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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

Unter Literaturbetriebsleuten ist es chic geworden, Jonathan Franzens vor kurzem noch hochgelobten Roman "Die Korrekturen" nun, angesichts des Erfolges, für minderwertige Unterhaltungsware zu erklären. Derlei Moden kann man getrost ignorieren: Franzens Buch wird sich wohl als das erste bleibende Werk seiner, unserer Generation erweisen. Und das nicht nur wegen seines zukunftsweisenden Ansatzes, auf der Basis einer experimentellen Prosakunst à la William Gaddis und William H. Gass ("The Tunnel") wieder psychologisch komplexe Charaktere einzuführen, also die Wiedergewinnung von Tolstoi auf dem Boden von Pynchon zu betreiben. Sein Buch wird auch des Themas wegen bleiben: Eine Familie zerfällt. Aber nicht, wie hundert Jahre zuvor, durch ökonomische Probleme und Dekadenz, durch die künstlerische Träumerei und Lebensferne eines Hanno Buddenbrook - sondern durch das schleichende Versagen des Gehirns, die Krankheit des Alois Alzheimer.

In einem Essay nennt Franzen die Alzheimerkrankheit seines Vaters die prägende Erfahrung seines Lebens. Es scheint aber, der Erfolg der "Korrekturen" beweist es, nicht nur seine, sondern die unzähliger Menschen in einer zunehmend geriatrischen Gesellschaft zu sein. Noch vor einigen Jahren hätte man auf die Frage, welche Krankheit die gesellschaftlich wirkmächtigste Geißel unserer Tage ist, geantwortet: natürlich Aids! Heute, ohne dass Aids etwas von seiner Gefährlichkeit verloren hätte, kann man sich fragen, ob es nicht der viel leisere und unheimliche Zerfall von Erinnerung und Persönlichkeit ist, der jedem Menschen zu drohen scheint, wenn er nur, unterstützt von moderner Medizin, lange genug lebt.

Franzen schildert das Zerbrechen einer Familie am Alterswahnsinn mit der Exaktheit des Künstlers und der Poesie des Wissenschaftlers: Am beeindruckendsten sind die Kapitel, wo er sich direkt in den kranken Vater hineinversetzt und mit dessen Blick dessen zersplitternde Wirklichkeit auffängt: die zunehmende Verwirrung, die wenigen lichten und die immer längeren Momente der Dunkelheit, die Angst, die Einsamkeit. Wissenschaftler sollten Franzen lesen. Alle anderen auch. <

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