Gedanken zum Sprechen bringen

Katrin Wilkens | aus HEUREKA 6/03 vom 10.12.2003

1970 flog Niels Birbaumer als junger Assistent von der Universität Wien, fünf Jahre später war er Professor für klinische und physiologische Psychologie in Tübingen. Dort hat er eine Technologie entwickelt, die Gedanken in messbare Impulse verwandelt - und damit vollständig gelähmten Menschen wieder einen Zugang zur Welt verschafft. Ein Porträt des Verhaltensneurobiologen und schillernden Anti-Wieners.

Eingeschlossen, unauftaubar. Gemeinhin hält er nicht viel von Leuten, die viel reden. Seine Welt sind die, die gar nicht mehr reden können, weil sie keine Muskelfaser in ihrem Körper haben, die sie zu Kommunikation, und sei es nur gestisch, nützen könnten. Niels Birbaumer hat es als erster Wissenschaftler geschafft, ein System zu entwickeln, das es ihm ermöglicht, sich auch mit vollständig gelähmten Menschen zu verständigen. Mithilfe so genannter "Brain-Machine-Interfaces" kann der Verhaltensneurobiologe zum Beispiel mit Menschen kommunizieren, die unter ALS (Amytrophe Lateralsklerose) leiden. Im Endstadium dieser Krankheit, bei der die Nervenzellen geschädigt werden, die für die Steuerung der Muskeln zuständig sind, ist der Betroffene vollständig gelähmt, "locked in", eingeschlossen in sich selbst.

"Jeder Psycho, jeder Depressive will lieber sterben als einer, der ALS hat", sagt Birbaumer. Wahrscheinlich ist die positive Grundeinstellung der Patienten die beste Motivation, warum er sein Leben lang forscht. Der Urgedanke seiner Theorie: Gedanken sind elektrisch. "Und nicht molekular, wie man das heute denkt. Zwar finden molekulare Prozesse beim Denken statt, aber eine molekulare Veränderung führt ohne Elektrik nicht zum Denken."

Wenn nun Gedanken elektrisch sind, dann sind sie auch messbar. Mithilfe eines Elektroenzephalographen (EEG) sieht man zwar nicht, was einer denkt. Aber man kann an hohen oder niedrigen Wellen sehen, ob jemand gerade an Verona Feldbusch denkt oder an eine, sagen wir mal, Rigipsplatte. Überspitzt formuliert: Feldbuschgedanken führen zu einer Negativierung und Hirnzellen werden erregt. Rigipsplattedenken positiviert und Hirnzellen werden ruhiger. Verona Erregung, Rigips Ermüdung. Wenn man nun weiß, dass Verona negativiert und Rigips positiviert, dann kann man auch trainieren, per Gedanken seine Hirnwellen zu kontrollieren. Damit wäre ein einfaches System zur Kommunikation geschaffen. Willst du Milch? Verona, das heißt "ja", oder Rigips, das heißt "nein".

Dieses spezielle Biofeedback wurde in Tübingen als Erstes entwickelt. Dann suchte man nach Anwendungen. Zunächst schienen Epileptiker dafür ideal, weil sie im Hirn mehr Negativierungen haben, als ihnen lieb sein kann. Buchstäblich eine Reizüberflutung. Wenn man es nun schaffte, ihnen beizubringen, ihre Hirnwellen zu steuern, ließe sich vielleicht auch ein epileptischer Anfall kontrollieren, womöglich sogar verhindern. Dann versuchte es Birbaumer mit genau diametral entgegengesetzten Probanden: ALSlern. "Die können die EEGs leichter positivieren, wahrscheinlich weil eh schon ein Teil des Hirns abgestorben ist", sagt er. Vermutlich ist auch ihr Eingeschränktsein Grund für die größeren Lernerfolge. Weniger Einflüsse, weniger Reize, mehr Konzentration auf das Wesentliche.

Krankenkassensachbearbeiterbearbeiter. Der Rest ist üben, üben, üben in einer dermaßen massiven Form von Anstrengung, wie Gesunde es sich gar nicht vorstellen können. Gesunde Krankenkassensachbearbeiter zum Beispiel. Die machen Birbaumer rasend, wenn er mit ihnen um eine Rollstuhlzulage feilscht oder um Flüssignahrung, und es ist zu vermuten, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Birbaumer will von den Kassen Geld. Krankenkassensachbearbeiter haben Vorschriften und sagen deshalb erst mal grundsätzlich Nein. Nicht wissend, dass sie nicht mit einem Angehörigen oder einem Hausarzt telefonieren, sondern mit einem professoralen Berserker. Wie gesagt: Es gibt wenige, die ihn mehr nerven. Bei allen anderen hat er mehr Geduld, naja, fast.

"Männer lasse ich grundsätzlich nicht zu Patienten, die halten den Umgang mit den Quasi-Leichen nicht aus", sagt Birbaumer. In der Regel seien das Physiker, "also keine, die das Helfen zum Sinn ihrer Arbeit gemacht haben, anders als bei den Psychologen, fast immer Frauen - da ist der Hauptantrieb das Helfen- und Handelnkönnen."

