Von Natur aus kontrovers

Robert Triendl | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Die Wissenschaften und ihre Geschichte sind zweifellos voll von großen und kleinen Auseinandersetzungen. Umstritten ist allerdings, wie sie zu interpretieren sind. Haben sie eindeutige Sieger, die sich mit der "wahren" Erkenntnis durchsetzen? Oder sehen die alltäglichen Konflikte in der Forschung nicht doch ganz anders aus?

Sieger und Verlierer. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Das gilt auch in der Wissenschaft. Für all jene, die Forschung popularisieren wollen, sind Kontroversen zwischen zwei Forschern oder Forscherteams ein gefundenes Fressen. Mithilfe solcher Auseinandersetzungen lassen sich auch schwierige oder langweilige Themen einfach dramatisieren, an Personen festmachen und als Spiel mit Gewinnern und Verlierern inszenieren. Entsprechend zahlreich sind die heroischen Erzählungen über historische Streitfälle, in denen um neue Weltsichten gerungen wurde - von Galileo über Freud bis Einstein.

Vor allem aber bedienen sich die Wissenschaftler selbst dieser literarischen Strategie, wie man nicht nur in unzähligen Nobelpreisreden nachlesen kann. Der Plot solcher Geschichten steht von vorneherein fest: Durch die Auseinandersetzungen wurde der Wahrheit zum Durchbruch verholfen. Tatsächlich aber hat es kaum eine wissenschaftliche Kontroverse gegeben, in der sich eine Sichtweise eindeutig als "wahr" herausgestellt hat, während die andere als falsch abgetan werden konnte. Die Forschungsdebatte, in der die Wahrheit über die Ignoranz siegt, ist viel eher selbst eine Fiktion.

Richtiger ist wohl, dass sich die Positionen und Grenzziehungen im Laufe einer Kontroverse oft bis zur Unkenntlichkeit verändern. Selbst die Objekte einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung - egal ob nun das HI-Virus, das Ozonloch oder der Asteroid, der womöglich die Dinosaurier auslöschte (vgl. S. 22) - bleiben selten konstant, sondern sind einem Wandlungsprozess unterworfen. Und auch der Sieg in einer Kontroverse ist immer nur ein vorübergehender.

Alltägliche Auseinandersetzungen. Wie die Geschichte der Wissenschaften, so ist auch die Gegenwart der Forschung voll von Kontroversen - wenn auch nicht jenen großen heroisierten Auseinandersetzungen der Vergangenheit. Welcher Forscher denkt in seinem Labor schon über die großen Fragen nach, also zum Beispiel über "Wahrheit"? Oder auch nur darüber, ob genetisch veränderte Organismen für den Menschen schädlich sind?

Kontroversen gehören schon deswegen zum Alltag, weil es in Forschungskarrieren darum geht, sich abzugrenzen von anderen und etwas zu produzieren, das noch nicht da gewesen ist. Im Laboralltag aber sind konkrete Details gefragt: wie Messwerte zu interpretieren sind, welches Experiment als nächstes angegangen werden soll, welche Reagenzien zum Erfolg führen oder wie ein neues Instrument zu kalibrieren ist.

Fehlende Infragestellung. Bei einem Gutteil der publizierten Forschung sind die Daten entweder ungenügend oder lassen mehr als eine Interpretation zu. Doch längst nicht alles wird hinterfragt. Zwar gilt "organisierte Skepsis" (Robert K. Merton) als eine der Grundnormen der Wissenschaft, und die traditionelle Wissenschaftstheorie geht davon aus, dass erst aus dem Infragestellen eine robuste wissenschaftliche Aussage entsteht, die "standhält". Die Norm ist heute eher, dass Publikationen - auch solche in angesehenen Fachzeitschriften - ohne viel Hinterfragen hingenommen werden.

