Vom Sitz des Orakels

Lukas Wieselberg | aus HEUREKA 1/04 vom 07.07.2004

Während die Athleten erst ab 13. August in Athen an den Start gehen, läuft der Wettbewerb um das beste olympische Buch bereits seit geraumer Zeit. Im Jahr, in dem die Olympischen Spiele an ihren Ursprungsort zurückkehren, widmen sich gleich mehrere Autoren der Geschichte der Spiele der Antike, die immerhin rund zwölf Jahrhunderte überdauerten, nämlich die Althistorikerin Rosmarie Günther, der Journalist Michael Siebler und der Archäologe Ulrich Sinn. Eine Goldmedaille kann an dieser Stelle nicht eindeutig vergeben werden (das ist ohnehin eine Erfindung der Neuzeit), denn alle drei Bücher führen nicht nur übersichtlich ein in Geschichte, Ablauf, Organisation und Topografie dieses berühmtesten aller Wettkämpfe, sondern sind auch reichlich bebildert. Als Reiseführer geeignet ist schon wegen seiner Schmalheit "Olympia. Kult und Spiele in der Antike" von Günther. Sie folgt in weiten Teilen den Beschreibungen des Pausanias, der gerne als "Baedeker der Antike" bezeichnet wird. Auch wenn die Experten mittlerweile darüber streiten, ob der griechische Geschichtsschreiber aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. überhaupt alle Stätten bereist hat, die er in seinen zehn Bänden beschreibt, beruht ein Großteil unseres Wissens über die Olympischen Spiele auf Pausanias. Günther jedenfalls vertraut ihm, folgt seinen Spuren durch das sakrale Zentrum Olympias, die so genannte Altis, und beschreibt dabei Kult und Kultstätten.

Bei der Frage nach dem Ursprung des Festes argumentiert sie anders als ihre männlichen Autorenkollegen. Während Siebler und Sinn den Ursprungsmythen um Pelops und Herakles folgen, die in der späteren Verehrung des Göttervaters Zeus kulminieren, setzt Günther auf eine weibliche Herkunftsgeschichte. Ihr zufolge ist der Heratempel der älteste Tempel in Olympia und Hera die "Herrin der Altis". Darauf deuten die so genannten Heraien, in der Literatur meist vernachlässigte Wettkämpfe für Jungfrauen, die zwischen zwei Olympischen Spielen zu Ehren der Hera abgehalten wurden. Dabei handelte es sich um einen Lauf über eine Distanz von rund 160 Metern (der klassische "Stadionlauf" der Männer ging über 192 Meter), der später unter dem Schutz der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter stand. Noch ehe die Olympischen Spiele in ihre klassische Phase eintraten, rückte der Heramythos in den Hintergrund und wurde vom Zeuskult verdrängt. Günther moniert nicht nur die "männlich orientierte Sichtweise" ihrer Historiker- und Archäologenkollegen, sondern verkneift sich auch einen Seitenhieb auf die Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit nicht: Pierre de Coubertin hielt die Zulassung von Frauen zu einem Fest, das er als "zeremonielle Feier männlichen Athletentums" beschrieb, für eine "negative Entwicklung".

Michael Siebler, ehemaliger Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) und mittlerweile "FAZ"-Redakteur, legt in "Olympia. Ort der Spiele, Ort der Götter" seinen Schwerpunkt auf die wissenschaftshistorische Bedeutung der archäologischen Anstrengungen. Keine andere deutsche Ausgrabung im Ausland sei so eng mit der deutschen Geschichte und dem deutschen Nationalbewusstsein verbunden gewesen wie jene in Olympia. Die Ursachen für diese Verstrickung liegen laut Siebler nicht nur in der romantischen Idee einer "Seelenverwandtschaft" zwischen Deutschen und antiken Griechen, die sich etwa in der Analogie der zerstrittenen griechischen Poleis und der deutschen Kleinstaaterei bis ins 19. Jahrhundert ausdrückt, sondern auch in der konkreten imperialistischen Politik des 1871 geeinten Reichs. Auch die journalistische Begleitung und propagandistische Ausschlachtung der Ausgrabungen sind Siebler eine Ausführung wert: Nie zuvor seien Forschungsergebnisse der Archäologie schneller publiziert worden als jene von Olympia.

Nicht nur schnell wurde publiziert, sondern auch in großer Zahl. "Über kein anderes Heiligtum der antiken Welt sind wir so gut informiert", fasst dies Ulrich Sinn in "Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst" zusammen. Der Leiter der DAI-Ausgrabungen in Griechenland liefert eine anschauliche Einführung in die "Wiederentdeckung Olympias durch die Wissenschaft", die bereits lange vor Coubertin begann: In der englischen Grafschaft Gloucestershire wurden schon im frühen 17. Jahrhundert nach antikem Vorbild die "Olimpic Games upon Cotswold Hills" abgehalten. Zudem macht Sinn deutlich, warum Olympia - als Orakelsitz des Kriegsgottes Zeus, der fortwährend um Rat gebeten wurde - für Politiker, Künstler und Gelehrte eine bevorzugte Bühne ihrer Auftritte war. Auf der Gästeliste des antiken Olympia befanden sich Namen wie Platon, Alkibiades oder Nero. In wenigen Wochen werden sich einige Prominente der Gegenwart zu ihnen gesellen.

Rosmarie Günther: Olympia. Kult und Spiele in der Antike. Darmstadt 2004 (Primus), 176 S., e 20,50

Michael Siebler: Olympia. Ort der Spiele, Ort der Götter. Stuttgart 2004 (Klett-Cotta), 268 S., e 25,70

Ulrich Sinn: Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst. München 2004 (C.H.Beck), 280 S., e 30,80

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