"Kontroversen wiederbeleben"

aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Mit gerade einmal dreißig eine bahnbrechende Studie zu publizieren, kommt nicht häufig vor, zumal in den Geisteswissenschaften. Simon Schaffer, mittlerweile Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität von Cambridge, veröffentlichte 1985 gemeinsam mit Steven Shapin "Leviathan and the Air Pump: Hobbes, Boyle and the Experimental Life". Ihre Analyse des Streites zwischen dem Philosophen und dem Naturwissenschaftler im England des 17. Jahrhunderts hat exemplarisch gezeigt, wie wissenschaftliches Wissen produziert, genauer: wie Glaubwürdigkeit hergestellt wird. Im Interview mit "heureka" erklärt Simon Schaffer, warum die Entscheidung von Kontroversen, also die "Wahrheit", nicht so einfach in der Natur gefunden werden kann. Und warum wir das ganz entspannt akzeptieren sollten.

heureka: Wie gehen Wissenschaftshistoriker an eine Kontroverse heran?

Simon Schaffer: Es geht nicht darum, "wie es eigentlich gewesen" ist. Die Vorstellungskraft des Historikers muss beständig auf der Suche nach anderen möglichen Verläufen vergangener Ereignisse sein und die Kontingenzen aufzeigen. Wenn eine Kontroverse beendet wird, dann verschwindet sie. Die Kontroverse ist dann am interessantesten, wenn sie noch nicht entschieden ist. Deshalb müssen wir Newton für weniger glaubwürdig halten, als wir das heute gewöhnlich tun. Wir müssen seine damaligen Gegner wieder ernst nehmen und dürfen sie nicht abtun, bloß weil sie Jesuiten waren. So lässt sich die Kontroverse wiederbeleben.

Aber was lernt man aus naturwissenschaftlichen Kontroversen, die längst beigelegt sind?

Von der Natur erwartet man, dass sie eindeutig ist, während die Kultur als die Domäne des Streits angesehen wird. Nach dieser Logik sollte die Naturwissenschaft von Konsens geprägt sein. Für die Allgemeinheit sind Kontroversen in der Naturwissenschaft daher verstörend, erscheinen fast als Katastrophe. Für Wissenschaftshistoriker sind Kontroversen hingegen ein faszinierendes Fenster, durch das man erkennen kann, wie Übereinkunft erzielt wird. Dadurch wird die Annahme umgedreht, dass die Wahrheit schon in der Natur vorliegt und nur gefunden werden muss.

Welche Folgen hat dieses idealisierte Bild der Naturwissenschaft?

Ich glaube, dass gerade diese positivistische Ideologie, die absolute Übereinstimmung und Gewissheit fordert, für Phänomene wie den Kreationismus in den USA verantwortlich ist. Aufgrund dieser übertriebenen Ansprüche an die Naturwissenschaft ist die Evolutionstheorie für die Kreationisten leichter anzugreifen. Das gilt im selben Maße für Aids oder den Treibhauseffekt. Es werden unumstößliche Wahrheiten gefordert, wodurch die kleinste Meinungsverschiedenheit die ganze Forschung diskreditieren kann. Nicht bewiesen! Nur eine Theorie! Diese positivistische Ideologie schafft Raum für einen nicht hintergehbaren Skeptizismus. Gäbe es eine Sicht der Naturwissenschaft, die entspannter wäre und die verstünde, dass Kontroversen normal, ja geradezu endemisch in der Naturwissenschaft sind, wären diese antiwissenschaftlichen Argumente nicht so mächtig.

Wie sehen denn die Naturwissenschaftler selbst die Kontroversen?

Widersprüchlich. Zum einen sind sie stärker bereit, Meinungsverschiedenheiten zu tolerieren, zum anderen gelten Kontroversen immer noch als pathologisch. Manchmal finden wir beide Positionen in den Auffassungen ein und desselben Wissenschaftlers. Einerseits: Wissenschaft als ein Glaube an absolute Gewissheit. Andererseits: die Einsicht, dass Wissen revidierbar und endemisch instabil ist.

Wächst oder schrumpft das Vertrauen der Menschen in die Naturwissenschaft?

Im Jahr 2000 hat der CEO von Monsanto eine bemerkenswerte Rede gehalten. Der Konzern stand wegen der ungeklärten Risiken gentechnisch veränderter Organismen im Brennpunkt der Kritik. Der CEO hat zugegeben: Wir haben uns geirrt, wir haben die Öffentlichkeit unterschätzt. Wir dachten, dies sei eine Vertrau-mir-Welt, aber tatsächlich ist es eine Beweis-mir-Welt. Es gibt keine Ehrerbietung gegenüber Experten mehr, aber - und das war dem Monsanto-CEO entgangen - die hat es zu keiner Zeit gegeben. Wann soll denn das gewesen sein? Eine kontroversenfreie Welt ist eine Fiktion, ein imaginiertes goldenes Zeitalter.

Aber genauso wenig stimmt es, dass Experten nun überhaupt nicht mehr vertraut wird. Im Gegenteil, wir erleben ja eine regelrechte Inflation von Experten. Partys, Einkaufen, Reisen und Heiraten. Es gibt heutzutage Experten für alles. Das Problem ist also nicht Misstrauen, sondern die Frage, welchem Experten wir vertrauen sollen.

Sagt der Chefredakteur zum Wissenschaftsjournalisten: Mit Ungewissheit verwirren wir nur unsere Leser. Was tun?

Die Wahrheit ist besser als eine noble Lüge. Aber was noch viel wichtiger ist: Wie sieht es denn mit anderen Formen öffentlichen Wissens aus? Da gibt es doch auch Unsicherheit, Streit und gegensätzliche Ansichten, und wir verlieren deshalb nicht den Glauben daran.

Interview: Oliver Hochadel

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