Leckerbissen fürs Oberstübchen

Julia Harlfinger | aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Unser Gehirn will richtig gefüttert werden, denn erst durch die richtige Nervennahrung erzielen die kleinen grauen Zellen ihre Höchstleistung. Das Erfreuliche: Wer dem Denkapparat etwas Gutes tun will, sollte sich erstens nicht an asketische Diätpläne halten. Und zweitens gibt es Brainfood in jedem Supermarkt.

Lieber Gruß vom Nikolo. Schokolade, Zitrusfrucht, Dattel und Mandelkern - der weise Heilige hatte die besten Absichten, als er die Braven dieses Jahr beschenkte, noch dazu farbpsychologisch clever in appetitanregendes Rot verpackt: Schokolade gilt als Moodfood schlechthin, ihr Zuckergehalt regt die Produktion von Serotonin an. Den Glücksbotenstoff, der stressresistent macht und Signalgeber für die innere Uhr ist, haben wir vor allem in der dunklen Jahreszeit nötig. Nicht fröhlich, sondern schlau macht das Vitamin C der Zitrusfrüchte:

Es wird für die Bildung der hirneigenen Signalbotenstoffe Dopamin und Acetylcholin benötigt. Datteln und andere Trockenfrüchte wiederum sind Langzeitlieferanten für den Gehirnbrennstoff Traubenzucker sowie für Kalium, einen Mineralstoff, der für die prompte Erregung von Nervenzellen unerlässlich ist. Mandeln und andere Nüsse enthalten reichlich ungesättigte Fettsäuren - im Gegensatz zu den gesättigten Cholesterinbomben aus Fleisch und Milchprodukten sind dies die "guten Fette".

Im Gehirn finden sich diese Fettsäuren als Baustein der Membranen von Nervenzellen sowie als schützende Myelinschicht um Nervenfasern und sorgen für eine reibungslose Übertragung der Nervenimpulse. Weiters sind ungesättigte Fettsäuren am Aufbau der hormonähnlichen Substanz Prostaglandin beteiligt, dem Schmierstoff für Denk- und Gedächtnisleistung.

Nervennahrung ein Leben lang. Schon für Ungeborene ist die ausreichende Versorgung mit ungesättigten Fettsäuren von größter Bedeutung für die Gehirnentwicklung. Daher wird werdenden Müttern zum Verzehr von fettreichen Seefischen wie Hering, Makrele, Thunfisch oder Lachs geraten. Nicht nur das Risiko für Frühgeburten wird damit gesenkt, auch der Aufbau vom "Gehirnschmalz" des Babys wird dadurch unterstützt.

Auch das Stillen über den Zeitraum von mindestens zwanzig Wochen hat - einmal abgesehen von der psychologischen Komponente - positive Auswirkungen auf die spätere Intelligenz des Kindes. Für die smarten Babys ist Muttermilch aufgrund ihres hohen Gehalts an ungesättigten Fettsäuren nämlich wahres Brainfood. Daneben wird besonders bei Schwangeren der Konsum von Folsäure angepriesen; die Vitamin-B-Verwandte ist aber auch für alle anderen Erwachsenen wertvoll: Als Gegenspielerin von Homozystein verhindert die Substanz Gefäßverschlüsse und damit eine durch Unterversorgung verminderte Gehirnfunktion.

Der wissenschaftliche Zusammenhang zwischen Demenz und Ernährung ist in der Forschung erst seit kurzem ein Thema. Dabei gibt es konkrete Hinweise darauf, dass falsche Ernährung auch für die Entstehung von Gehirnschrumpfung, gefäßbedingter Demenz, Alzheimer sowie Parkinson eine Rolle spielt. Eine schlechte Durchblutung des Gehirns ist mit verantwortlich für die Entstehung solcher neurodegenerativen Erkrankungen. Sie kann aber durch die Aufnahme von reichlich Vitamin C und E verbessert werden.

Wie sehr sich die Ernährung auf Demenzerkrankungen auswirkt, zeigt sich durch neuere epidemologische Studien: So sind deutlich erhöhte Demenzraten unter anderem in Japan zu beobachten, wo die Küche immer westlicher wird, oder bei Einwanderern in der Niederlande, die die dortigen Essgewohnheiten übernehmen.

Nüsse zum Nüsseknacken. Das Studentenfutter hat seinen Namen wohl verdient: Die leicht verdauliche Kraftnahrung für zwischendurch hat es in sich: Nüsse sind ideale Lieferanten für Cholin, die Vorstufe des Neurotransmitters Acetylcholin. Ihr hoher Gehalt an Vitamin B steigert außerdem die Konzentrationsfähigkeit. Wer sich vor Prüfungen mit Kaffee und Traubenzucker dopt, kann ebenfalls auf eine Leistungssteigerung hoffen, Koffein bewirkt, dass sich die Gefäße zusammenziehen und die Gehirnzellen besser durchblutet werden.

Der Zuckerrausch wiederum belebt das Gehirn, gleichzeitig löst er jedoch die Reaktion seines Gegenspielers aus, des Zuckerabbauhormons Insulin. Der rasch sinkende Blutzuckerspiegel macht dann allerdings unkonzentriert. Wer also Dauerleistungen erbringen will, muss schon auf komplexere Kohlenhydrate zurückgreifen, wie sie sich zum Beispiel in vollwertigen Getreideprodukten finden.

Reine Gerüchteküche? Es ist verwunderlich, dass der Markt noch nicht von medizinischen Ratgeberbüchern über Brainfood und von Nahrungsergänzungsmitteln wie etwa "Einstein Brain Booster" erobert wurde. Schließlich boomt das Geschäft mit Diäten zur Steigerung der körperlichen Fitness.

Dass die gezielte Beeinflussung von Denken, Verhalten und Stimmung durch Nahrungsmittel tatsächlich funktioniert, will jedenfalls eine britische Forschergruppe von der Oxford University gezeigt haben. Der Physiologe Bernard Gesch verabreichte 230 wegen Gewaltverbrechen Inhaftierten Vitamine, Mineralstoffe und ungesättigte Fettsäuren in Pillenform. Konflikte unter den Gefangenen sowie mit dem Gefängnispersonal reduzierten sich im Laufe des monatelangen Experiments um 35 Prozent. Geschs Schlussfolgerung: Ausgewogene Ernährung könnte Mangelerscheinungen im Gehirn verhindern und die Gewaltbereitschaft vermindern.

Wenn umgekehrt vor der Weihnachtsbescherung das stimmungsvolle Festessen kurzfristig in einen ordentlichen Familienkrach ausartet, ist dies - zumindest aus neurophysiologischer Sicht - nicht auf die Ernährung zurückzuführen: Deftige Menüs wie gesottene Weihnachtsgans, vor Bratenfett triefende Kartoffeln, üppige Schokoladetorte und Weihnachtsgebäck bewirken nämlich die Ausschüttung von Endorphinen. Das Gehirn dankt es uns, wenn wir ab und zu über die Stränge schlagen.

Literatur:

Werner Meidinger: Nahrung für den Geist: Brainfood. München 1999 (Südwest Verlag). 96 S.

Mark P. Mattson (Hg.): Diet - brain connections. Impact on Memory, Mood, Aging and Disease. Boston, Dordrecht, London 2002 (Kluwer Academic Publishers). 270 S., E 115,-

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