bloß an der Reichhaltigkeit und Vielfalt der Hirnwindungen das Genie erkennen wollen.

Cerebrale Zelebration. Die Körper und Köpfe großer Persönlichkeiten waren für die Hirnanatomen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein tabu - ganz im Gegensatz zu jenen von Hingerichteten und Fremden. Dann aber begann man, das Genie akribisch herauszupräparieren. Dabei diktierte die Erwartungshaltung, was gesehen wurde. Über Schopenhauers Gehirn schrieb sein Biograf Wilhelm Gwinner 1862: "Thätigkeitssinn oder Zerstörungssinn sehr gross, ..., Thatsachensinn ziemlich gross."

Das Gehirn wurde zur Projektionsfläche und nährte einen für heutige Augen höchst skurrilen Geniekult. Die Gehirne großer Geister wurden zu wertvollen Preziosen, die, in Gläsern konserviert sowie in Form von Abgüssen und Zeichnungen, die Genialität ihrer Besitzer belegen und zelebrieren sollten. Mitunter konnte der Schuss aber auch nach hinten losgehen. Als das Gehirn des Göttinger Mineralogen Friedrich Hausmann lediglich 1226 Gramm auf die Waage brachte, also nicht einmal ganz das durchschnittliche Männerhirngewicht, war die Familie des Verblichenen wenig erfreut. Die Pariser Société d'Anthropologie überlegte sogar, die Veröffentlichungen Hausmanns aufgrund seines allzu leichten Gelehrtenhirns infrage zu stellen.

Windungen und Wirrungen. Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich, beschäftigt sich seit Jahren mit diesem scheinbaren Randphänomen der Wissenschaftsgeschichte - mit dem Ergebnis, dass diese Art der Hirnforschung alles andere als ein marginales Phänomen war. In seinem Buch "Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung", das Anfang nächsten Jahres erscheinen wird, beschreibt er die fortlaufende "Cerebralisierung" des Menschen.

Um 1800 herum wird aus dem "Seelenorgan" des Menschen, dem Interaktionsort mit der unsichtbaren Seele, das Gehirn. Die Schlüsselfigur für diesen Übergang ist der Anatom Franz Joseph Gall, der in Wien hirnanatomische Vorlesungen hielt, die wegen materialistischer Tendenzen verboten wurden. Gall baute eine Sammlung von Schädeln berühmter Personen auf, die sich heute teils in Paris, teils im Städtischen Rollett-Museum in Baden bei Wien befindet. Seine Sammelleidenschaft ging so weit, dass sich die Wiener angeblich vor Schädeldiebstahl fürchteten. Die Nachwirkungen Galls in Wien haben jedenfalls dazu geführt, dass Haydns Schädel nach seinem Tod 1809 vom Rumpf getrennt und erst 1954 wieder mit den Gebeinen vereinigt wurde.

Es ist kein Zufall, dass Gall heute sowohl als Begründer der Elitegehirnforschung wie auch als Vater der modernen Lokalisationstheorie gilt. Das Gehirn wurde mehr und mehr als Träger individueller Eigenschaften und Fähigkeiten verstanden. Seither wird die Gehirnforschung immer wieder von der Suche nach messbaren Differenzen angetrieben. Folglich hat sie sich vor allem für die Gehirne von Geisteskranken, Kriminellen, Exoten, Frauen und eben Genies interessiert und für die Frage, inwiefern sich diese von "normalen" Gehirnen unterscheiden.

Noch 1946 bemühte sich Vogt, wenn auch vergeblich, um die Gehirne hingerichteter NS-Größen. Diese "Gehirnpolitik", wie Hagner sie nennt, hat durch ihren Fokus auf die vermeintliche Devianz einerseits rassistische, sexistische und andere diskriminierende Vorurteile festgeschrieben und andererseits den Geniekult gefördert. Aber schon Hegel hat sich über Galls "Schädellehre" lustig gemacht, und so ist die Geschichte der Gehirnforschung auch immer geprägt von der Kritik an dem Versuch, geringe oder außerordentliche Intelligenz an der dem Schädel entnommenen, vermessenen und abgezeichneten, zerstückelten und mikroskopierten grauen und weißen Masse festzumachen.

