Liebe Leserin, lieber Leser!

aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Wir geben es zu: Das Cover dieser "heureka"-Ausgabe ist gestellt. Aber so funktionieren nun einmal die Medien. Plakativ soll es sein. Und Kontroversen zwischen Forschern sind allemal ein gefundenes Fressen für die journalistische Zunft. Ein Mordversuch an einem Berliner Mediziner mittels vergifteten Mineralwassers schaffte es vor einigen Monaten gar in die Hauptnachrichten.

Dass Wissenschaftler die Hand gegeneinander erheben, ist freilich eine seltene Ausnahme. Angeblich soll der Philosoph Ludwig Wittgenstein seinen Kollegen Karl Popper bei ihrem einzigen Zusammentreffen mit einem Schürhaken bedroht haben. Zugeschlagen hat er allerdings nicht. Auch bei Diskussionen sind scharfe Worte eher selten. Man teilt sich im Normalfall durch die Blume der Wissenschaftsdiplomatie mit, dass man wenig bis nichts von der Arbeit des Kollegen hält. "heureka" hat den aus England stammenden Virologen Tim Skern gebeten, die wichtigsten Floskeln zu übersetzen. Sanft kommen sie daher, doch meist steckt beinharte Kritk dahinter.

Aber was wissen Sie schon von der Diskussionspraxis unter Forschern? Können Sie bei diesem Thema überhaupt mitreden? Vielleicht haben Sie gerade gemerkt: Wer ernsthaft streiten will, sollte Sätze wie diese tunlichst vermeiden. "Killerphrasen" nennt sie Antonia Cicero, die als Kommunikationstrainerin auch Wissenschaftlern das richtige Streiten beibringt. Kontroversen gehörten schon immer zum Alltag der Forschung, betont der Wissenschaftshistoriker Simon Schaffer aus Cambridge im Interview mit "heureka". Wir sollten von der Wissenschaft keine unumstößlichen Wahrheiten erwarten. Uneinigkeit und Unsicherheit gehören zu einem realistischen Bild von Wissenschaft. Der Chemienobelpreisträger Kary Mullis hat sogar einmal gemeint: "Wenn 99 Prozent aller Wissenschaftler einer Meinung sind, ist diese mit großer Wahrscheinlichkeit falsch."

Geschätzte 99 Prozent der österreichischen Wissenschaftler finden, dass hierzulande zu wenig gestritten wird. Forschen und forschen lassen, heißt die Devise. Dies trifft freilich vor allem auf die Geistes- und Sozialwissenschaften zu: Germanisten und Soziologen schaffen sich ihre eigenen Nischen. In den Naturwissenschaften ist die Konkurrenz größer, entsprechend schärfer fallen auch die Diskussionen aus.

Doch wenn die Öffentlichkeit ins Spiel kommt, haben es gerade Naturwissenschaftler hierzulande schwer. Die Debatte um die grüne Gentechnik entschied eine parteien- und medienübergreifende Allianz von Gegnern für sich. Mit Fantasieszenarien wurden und werden Ängste geschürt, unabhängige Experten mussten und müssen sich als Handlanger der Industrie diffamieren lassen. Während die grüne Biotechnologie außerhalb Europas prosperiert und jenseits der österreichischen Grenzen wieder ein Thema ist, bleibt sie hierzulande das Böse schlechthin, und der Stand der Wissenschaft interessiert schon lange nicht mehr.

Das galt übrigens auch für die Dinosaurierforschung. Die Theorie, dass die großen Tiere vor ungefähr 65 Millionen Jahren binnen kurzer Zeit schlagartig verendeten, nachdem ein Meteoriteneinschlag eine Eiszeit auf der Erde ausgelöst hatte, wandert zwar seit 1979 durch alle Gazetten, war in Fachkreisen jedoch stets umstritten.

Oliver Hochadel, Klaus Taschwer und Stefan Löffler

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