Attacke auf den Geist

aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Das Gehirn ist selbst sein größter Feind: Je intelligenter wir werden, desto mehr treiben wir die Industrialisierung voran. Bedauerliche Nebenwirkungen: Tausende toxische Chemikalien verschmutzen Boden, Wasser und Luft. Die Neurotoxine finden ihren Weg zurück in den Körper, beeinträchtigen das Gehirn - und bedrohen somit die menschliche Intelligenz.

Der geistige Verfall infolge von Umwelteinflüssen ist schleichend und könnte erstmals in der Geschichte der Menschheit zu einem allgemeinen Rückgang der Intelligenz führen. Das zumindest behauptet Christopher Williams in seinem Buch "Endstation Gehirn", das nun mit einiger Verspätung auch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Williams fasst darin die wichtigsten Erkenntnisse der so genannten Neurotoxikologie zusammen, ein erst in den Neunzigerjahren begründetes Feld der Umweltmedizin, das die Wirkung der Umweltverschmutzung auf die grauen Zellen erforscht, nämlich geistige Behinderungen, Verhaltensstörungen und geringe Intelligenz.

Schwermetalle finden sich unter den Hauptverursachern der latenten Verdummung. Blei aus veralteten Trinkwasserleitungen oder in Wandanstrichen gefährdet die Konzentrations- und Lernfähigkeit von rund zehn Prozent aller US-amerikanischen und britischen Kinder. Andere Wirkungen der Chemikalien auf Neurotransmitter untersucht Roger Masters. Der US-amerikanische Neurotoxikologe fand heraus, dass es in Regionen der USA mit erhöhten Blei- und Manganwerten häufiger zu Verbrechen komme - und zwar unabhängig von sozialen Gegebenheiten.

Die hormonschädigende Substanz PCB (polychlorierte Biphenyle) wiederum, die in Bauten der Siebzigerjahre in Dichtungsmassen und als Flammschutzmittel verwendet wurde, ist in vielen Schulen Deutschlands weit verbreitet. Konzentrationsstörungen, Leistungsabfall, Verhaltensauffälligkeiten bei Schülern und Lehrern haben zur Schließung einiger der verseuchten Gebäude geführt.

Doch nicht nur giftige Substanzen, sondern auch ein Mangel an Mikronährstoffen beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit des menschlichen Geistes. Dieser "versteckte Hunger" ist vor allem in den Ländern der Dritten Welt verbreitet. Laut UNICEF leben 1,5 Milliarden Menschen in Regionen mit Jod- und Eisenmangel. Damit ist fraglich, ob diese Menschen ihr intellektuelles Potenzial erreichen können. Die "grüne Revolution" - nämlich die Anpflanzung von ertragreichen, aber an Spurenelementen armen Pflanzen - sowie Bodenerosion sind dafür mitverantwortlich.

Warum Neurotoxizität noch immer wissenschaftliches Neuland ist, hat mehrere Gründe, so Christopher Williams: Sie wird gerne vertuscht, dazu kommt die Angst vor Kompensationspflichten wie im Falle der Strahlenopfer aus Hiroshima und Nagasaki. Schließlich ist es aber auch nicht ganz einfach, das verlorene Geistespotenzial zu messen und statistisch zu erfassen. J. H.

Christopher Williams: Endstation Gehirn: Die Bedrohung der menschlichen Intelligenz durch die Vergiftung der Umwelt. Aus dem Englischen von Hans-Joachim Mass. Stuttgart 2003 (Klett-Cotta). 400 S., e 25,70

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