In der Zeit nach 1945 verdrängte die funktionale die morphologische Analyse. Das Gehirn wurde entindividualisiert und entkörperlicht und in Analogie zum Computer als Recheneinheit verstanden und mittels Schaltplan repräsentiert. Im Zuge der neuen bildgebenden Verfahren seit den Achtzigerjahren erhielt die Lokalisierungsforschung aber wieder neue Impulse, wodurch es auch zu einem gewissen Wiederaufleben der Elitegehirnforschung kam.

Posthume Odyssee. So erregte vor wenigen Jahren eine Analyse von Einsteins Gehirn, dessen Schicksal mehr als skurril ist, die Weltöffentlichkeit. Als Albert Einstein im April 1955 in einem Provinzkrankenhaus in Princeton im US-Bundesstaat New Jersey starb, entnahm der Pathologe Thomas Harvey dem weißen Struwwelkopf bei der Autopsie kurzerhand das Gehirn und legte es in Formalin ein.

Trotz eines öffentlichen Aufschreis angesichts dieser widerrechtlichen Aneignung konnte Harvey das berühmteste Gehirn des 20. Jahrhunderts durch ein Arrangement mit Einsteins Familie behalten, wusste die folgenden vierzig Jahre aber nichts Rechtes damit anzufangen. Der mit seinem Zufallsfund schlicht überforderte Nichtneurologe zerschnitt die Quelle der Relativitätstheorie in knapp 200 würfelförmige Blöcke. Die meisten lagerten auf dem heimischen Regal, manche verschickte Harvey an interessierte Forscher nach Japan, Kalifornien und schließlich auch ins kanadische Hamilton.

An der dortigen McMaster-University glaubte die Neurowissenschaftlerin Sandra Witelson einen Durchbruch in der Erforschung von Einsteins Gehirn erzielt zu haben. Eine Publikation im Jahre 1999 rief weltweit ein großes Medienecho hervor. Einsteins untere Parietallappen seien besonders entwickelt gewesen. Räumliches Auffassungsvermögen und mathematisches Denken - Überraschung! - hängen stark von dieser Region ab.

Michael Hagner weist darauf hin, dass Witelson nur so tun konnte, als ob sie die neuen bildgebenden Verfahren anwenden würde. Angesichts der totalen Zerstückelung des Gehirns kam nur eine makroskopische Untersuchung in Betracht. Witelsons Ergebnis führe, so Hagner, direkt zurück ins 19. Jahrhundert. Schaue man genau hin, lasse sich fast für jedes Gehirn in einer bestimmten Region oder Schicht eine von Witelson für Einstein reklamierte "einzigartige Morphologie" finden.

Kontrollgehirne. Genau diesen Fehler will Katrin Amunts vermeiden. Die Neurobiologin leitet am Institut für Medizin des deutschen Forschungszentrums Jülich eine Arbeitsgruppe für Brainmapping. Auch sie beschäftigt sich mit einem außergewöhnlichen Gehirn: Der 1930 verstorbene Emil Krebs sprach angeblich mehr als sechzig Sprachen. Von einem breiten Geniebegriff hält Amunts nichts, ihr geht es um konkret fassbare Leistungen, nicht um Intelligenz, sondern um Semantik. Entscheidend seien der Vergleich mit einer ausreichend großen Anzahl an Kontrollgehirnen: "Krebs' Sprachzentrum ist zwar nicht größer als das von anderen, aber die Zellarchitektur zeigt andere Verschaltungen."

Michael Hagner hält die Aussagekraft solcher Untersuchungen für begrenzt: "Was sagt das schon? Ein ausgeprägtes Sprachzentrum würde man vielleicht nicht nur bei Shakespeare und Oscar Wilde, sondern auch bei Joseph Goebbels finden. Das ist genauso wie mit muskulösen Oberarmen: Gehören die einem Weltklasseschwimmer oder einem einfachen Bodybuilder?"

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