Ein Gutteil der wissenschaftlichen Literatur wird ohnedies kaum gelesen. Und nur ein verschwindend geringer Teil der beschriebenen Experimente wird jemals wiederholt. Schließlich ist die kritische Prüfung keineswegs eine triviale Angelegenheit. Denn wer zweifelt, muss das auch belegen können, und dazu muss man mehr wissen als das, was andere publiziert haben. Man sollte in der Lage sein, zumindest ebenso viel an Instrumenten, Reagenzien oder technischem Personal aufzubieten wie der Gegenspieler. Dann aber kann Forschung zur Materialschlacht werden und zum Kampf zwischen den Labors.

Pragmatische Politikberatung. Wenn Wissenschaftler als Experten in die Politik eingebunden werden, sieht die Sache wieder anders aus. Dort gelten andere Kriterien für die Robustheit einer Aussage als innerhalb der Wissenschaft. Aussagen über Risiken, die in der wissenschaftlichen Literatur unter Kollegen kaum hinterfragt wurden, bekommen in einem politischen Kontext hohe Relevanz.

Die politische Funktion von wissenschaftlichen Experten ist es daher auch nicht, den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Politisch umstrittene Fragestellungen werden nur selten mit wissenschaftlichen Mitteln gelöst. Allerdings können Expertenkomitees maßgeblich dazu beitragen, ein Problem neu zu definieren und so einer Lösung zugänglich zu machen.

Bei der Einbindung wissenschaftlicher Experten gibt es erhebliche Unterschiede. Werden Diskussionen von Expertengremien in den USA von Interessenvertretern und Journalisten kritisch verfolgt, so findet Politikberatung durch Wissenschaftler in Großbritannien, Japan oder Österreich meist vor einem kleinen, ausgewählten Publikum oder gleich hinter verschlossenen Türen statt.

Öffentlich ausgetragene Kontroversen sind aus wissenschaftlicher Sicht ohnehin nicht immer wünschenswert oder positiv. Vielmehr zeigt sich, dass nur wenige wissenschaftliche Aussagen einem polarisierten Meinungsklima standhalten. Das liegt auch an einem mitunter weit überhöhten Anspruch an die Wissenschaften. In der politischen Arena ist ein pragmatisches Verhältnis zur Wahrheit angesagt.

Konturen einer Kontroverse. Wann immer Wissenschaft auf ein Publikum trifft, das zumindest nicht primär aus Fachexperten besteht, wird von den kleinen Auseinandersetzungen des wissenschaftlichen Alltags Abstand genommen und stattdessen der Mythos von der heroischen Wissenschaft strapaziert. Anhand von Kontroversen lässt sich vieles über Wissenschaft vermitteln, auch wenn sie nicht als Geschichten von Siegern und Verlierern berichtet werden. Historiker, Philosophen oder Soziologen, ja auch Journalisten, denen an ihrem Thema wirklich etwas gelegen ist, können mittels Kontroversen den wissenschaftlichen Diskurs öffnen und die praktische Realität der Forschung mit all ihren alltäglichen Komplikationen sichtbar machen.

Nichts ist einfacher, als den Konturen einer Kontroverse zu folgen. Wissenschaftsjournalisten wissen das instinktiv: Wer sich auf ein wichtiges Interview vorbereitet und dabei seinem Gesprächspartner nicht hilflos ausgeliefert sein möchte, tut gut daran, vorab ein paar kritische Meinungen einzuholen. Meist genügen ein paar pointierte Fragen, und es wird spannend. Allerdings beschränkt sich dieses Herangehen in den meisten Fällen auf die Recherche. Berichtet wird hinterher konventionell, wie sich die Wahrheit durchgesetzt hat. Chefredakteure erwarten nämlich einfache Geschichten, die den Mythos der Wahrheitsmaschine Wissenschaft nicht infrage stellen.

Auch für die didaktische Vermittlung bieten Kontroversen neue Ansatzpunkte. Gelehrt wird Wissenschaft nach wie vor zumeist, als handle es sich um unbestrittene Einsichten. Dabei sind Lehrbücher kaum mehr als subjektive Zusammenstellungen, die kurz nach ihrem Erscheinen bereits veraltet sind. Kontroversen, richtig aufbereitet, bieten einen subtileren und vor allem lehrreicheren Zugang zu den Wissenschaften und deren Geschichte. Kein Gesetz der Physik, so hat Einstein einmal angemerkt, ist unangreifbar.

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