Was wir uns merken werden

André Behr | aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Wie speichert unser Gehirn Erinnerungen? Woher kommt es, dass unsere Kindheitserinnerungen allzu oft nicht ganz der Wahrheit entsprechen? Und stimmt es, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen? Ein Gespräch mit dem Gedächtnisexperten und Nobelpreisträger Leon N. Cooper über Fragen, die der Wissenschaft nach wie vor Rätsel aufgeben.

heureka: Herr Professor Cooper, warum vergessen wir eigentlich gewisse Dinge, andere aber nicht?

Leon Cooper: Gute Frage. Grundsätzlich werden die Dinge, die wir in das so genannte Kurzzeitgedächtnis aufnehmen, nur sehr selektiv ins Langzeitgedächtnis umgewandelt. Und das ist auch gut so. Es wäre furchtbar, wenn wir uns an alles erinnern würden. Wir würden zwar in der Schule alle Prüfungen hervorragend bestehen. Aber wir würden auch darüber erschrecken, wie sehr sich zum Beispiel ein Gesicht in einer Woche verändern kann. Über diesen Prozess der Umwandlung ins Langzeitgedächtnis haben wir keine richtige Kontrolle. Sie werden sich an das, was ich eben sage, vielleicht ein, zwei Tage, vielleicht auch nur eine Stunde lang erinnern. Und in sechs Monaten werden Sie sich wahrscheinlich nur noch daran erinnern, dass Sie hier waren und ich Ihnen gewisse Dinge erzählte. Das wissen Sie alles aus eigener Erfahrung. Aber tatsächlich weiß niemand genau, warum bestimmte Dinge erinnert werden und andere nicht.

Gibt es gar keine Anhaltspunkte?

Doch. Wir können uns zum Beispiel besser erinnern, wenn eine Erinnerung mit etwas sehr Emotionalem verknüpft ist. Denken Sie an den Mord an J.F. Kennedy vor vierzig Jahren. Ich bin etwas älter als Sie, und ich kann mich daran erinnern, wo ich war und was ich an jenem Tag tat. Umgekehrt gibt es Tausende Ereignisse in meinem Leben, an die ich mich überhaupt nicht erinnere. Eine gewisse Teilmenge von all unseren Erfahrungen wird also dahingehend ausgewählt, erinnerbar zu werden. Gewöhnlich ist es mit einem Schmerz oder einem Glücksgefühl verknüpft, jedenfalls mit einer Emotion. Oft sind solche mit Emotion verbundene Erinnerungen allerdings ziemlich verzerrt im Vergleich zu dem, was tatsächlich geschah - insbesondere bestimmte Erinnerungen an die Kindheit.

Woran liegt das?

Einer der Gründe dafür ist, dass wir beim Erinnern jene Prozesse wiederholen, durch die die Erinnerung entstand. Wir erinnern uns also an die Erinnerung. Wenn Sie eine emotionale Kindheitserinnerung haben und daran denken, denken Sie in einer neuen Umgebung daran, und Sie beginnen, sich an eine leicht veränderte Version zu erinnern. Und wenn Sie das Dutzende Male gemacht haben, kann die letzte Version ziemlich verschieden sein von dem, was tatsächlich war.

Was spielt sich beim Erinnern im Gehirn ab?

Da muss man zwischen den verschiedenen Gedächtnisformen unterscheiden, dem Moment-, dem Kurzzeit- und dem Langzeitgedächtnis. Wenn wir uns zum Beispiel eine Telefonnummer merken, indem wir sie uns immer wieder vorsagen, dann spielt sich das im Momentgedächtnis ab. Sobald wir mit dieser Art des Memorierens aufhören, haben wir auch die Nummer vergessen. Das könnte physiologisch mit elektrischen Prozessen im Gehirn zu tun haben, die auf eine bestimmte Art getaktet sind. Das Kurzzeitgedächtnis hingegen, das einige Minuten, aber auch einige Tage anhalten kann, hat wahrscheinlich mit chemischen Veränderungen auf Zellebene zu tun - vor allem bei den Rezeptoren und bei den Proteinmolekülen an der Zelloberfläche.

Und wie funktioniert das Langzeitgedächtnis?

Während das Momentgedächtnis wahrscheinlich elektrisch und das Kurzzeitgedächtnis chemisch bedingt ist, hat das Langzeitgedächtnis vor allem mit morphologischen Veränderungen der Proteine zu tun: Die Form der Zelle verändert sich.

Warum nimmt die Erinnerungsfähigkeit allem Anschein nach im Laufe des Lebens ab?

