Bestellte Wahrheiten

Lukas Wieselberg | aus HEUREKA 1/04 vom 07.07.2004

In Österreich trägt der Sport bereits drei Prozent zur Wertschöpfung bei, Tendenz weiter steigend. Das bedeutet nicht, dass sich öffentliche Ausgaben für Großveranstaltungen, Sportstätten oder Bewegungskampagnen immer rechnen. Die zugrunde liegenden Studien übertreiben nämlich oft den wirtschaftlichen Nutzen des Sports.

Es ist kein Burgenländerwitz: Sport ist für Österreichs Volkswirtschaft ungefähr so wichtig wie sein östlichstes Bundesland. Fünfeinhalb Milliarden Euro beträgt die jährliche Wertschöpfung durch den Faktor Sport. Das entspricht 2,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ähnlich verhält es sich auf dem Arbeitsmarkt: Annähernd 100.000 Menschen leben in Österreich direkt oder indirekt vom Sport, das sind 2,6 Prozent aller Beschäftigten. Diese Zahlen stammen bereits vom Ende der Neunzigerjahre. Viel spricht dafür, dass die wirtschaftliche Bedeutung des Sports seitdem noch gestiegen ist.

Vor 1999 ist der ökonomische Stellenwert des Sports in Österreich zwar oft behauptet, aber nie nachgewiesen worden. Dann hat das Wiener Industriewissenschaftliche Institut (IWI) nachgerechnet. Die genannten Zahlen berücksichtigen sowohl Herstellung und Handel mit Sportgeräten als auch sportliche Dienstleistungen wie Training oder Veranstaltungen bis hin zum Sporttourismus, der für etwa die Hälfte der sportlichen Wertschöpfung in Österreich gut ist. In einer kürzlich veröffentlichten Folgestudie belegt IWI-Mitarbeiterin Barbara Schmidl den Boom im Teilsegment Sportgeräte, wo sich die Wertschöpfung in den letzten fünf Jahren nahezu verdoppelt hat.

Auch die zahlreichen Sportgroßereignisse des Landes, wie die alljährlichen Skirennen in Kitzbühel, Städtemarathons oder die bis voriges Jahr in Spielberg ausgetragenen Formel-1-Rennen, tragen zum Wachstum bei. Das nächste Riesenevent ist die kommende Fußball-Europameisterschaft, die 2008 gemeinsam mit der Schweiz ausgerichtet wird. Was für die heimischen Kicker die erste (und derzeit einzige) Chance ist, an einer EM-Endrunde teilzunehmen, lässt auch manche Ökonomen frohlocken. Laut einer noch vor dem Zuschlag für dieses drittgrößte Sportereignis der Welt veröffentlichten Schätzung des Instituts für Höhere Studien (IHS) würden bis zum Anpfiff der EM rund 6000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die heimische Wertschöpfung soll um 200 bis 240 Millionen Euro höher ausfallen, als wenn das Turnier anderswo stattfände. Besonders positive Auswirkungen erwarteten sich die Studienautoren für die Bauwirtschaft und für den Tourismus. Zu alledem komme ein Imagegewinn für Österreich im Gegenwert von 110 Millionen Euro.

Wenig von derartigen Prognosen hält der derzeit an der Universität Duisburg forschende Japanologe Wolfram Manzenreiter. Er hat sich mit ähnlichen ökonomischen Versprechungen, wie sie vor der Fußball-WM in Japan und Südkorea gemacht wurden, auseinander gesetzt. "Mit der Gutachterarbeit im Vorfeld von Sportgroßereignissen lässt sich offensichtlich mehr Geld verdienen und Aufmerksamkeit erregen als mit Untersuchungen, die danach mit realen Investitionen und Umsätzen den tatsächlichen Effekten nachspüren", so Manzenreiter. Ins gleiche Horn stoßen die US-Ökonomen Robert Sandy, Peter Sloane und Mark Rosentraub in ihrem jüngst erschienenen Lehrbuch "The Economics of Sports". Der Nutzen wird übertrieben, die Kosten werden unterschätzt. "Megaevents auszurichten ist einer der ineffizientesten Wege, um eine Wirtschaft zu stimulieren", schreibt auch der Sportökonom Stefan Szymanski vom Imperial College.

