Hotpants für den Präsidenten

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 1/04 vom 07.07.2004

Männer werden als schweißgebadete Helden inszeniert, Frauen in knappe Trikots gesteckt. Im Sport werden Geschlechterstereotypen ständig reproduziert und kaum hinterfragt. Selbst die feministische Forschung hat gerade erst begonnen, sich mit dieser letzten Bastion der Männlichkeit zu beschäftigen.

Der Kurnikowa-Effekt. Beachvolleyballerinnen geben sich keinen Illusionen hin. Sie wissen, dass die Männer im Publikum kaum auf den Ball schauen. Sponsoren bestehen auf viel Hautsicht, und so haben die Verbände Bikinihöschen mit maximal vier Zentimeter breitem Steg an der Seite und bauchfreies Oberteil vorgeschrieben.

Eine an sich eine gute Idee, fand auch Fifa-Präsident Sepp Blatter und regte Anfang dieses Jahres mit Blick auf die Werbewirtschaft Hotpants für Fußballerinnen an. Es folgte eine Welle der Entrüstung. Die US-Nationalspielerin Julie Foudy forderte Blatter auf, er solle doch im Gegenzug seine Pressekonferenzen im Badeanzug geben.

Auch hohe Funktionäre, meist Männer jenseits der sechzig, sind vor sexistischen Anwandlungen nicht gefeit. Sportlerinnen werden nach wie vor häufig auf ihre Sexualität reduziert, ihre Leistungen trivialisiert oder ihre Fähigkeiten gar gänzlich infrage gestellt. Die Geschichte des Frauensports ist ein Hürdenlauf der Diskriminierungen, gleich ob es um den bis in die Siebzigerjahre währenden Ausschluss der Frauen von Marathonläufen geht oder um den Frauenfußball (siehe Kasten). Den vordergründig zur Abschreckung "vermännlichter" Athletinnen aus dem Ostblock dienenden Geschlechtstest, der Mitte der Sechzigerjahre eingeführt wurde, empfanden viele Frauen als erniedrigend. In besonders "männlichen" Sportarten wie Ringen oder Boxen werden sie noch heute als Kuriosum belächelt.

Rollen der Forschung. Damit sollte der Sport eigentlich ein lohnender Gegenstand für die feministische Forschung sein. Dem ist aber nicht so. Die Sportwissenschaftlerin Anja Voss von der Universität Dortmund spricht von einer "Rezeptionssperre". Die Geschlechterforschung hat sich lange nicht für den Sport interessiert, die Sportwissenschaft wiederum war eine Männerdomäne und ist es weitgehend noch. In Österreich etwa hat sich erst 2002 die erste Frau in Sportwissenschaft habilitiert, eine ordentliche Professorin gibt es bis heute nicht.

Gleichwohl sind in den letzten Jahren einige Forschungsprojekte in Gang gekommen. Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule Köln hat die mediale Darstellung von Geschlecht untersucht. Die Auswertung des Sportteils von vier großen deutschen Tageszeitungen ergab, dass nur zwölf Prozent der Artikel von Sportlerinnen handelten. Der Athlet hat "Oberschenkel wie Tempelsäulen", die Athletin hingegen eine "Traumfigur". Entsprechend die Fotoauswahl: Männer werden eher in dynamischen Bewegungsabläufen abgebildet, Frauen hingegen oft in erotisch angehauchten Posen.

Die von Rulofs konfrontierten Sportjournalisten - fast ausschließlich Männer - verweisen zur Rechtfertigung auf ihre Leserschaft, wiederum fast ausschließlich Männer. Natürlich gibt es Differenzierungen: Der Boulevard setzt erheblich mehr auf Sexappeal als Qualitätszeitungen. Jüngere Sportjournalisten sind stärker sensibilisiert für Sexismus. Grundlegend ändern wird sich die Sportberichterstattung aber frühestens dann, wenn mehr Frauen über Sport schreiben und lesen, glaubt Rulofs.

In Österreich ist die Sportberichterstattung eher noch stärker von Männern dominiert, sagt Rosa Diketmüller, Sportwissenschaftlerin an der Universität Wien. Den Nationalsport Ski kommentieren ausschließlich Männer, die Skifahrerinnen werden als "unsere Skimädchen" verniedlicht. Auch auf der Funktionärsebene sind Frauen stark unterrepräsentiert. Obwohl hierzulande 41 Prozent der Mitglieder von Sportklubs weiblich sind, werden von den 53 Fachverbänden nur zwei von Frauen geleitet. Ungeliebte Ehrenämter wie Trikotwaschen sind hingegen ganz in Frauenhand.

Früh übt sich. "Geschlecht ist Effekt sozialen Handelns", sagt Anja Voss. "Es beginnt schon im Kindesalter durch das Motivationsverhalten der Eltern: Burschen sollen mutig sein, Mädchen sich sozial verhalten. Burschen wählen oft raumintensive Mannschaftssportarten, Mädchen betreiben eher Individualsportarten und wechseln sie häufiger." Dieses geschlechterspezifische Sporteln führt dazu, dass Frauen sich weniger Sportverletzungen zuziehen als die draufgängerischen Männer.

Was "doing gender" angeht, also die soziale Wirklichkeit der Geschlechtsunterschiede, sind die zugrunde liegenden Strukturen und Mechanismen in den letzten Jahren ausführlich analysiert worden. Erst am Anfang stehe die Forschung hingegen beim "undoing gender". Ziel müsse es sein, so Voss, Kindern gleich welchen Geschlechts eine möglichst große Auswahl an Rollen zu bieten. Denn es geht ja um Freiheiten für beide: Das Mädchen soll Fußball spielen können und der Bursche tanzen.

Der sozialkonstruktivistische Ansatz will biologische Unterschiede keineswegs leugnen. Es geht nicht darum, dass Frauen genau so hoch springen und so schnell sprinten wie Männer, sondern dass zwischen den Geschlechtern Chancengleichheit hergestellt wird, wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der Medien, der Zuschauer und damit der Sponsoren zu bekommen. "Es zählt eben nicht der reale Erfolg, sondern dessen massenmediales Verwertungspotenzial", findet Rosa Diketmüller. Im Hürdenlauf des Frauensports ist die Ziellinie also noch längst nicht in Sicht.

Anja Voss: Geschlecht im Sport - sozialkonstruktivistische Lesarten. Schorndorf 2003 (Hofmann). 208 S., e 20,40

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