Sieger sehen anders aus

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 1/04 vom 07.07.2004

Wer vom Spitzensport redet, sollte vom Doping nicht schweigen - obwohl Athleten und Trainer bei diesem Thema meist nichts sagen wollen. Dopingmittel kommen über die medizinische Forschung in den Sport. Und es sind Forscher, die den Nachweis für eingenommene Dopingsubstanzen erbringen. Eine Spurensuche.

Geht nicht ohne. Der schottische Zeitfahr-Weltmeister David Millar hat Doping mit EPO zugegeben und darf nicht bei der Tour de France antreten. Der kalifornische Sprinter Tim Montgomery, der den Weltrekord im 100-Meter-Lauf hält, soll laut der US-Antidopingagentur USADA über Jahre gleich mehrere verbotene Substanzen zu sich genommen haben und könnte womöglich lebenslänglich gesperrt werden. Zehn Fußballprofis von Juventus Turin - darunter EM-Teilnehmer Alessandro del Piero - werden beschuldigt, mit EPO gedopt zu haben.

Diese Nachrichten der vergangenen zwei Wochen schafften es angesichts der Fußball-EM allenfalls in die Kurzmeldungen. Zugleich machen sie offensichtlich, dass Doping aus dem heutigen Spitzensport nicht mehr wegzudenken ist - als seine unschöne Kehrseite, über die niemand gerne spricht. Diese Erfahrung hat auch Dagmar Rabensteiner gemacht, die selbst Sportärztin ist und den österreichischen Rekord im Marathonlauf hält: "Man redet einfach nicht darüber."

Andere haben darüber geredet, und es ist ihnen nicht gut bekommen. Der französische Radstar Jacques Anquetil, fünffacher Gewinner der Tour de France, meinte 1967: "Amateure sollten niemals zu Dopingmitteln greifen. Doch wenn man als Profi 200 Tage im Jahr auf dem Rad sitzt, kommt man ohne sie nicht aus." Anquetil wurde daraufhin von seinem Verband gesperrt. Er starb mit 53. Ausgepackt hat auch der Belgier Willy Voet, der bis 1998 das Festina-Radteam mitbetreut und mit Dopingmitteln versorgt hatte. Heute arbeitet er als Buschauffeur in Marseille.

Einer, der bestimmt etwas zu sagen hätte, ist Victor Conte. Und er würde auch reden - wenn die Regierung Bush es ihm nicht kürzlich verweigert hätte, bei einem Geständnis straffrei auszugehen. Der schillernde kalifornische Selfmade-Man steht im Mittelpunkt einer der spektakulärsten Dopingaffären überhaupt, die bereits jetzt weite Kreise gezogen hat - und ein Paradebeispiel für die Verschränkungen von Hochleistungssport, Wissenschaft und Doping ist.

Pure Food and Drug Act. Das war der Name einer der Bands, in der Victor Conte in den Siebzigerjahren professionell Bass spielte, ehe er Anfang der Achtzigerjahre die Branche wechselte und die Firma Balco (Bay Area Laboratory Cooperative) gründete. Conte, der keine medizinische Ausbildung hat, recherchierte über die Zusammenhänge von Spurenelementen und körperlicher Leistungsfähigkeit und schaffte sich teure technische Analyseinstrumente an. Er beriet Spitzenathleten in Ernährungsfragen, stellte Hightech-Nahrungsergänzungsmittel her - und wohl noch ein wenig mehr.

Dieser Verdacht kam auf, nachdem ein Leichtathletik-Coach der USADA eine Spritze mit einem bislang unbekannten und nicht nachweisbaren Dopingmittel namens THG (siehe Kasten S. 4) hatte zukommen lassen. Don Catlin, der wissenschaftliche Leiter der USADA, entwickelte im Herbst 2003 ein Nachweisverfahren für das von Chemikern künstlich hergestellte und "getarnte" Steroid. Danach wurden alte Dopingproben kontrolliert und quasi im Nachhinein als positiv befunden. Etliche Sportler oder ihre Trainer, die mit Conte in Verbindung standen - so wie eben auch Weltrekordler Tim Montgomery - wurden nun des Missbrauchs bezichtigt.

Kraft aus Stierhoden. Die Leistungssteigerung durch Steroide, zu denen unter anderem die Geschlechtshormone zählen, hat eine lange Geschichte, an der auch zwei österreichische Forscher mitschrieben: Der Grazer Oskar Zoth und der spätere Chemie-Nobelpreisträger Fritz Pregl - beide passionierte Sportler - injizierten sich Ende des 19. Jahrhunderts im Selbstversuch ein flüssiges Extrakt aus Stierhoden. Wie Zoth 1896 schrieb, habe das ihre Muskelkraft gesteigert. Seinen Bericht schloss der Physiologe mit dem Satz: "Das Training von Sportlern bietet eine Gelegenheit für weitere Forschungsarbeiten in diesem Bereich und für eine praktische Beurteilung unserer experimentellen Ergebnisse."

Damit wurde wohl erstmals in der Geschichte der Vorschlag gemacht, Sportlern hormonelle Substanzen zu injizieren, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Für Zoth stand dabei allerdings weniger die Wissenschaft im Dienste des Sports als umgekehrt. Tatsächlich steckte der Hochleistungssport damals noch in den Kinderschuhen: Seine Entwicklung hin zu einer extrem wettkampforientierten Subkultur, in der Leistungssteigerung durch Hormongaben verboten ist, aber trotzdem praktiziert wird, lag noch in ferner Zukunft. Dennoch hatte es damals bereits die ersten dokumentierten Dopingfälle gegeben: 1865 hatten sich Kanalschwimmer in Amsterdam aufgeputscht, und 1886 wurde der erste Todesfall eines Sportlers infolge Dopings ruchbar: Ein Rennradfahrer starb an einer Überdosis Trimethyl.

