Frühere Nachweise

aus HEUREKA 1/04 vom 07.07.2004

heureka: Der Kampf gegen das Doping scheint dem Wettlauf zwischen Hase und Igel zu gleichen.

Olivier Rabin: Das liegt in der Natur der Sache. Grundsätzlich gilt, dass neue Methoden zum Nachweis von Doping in einer Wissenschaftszeitschrift mit Gutachterverfahren veröffentlicht werden müssen. Es gibt aber auch etwas schnellere Verfahren der Anerkennung solcher Nachweismethoden - wie das beispielsweise mit dem Nachweis von EPO vor den Olympischen Spielen in Sydney im Jahr 2000 der Fall war. Wir sind aber auch deshalb immer hintennach, weil unsere Arbeit nicht nur vor dem Internationalen Olympischen Komitee und der Wissenschaft halten muss, sondern auch vor Gericht. Wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Zugleich versuchen wir aber, dopenden Sportlern einen Schritt voraus zu sein, und zwar durch Zusammenarbeit mit der Pharmaforschung.

Wie kann man sich das vorstellen?

Doping ist oft der Missbrauch von Medikamenten, die eigentlich für medizinische Zwecke entwickelt werden. Neue Medikamente haben eine lange Entwicklungszeit. Einige Pharmafirmen stellen uns Moleküle frühzeitig zur Verfügung. So können wir bereits Nachweismethoden entwickeln, bevor die Medikamente auf den Markt kommen.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Vor den Winterspielen in Salt Lake City 2002 ermöglichte die Zusammenarbeit mit den Entwicklern von Aranesp, dass dieses synthetisch hergestellte EPO bei mehreren Dopingkontrollen gefunden wurde. Leider gibt es auch Firmen, die unsere Arbeit nicht verstehen und fürchten, dass wir etwas veröffentlichen, bevor die Zulassung des Medikaments abgeschlossen ist.

Manchmal gibt es aber auch neue Nachweismethoden für Substanzen, die schon länger in Gebrauch sind - und womit dann ältere Proben getestet werden.

Richtig. Die alten Proben sind sehr nützlich, um neue Nachweismethoden zu testen. Dabei finden wir tatsächlich immer wieder verbotene Substanzen. Für diese Forschung erhalten wir allerdings nur anonymisierte Proben, bei denen sich nicht mehr zurückverfolgen lässt, von welchen Sportlern sie stammen. Vorigen Herbst zum Beispiel ist ein zuverlässiger Nachweis von THG gefunden worden. Daraufhin hat die WADA alle nationalen Antidopingagenturen aufgefordert, die vorhandenen Proben auf THG zu testen. Aber das ist nicht die Aufgabe von uns Wissenschaftlern.

Die Sportler kriegen immer zu hören, Dopen sei gefährlich. Warum fördert die WADA dann keine Studien über die Langzeitfolgen?

Es gibt kaum Forschung dazu, weil man dazu Angaben über die Dosierung und die Dauer der Einnahme braucht. Aber zumindest solange sie aktiv sind, reden die Sportler nicht darüber. Bodybuilder sind redseliger, weil die Einnahme von Substanzen Teil ihrer Kultur ist. Eine kürzlich erschienene Studie zeigt, dass Steroide bei vielen Kraftsportlern Herzerkrankungen verursachen. Derzeit verhandeln wir mit mehreren Fachverbänden, um ähnliche Studien einzuleiten.

An welche Sportarten denken Sie?

Die Verbände darf ich nicht nennen.

Wie sollen diese Studien angelegt sein?

Wir müssen dafür viele Sportler beobachten, am besten sowohl solche, die kurz vor dem Ende ihrer Karriere stehen, wie auch solche, die noch ziemlich jung sind, und das viele Jahre über ihre aktive Zeit hinaus. Infrage kommen Sportarten, die von Schnelligkeit, Kraft oder Ausdauer bestimmt sind. Als Wissenschaftler kann ich nur schwer begreifen, warum Leichtathleten und vor allem Radprofis, die THG schlucken, derzeit noch gar nicht absehbare Gesundheitsrisiken in Kauf nehmen.

Ausgerechnet die Internationale Radsportunion hat als einziger Weltverband die olympischen Dopingregeln nicht anerkannt.

Aber sie hat angekündigt, am 23. Juli zu unterschreiben.

Das ist nach der Tour de France.

Das stimmt. Aber der Termin ist immerhin noch innerhalb der Frist für die Spiele in Athen.

Interview: Stefan Löffler

Olivier Rabin ist seit 2002 Forschungsdirektor der Weltantidopingagentur WADA in Montreal. Zuvor war der französische Toxikologe in akademischen Institutionen und in der Pharmaindustrie tätig.

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