Fit für Frust

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/04 vom 07.07.2004

Jedes Jahr überschwemmen neue Geräte, neue Sportarten und neue Dienstleistungen den Fitnessmarkt. Und Sportmedizin ist derzeit das beste Verkaufsargument. Doch vom oft beschworenen Fitnessboom kann keine Rede sein. Die Anteile der Sportelnden und der Sportverächter haben sich in Österreich seit den Achtzigerjahren nicht verändert.

Besitzen Sie schon einen Brustgurt, der beim Joggen Ihre Herzschläge zählt? Dürfen es Stöcke fürs extragesunde Nordic Walking sein? Wie wäre es mit einer Dose Nahrungsergänzung, wahlweise zum Muskelnanfressen oder zum Abnehmen? Im Sportgeschäft finden sich immer mehr Produkte, die aus der Medizin kommen oder mit medizinischen Empfehlungen werben. "Alles, wo Wellness draufsteht, verkauft sich wie verrückt", berichtet Rudolf Inführ-Mayer, Sortimentsleiter für Fitness bei der Handelskette Intersport.

Im Sporthandel finden sich mittlerweile allerhand Messgeräte, die man dort vor wenigen Jahren vergeblich gesucht hätte. Blutdruckmesser zum Beispiel. Oder Waagen, die durch einen Stromstoß mit Widerstandsmessung den Körperfettanteil ermitteln sollen. Oder Biofeedbackgeräte, die mit einem Fingersensor angeblich die Nervosität messen. Moment mal, gehört das nicht eher auf die Esoterikmesse als ins Sportgeschäft? "Golfspieler können sehr nervös sein", weiß Rudolf Inführ-Mayer.

Kaum noch nach mit dem Testen der Neuigkeiten am Fitnessmarkt kommt der Verein für Konsumenteninformation (VKI), zumal es gerade im Bereich Fitness und Gesundheit immer wieder gilt, überzogene Versprechungen der Werbung zu korrigieren. Anbieter von Wellnessgetränken müssen die behaupteten Wirkungen ihrer billig zusammengemixten, aber mit hohen Marketingbudgets beworbenen Getränke zwar nicht belegen. Schaden richten sie höchstens im Geldbeutel an.

Doch bei Geräten gibt es auch solche, die mehr Schaden als Nutzen stiften. Wollen Sie Ihre Muskeln trainieren, ohne zu schwitzen, und jederzeit? Das versprechen die schon ab sechzig Euro erhältlichen Muskelstimulatoren. Der VKI warnt: Wer sich nicht bestens in Anatomie, Trainingslehre und Reizphysiologie auskenne, habe von Muskelstimulatoren keinen Nutzen, bei falscher Anwendung drohten Verletzungen.

"In der Sportartikelbranche herrscht überwiegend noch das Prinzip Trial and Error: Man wirft etwas auf den Markt, und wenn es sich verkauft, taugt es was", klagt Anton Sabo. Er leitet den vor zwei Jahren am Wiener Technikum eingerichteten Fachhochschullehrgang Sportgerätetechnik. Dort werden Leute ausgebildet, die der Branche derzeit noch abgehen, so Sabo: "Die Ingenieure verstehen nichts von Körper und Bewegung. Die Ärzte und Trainer verstehen nichts von Technik."

Dafür haben sie eine Marktlücke erkannt, nämlich die sportmedizinische Beratung für betuchte Fitnessjünger. So genannte Personal Trainer und Sportärzte betreuen individuell. Zunehmend rüsten auch Hausärzte ihre Praxen auf, um sportmedizinische Untersuchungen anbieten zu können. In Kürze bringt ein deutscher Anbieter von Fitnessgeräten eine Chipkarte auf den Markt, auf der der Arzt einen individuellen Trainingsplan programmieren kann. Anschließend soll die Karte am Übungsgerät erfassen, wie viel und bei welchem Puls trainiert wird. Was auf den ersten Blick wie ein Markthindernis erscheint, nämlich die Einbindung des Arztes, hat sich bei Anbietern von Diäten bereits bewährt.

Die Medikalisierung des Sports, die auch in der Medienberichterstattung ihren Niederschlag findet, sieht Peter Zellmann mit der Nüchternheit des empirischen Sozialforschers: "Da wird wieder mal ein Boom herbeigeschrieben. Jedes Jahr im Frühsommer jubeln die Sportanbieter. Doch den Fitnessboom gibt es nicht." Die Sportdachverbände schieben zwar immer wieder ihre drei Millionen Mitglieder vor, zieht man die Mehrfachmitgliedschaften ab, bleiben nicht einmal halb so viele organisierte Sportler. Und von denen seien nur 800.000 auch im Verein aktiv, während gut eine Million Österreicher regelmäßig auf eigene Faust sporteln, wie Zellmann schätzt. Der Anteil der regelmäßig Sport treibenden Österreicher bewegt sich laut Umfragen des von ihm geleiteten Ludwig-Boltzmann-Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung seit bald zwanzig Jahren stabil bei etwa 22 Prozent. Und der Anteil derer, die nie Sport treiben, betrug damals wie heute fast 35 Prozent.

Was sich jedoch geändert habe, sei die Zufriedenheit. Trotz des eigentlich stetig wachsenden Sport- und Fitnessangebots äußern sich immer mehr Österreicher unzufrieden damit, weiß Zellmann aus einer Umfrage, die er derzeit auswertet. "Da wirst du schlanker, da schaust du schöner aus, heißt es. Die Leute denken, wenn das etwas für alle ist, ist es auch Zeit für mich. Da werden zu hohe Erwartungen geweckt, umso mehr Enttäuschte steigen später aus."

Diese Konjunktur von Jubel und Frustration ist laut Zellmann typisch für den gesamten Sport- und Fitnesssektor. Die Anbieter haben längst Routine, ihre Zahlen zu übertreiben. Jedes Jahr im Frühsommer werde gejubelt, und wenn dann, wie in den vergangenen Jahren, das Weihnachtsgeschäft einbricht, folgen die Klagen, sagt Zellmann: "Wenn sich ein neuer Markt öffnet wie Nordic Walking, schließt sich irgendwo eine Tür. Nur wird das meist verschwiegen."

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