Dennoch hält sich das Gerücht hartnäckig, dass Brot und Spiele im XXL-Format volkswirtschaftlich sinnvoll sind. Und zwar seit den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles, wo den Veranstaltern dank intensiven Sponsorings und bis dahin unerreichten Einnahmen aus den TV-Rechten das Kunststück gelang, einen Überschuss zu erwirtschaften. Längst gehören Prognosen, die eine positive Bilanz versprechen, zum festen Repertoire von Städten, die sich um Olympische Spiele bewerben. Auch in Salzburg, das voriges Jahr als Kandidat für die Winterspiele 2010 scheiterte, war verkündet worden, dass unterm Strich die Volkswirtschaft profitieren würde. Die Realität sieht laut Wolfram Manzenreiter anders aus: Eine Reihe von Unternehmen verdienen sich tatsächlich eine goldene Nase, nämlich in der Bauwirtschaft, im Marketing oder im Sportartikelgeschäft, wie derzeit mit dem offiziellen EM-Ball Roteiro, von dem laut Hersteller Adidas schon sechs Millionen Stück zum Einzelpreis von rund hundert Euro über den Ladentisch gegangen sind. Und nach den Spielen profitiert der kommerzielle Sportbetrieb von den mit öffentlichen Mitteln gebauten Sportstätten.

Derweil hat die öffentliche Hand das Nachsehen, wie mehrere Fallstudien über Olympiastädte und die Erfahrungen aus Japan beweisen. Selbst wenn es kurzfristig zu mehr Beschäftigung und höheren Steuereinnahmen kommt, sind doch langfristig keine positiven Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum festzustellen. In Portugal trägt die EM laut dem dortigen Finanzministerium allenfalls 0,08 Prozent zum diesjährigen Wirtschaftswachstum bei. Die Schulden aber bleiben, wie etwa in den portugiesischen Städten, die neue Stadien gebaut haben, deren Baukosten nicht nur im Schnitt doppelt so hoch wie vorher veranschlagt ausfielen, sondern die auch mangels zugkräftiger Vereine nach der EM so gut wie nie mehr gefüllt werden.

Hauptmanko vieler optimistischer Prognosestudien ist laut Manzenreiter die Nichtberücksichtigung so genannter Crowding-out-Effekte. Damit ist die Verlagerung im Konsum von einem Produkt zuungunsten eines anderen gemeint. Oder auch die zeitliche Vorverlegung einer Kaufentscheidung, etwa die Anschaffung eines neuen Fernsehers vor dem Beginn einer Fußball-WM oder von zwei Kisten Bier bei etwaigen Triumphen des eigenen Teams. Unterm Strich und über einen längeren Zeitraum hinweg ergibt sich aber kein Plus im Konsum, denn selbst die größte Euphorie kann über die tatsächlichen Verhältnisse in der eigenen Geldbörse nicht hinwegtäuschen.

Doch immer wieder lassen sich die sonst als so nüchtern verschrieenen Ökonomen von der Euphorie hinreißen, wie ein Beispiel aus der Fußball-WM vor zwei Jahren zeigt: Den Sieg der Südkoreaner gegen Polen bewertete das Hyundai Research Institute (HRI) damals mit einem volkswirtschaftlichen Wert für das Gastgeberland von sage und schreibe 11,5 Milliarden US-Dollar.

Dass auch in umgekehrter Richtung gerne ein wenig übertrieben wird, zeigt die kolportierte Schadenssumme von 35 Millionen Euro für die Sponsoren des italienischen EM-Teams, nachdem Francesco Totti wegen Anspuckens eines Gegenspielers für die weiteren Spiele gesperrt wurde. Grundlage waren nicht etwa Umsatzeinbrüche der besagten Unternehmen, sondern eine Presseumfrage unter den Sponsoren.

Lukas Wieselberg ist Redakteur der Wissenschaftsseiten des ORF im Internet (http: //science.orf.at) und fungierte bei der Zeitschrift "Kurswechsel" als Gastredakteur der aktuellen Ausgabe "Ideologien und Ökonomien des Sports" mit Beiträgen von u.a. Barbara Schmidl und Wolfram Manzenreiter.

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