Bis zur Ächtung, dem Verbot und dem wissenschaftlichen Nachweis von Dopingmitteln dauerte es noch einige Zeit. Als Folge verstärkten Dopings mit anabolen Steroiden in den Ländern des Ostblocks wurden bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City vom Internationalen Olympischen Komitee erstmals verbindliche Dopingtests vorgeschrieben. Die ersten Trainingskontrollen indes wurden erst zwei Jahrzehnte später durchgeführt, wie der Dopingexperte Wilhelm Schänzer von der Sporthochschule Köln weiß: "Auffallend ist, dass danach vor allem in den Wurfdisziplinen der Leichtathletik, aber auch im Frauensprint die Leistungen abgefallen sind."

Test the Best. Eines der weltweit rund dreißig anerkannten Labore, in denen heute Sportlerurin auf verbotene Substanzen getestet wird, befindet sich im niederösterreichischen Forschungszentrum Seibersdorf. Auch dort hat man übrigens alte Proben auf THG untersucht, berichtet Günter Gmeiner, der wissenschaftliche Leiter der Dopingabteilung. Man sei aber nicht fündig geworden, so der Chemiker. Wenn es sein muss, kann sein Team in 24 Stunden zwanzig Proben auf die 200 verbotenen Substanzen untersuchen, die auf der Liste der WADA, der Welt-Anti-Dopingagentur, stehen. Den letzten Großeinsatz gab es bei der Hallen-WM der Leichtathleten in Budapest: Da lag Seibersdorf buchstäblich am nächsten. Die Dopingproben der Fußball-EM werden in Lissabon analysiert; für die Spiele in Athen, bei denen 4000 der rund 10.000 Olympioniken getestet werden sollen, wird ein eigenes Labor vor Ort errichtet.

In Seibersdorf wird nur die Hälfte des Umsatzes mit der Analyse von Urinproben gemacht, davon sind im Schnitt rund fünf Prozent positiv. Die andere Hälfte verdient man sich mit Forschung, die von der WADA unterstützt wird.

Zurzeit wird an einer neuartigen Methode zum Aufspüren eines bisher nicht nachweisbaren Wachstumshormons mittels der so genannten Mikroarray-Technik gearbeitet. Ein anderes Projekt ist mittlerweile erfolgreich abgeschlossen: Die Forscher in Seibersdorf adaptierten eine extrem lichtempfindliche Kamera, mit der das Blutdopingmittel EPO noch leichter als bisher entdeckt werden kann.

Obwohl man den EPO-Nachweis wissenschaftlich längst "fest unter Dach und Fach hat", wie Günter Gmeiner meint, wird doch weiterhin mit der Substanz gedopt werden, ist sich Bengt Saltin sicher. Der Leiter des dänischen Anti-Doping-Verbandes und des renommierten Muskelforschungszentrums in Kopenhagen (siehe Seite 8-9) geht davon aus, dass die Athleten vor und während der Olympischen Spiele damit unentdeckt dopen: Nach einer EPO-Spritzenkur im Mai und Juni würden in Athen minimalste Dosen ausreichen, um die Produktion roter Blutkörperchen anzuregen. Und diese kleinen Mengen seien nicht nachweisbar.

Beruf Spitzensport. Für Dagmar Rabensteiner, die ihre Karriere offiziell im Vorjahr beendete, aber weiterhin rund 150 Kilometer in der Woche läuft, kam Doping mit EPO nie infrage. "Als Ärztin weiß ich um die unkalkulierbaren Risiken des Medikaments." Sie selbst hat Patienten bei Niereninsuffizienz im Krankenhaus behandelt, und da habe man die Nebenwirkungen medizinisch - so gut es geht - unter Kontrolle. Das sei aber beim Missbrauch im Ausdauersport keineswegs der Fall.

Dennoch verwehrt sich Rabensteiner gegen allzu leichtfertige Verurteilungen von Spitzensportlern, die dopen - auch wenn sie diese keineswegs entschuldigen möchte: "Das sind die Endglieder einer langen Kette von Trainern, Betreuern und Fans", sagt sie, "ihr Beruf ist emotional anstrengender als jeder andere, und er verlangt, den ganzen Körper und das ganze Leben dafür zu geben. Ich war immer froh, als Ärztin noch einen anderen Beruf zu haben."

Soll man Doping also nicht überhaupt gleich freigeben? Der deutsche Dopingexperte Schänzer warnt davor entschieden. Die zwei Gründe liegen auf der Hand: der Gesundheitsaspekt und der Fairnessgedanke: "Dann hätten wir nämlich einen Wettbewerb der Pharmaprodukte." Dass das Motto der WADA - "play true!" - bei den Olympischen Spielen nicht für alle Athleten gelten wird, daran hat wohl nicht nur der Muskelforscher Bengt Saltin keine Zweifel: "Die Wahrscheinlichkeit, dass in Athen nicht gedopt wird, liegt bei null Prozent."

Mitarbeit: Robert Czepel und Stefan Löffler

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