Und er? Wie hält er das aus? "Ich habs leichter, weil ich älter bin und viel seltener bei den Patienten, ich habe meine Auszeichnungen im Leben schon bekommen und muss nun eigentlich nur noch Gelder besorgen." Sitzt da. Grinst. Schweigt. Pragmatischer Opportunismus. Wenn es ihm und seinem Institut Geld brächte, würde er auch einen Kopfstand machen und die Beine als Quirl benutzen.

Der Wiedertäufer. Um das zu verstehen, hilft ein kleiner Abstecher in seine Kindheit. 1945, Ottau bei Prag. Birbaumers Vater, Gymnasiallehrer, Dirigent, Regisseur und als Partisane bei der Zerstörung des Prager Flughafens beteiligt, irrt durch die umliegenden Dörfer, um für seinen frisch geborenen Sohn Niels von den Kirchen Milch zu erbitten. Die Mutter liegt mit Kindbettfieber danieder. "Vater hat auch von den Kirchen Milch bekommen, aber immer nur mit der Auflage, mich auch gleich taufen zu dürfen. Ich bin, glaub ich, im Ganzen fünf oder sechs Mal getauft worden, alle Strömungen, alle Richtungen, so lange, bis ich satt war." Pragmatischer Opportunismus, heute ist Birbaumer konfessionslos.

Die Familie zog aus Prag weg, ging nach Wien. Und Niels Birbaumer trägt das schillerndste Wiener Stereotyp zeitlebens in sich: "Was typisch wienerisch an mir ist? Das Anti-Wienerische. Wiener sind zum Kotzen. Konservativ. Rigide. Scheinheilig." Als sein Chef Hubert Rohracher 1970 in Pension ging, flog er von der Uni. Rohracher und Birbaumer hatten mit Psychoanalyse und Marxismus wenig am Hut, sie interessierten sich mehr für Pawlow. Ein streng biologistischer Ansatz aber war damals in der Psychologie ganz und gar nicht trendy.

Rausgeschmissen, ging Birbaumer für ein paar Monate nach London und wurde Verhaltenstherapeut, "so richtig mit den Zwanghaften in der Scheiße wühlen, das volle Programm". Heute hat er sogar eine Lizenz zur Ausbildung von Verhaltenstherapeuten und ist einer von wenigen, die einmal beides gemacht haben: das gefühlige Reden und Rauslassen von Problemen und das streng empirische Messen von Hirnströmen.

Distanz und Engagement. Fünf Jahre später, 1975, bekam er als jüngster Professor in Tübingen den Lehrstuhl für klinische und physiologische Psychologie. Seine Studenten beschreiben ihn freundlicher, als er es selbst tut. Natürlich sei er eitel, natürlich auch machtbewusst, aber er sei keiner, der unerreichbar residiere oder manisch kontrolliere.

Dass er erst ein Forschungsproblem hatte und sich dann die passenden Patienten zur Lösung des Problems suchte, gibt ihm neben allem Engagement für die Belange der Patienten eine Distanz, die ihm lebenslange Beschäftigung mit diesen Kranken ermöglicht. "Man bekommt ein viel genaueres Gefühl für Zeit, wenn man sich einmal neben solche Leute hockt und das Maul hält."

Neben Gelähmten und Epileptikern wird sein Brain-Machine-Interface erfolgreich bei ADS- (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom-)Kindern erprobt. Auch in Israel und in anderen Gebieten, in denen schwere Kriegsverletzungen häufig sind, ist man an Biofeedback für Reha-Maßnahmen interessiert. Dass mit den Einzelstudien von ALS-Kranken kaum wissenschaftliche Veröffentlichungen und damit Aufmerksamkeit erreicht und damit Gelder locker gemacht werden können, weiß Birbaumer.

"Dass Patienten es schaffen, mithilfe unserer Forschung einen Satz in absehbarer Zeit zu formulieren - das ist mein Ziel. Ich will kein Hirn auf Festplatten speichern, ich will nicht die Gedanken von Patienten lesen und ihnen damit die letzte Intimsphäre nehmen, die sie noch haben. Aber ich will, dass die Brain-Machine-Interfaces mehr können, als nur "ja" oder "nein" zu übersetzen." Denn dann werden aus den Patienten wieder Seelenträger, die man fragen kann: Was fehlt Ihnen, anstatt: Ist Ihnen kalt? Warm? Sind Sie satt? Bekommen Sie genug Luft? Dann können stumme Patienten aus dem Leben berichten, das uns verschlossen bleibt.

"Wir schließen bei den Patienten von einer Ausdruckslosigkeit im Gesicht auf eine Eigenschaftslosigkeit in der Seele", sagt Birbaumer, "dabei retardieren nicht die Patienten, sondern wir, wenn wir mit ihnen sprechen, als verstünden sie nichts. Aber sie verstehen. Sie haben Antworten in ihren Köpfen. Die müssen da nur raus."

Eine längere Version dieses Textes erschien in "Technology Review. Das M.I.T.-Magazin für Innovation".

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