Vielleicht wird die Gedächtnisleistung schwächer, weil im Alter generell alle Leistungen abnehmen. Wahrscheinlich ist das ganze Nervensystem in der Jugend plastischer, vor allem jene Teile des Systems, die die Motorik steuern und die unter anderem für unsere sportlichen Fähigkeiten, aber auch für unseren Akzent zuständig sind. Das kann man viel leichter in der Jugend trainieren. Deshalb ist es ja so wichtig, mit dem Sprachenlernen früh zu beginnen. Dazu kommt aber auch, dass man als Kind unglaublich motiviert ist, eine Sprache zu erlernen, um mit anderen kommunizieren zu können.

Speichern wir dabei eigentlich Buchstaben, Wörter oder ganze Sätze?

Das wissen die Psychologen besser, die testen, was die Menschen sich am leichtesten merken können. Meiner Meinung nach machen wir alle drei Dinge, nur möglicherweise nicht in derselben Art und Weise. Ein Buchstabe ist ein visuelles Ding, ein Wort wird entweder visuell oder akustisch oder nach seiner Bedeutung gespeichert. Und Sätze wahrscheinlich aufgrund der Bedeutung. Wir verwenden dabei stets Strukturen, die wir gelernt haben, und wenn etwas in diese Struktur passt, können wir es besser speichern. Tatsächlich ist das einer der Gründe, warum wir uns manchmal irren, wenn wir über etwas Gesehenes berichten. Denn wir berichten eigentlich eher über das, was wir zu sehen erwartet haben.

Was ist es mit dem Erinnern von Bildern im Vergleich zur Sprache?

Bilder sind visuell, also ist der visuelle Teil des Cortex involviert. Eine Sprache hingegen ist auditiv und visuell. Wahrscheinlich sind da verschiedene Gehirnbereiche involviert, aber auch da wissen Psychologen mehr als ich. Die Leute, die mit Magnetresonanz arbeiten, untersuchen diese Bereiche. Das ist im Moment ein sehr spannender Forschungszweig. Wir werden bald sehr viel mehr darüber wissen.

Gibt es auch spezielle Gehirnbereiche, die für das Erinnern zuständig sind?

Sagen wir so: Es gibt Gehirnregionen, die auf gewisse Arbeiten spezialisiert sind, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sie auch andere Aufgaben haben und mit dem Rest des Gehirns kooperieren. Das macht es auch so schwierig, wenn man analysieren will, was im System wirklich vorgeht. Meine Meinung ist: Erinnerungen werden überall im Gehirn gespeichert. Der beste Beweis dafür ist, dass sehr viele Teile des Gehirns entfernt werden können, ohne dass das Gedächtnis des Menschen darunter leidet. Wenn man dagegen das motorische Kontrollzentrum entfernt, verliert man augenblicklich die Fähigkeit, seine Finger zu bewegen. Oder wenn man das Atmungszentrum entfernt, stirbt man sofort. Das Gedächtnis scheint also nicht lokalisiert zu sein - aber auch darüber gibt es verschiedene Ansichten.

Können wir eigentlich im Schlafen lernen?

Kommt darauf an. Man lernt nicht im Schlaf, aber man kann sich im Schlaf erinnern. Im Prozess der Verfestigung der Erinnerungen könnte der Schlaf eine Rolle spielen. Aber niemand weiß das genau. Träume sind ein interessantes Beispiel für etwas, das im Normalfall nicht in das Langzeitgedächtnis überführt wird. Wahrscheinlich, weil man das System genauso wenig mit den Träumen überladen will wie mit all dem, was man tagsüber sieht.

Was stört die Fähigkeit des Gedächtnisses? Fernsehen, vor dem Computer sitzen?

Zu viel Fernsehen löst das Gehirn auf. Nein, im Ernst, das Fernsehen hat vielleicht keine Auswirkungen auf das Gedächtnis, mit Sicherheit aber schreckliche auf das Verhalten der Menschen. Sie werden zu passiv. In Bezug auf die Computer überlasse ich das anderen, das herauszufinden.

Es gibt diesen Spruch - angeblich von Albert Einstein - dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen würden. Und Scientology wirbt damit, die anderen neunzig Prozent zu aktivieren. Wie viel Prozent unseres Gehirns gebrauchen wir tatsächlich?

Wenn man sich das menschliche Verhalten anschaut, scheinen einige Menschen ihr Gehirn überhaupt nicht einzusetzen. Wie viel unseres Gehirns wir benützen, ist aber wahrscheinlich eine schlecht gestellte Frage. Die Frage ist eher, wie konzentriert man sein kann.

Leon N. Cooper, 73, studierte an der Columbia University und erhielt 1972 den Physik-Nobelpreis für seine quantenmechanische Deutung der Supraleitung. 1973 wurde er Direktor des Zentrums für Neurowissenschaften an der Brown University. Cooper ist außerdem Mitgründer der Firma Nestor, die sich mit der kommerziellen Anwendung neuronaler Computernetzwerke beschäftigt.

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