"Offizielle Lieblichkeit"

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Nicht lauthals streiten, sondern es sich richten, lautet das österreichische Erfolgsrezept. Das hat sich auch in der Wissenschaft bewährt - sehr zum Missfallen vieler Wissenschaftler, die glauben, dass die Forschung von der Kontroverse und der Konkurrenz lebt. Hierzulande lässt man sich gegenseitig in Ruhe, solange es genügend Nischen gibt.

Keine Konfrontation. Nein, es ist kein Klischee. Oder eben - auch das soll es geben - ein wahres Klischee: In der österreichischen Wissenschaft gibt es keine Streitkultur. Gleich wen man fragt, ob Professor oder Assistent, Mediziner oder Soziologe, Grazer oder Wiener: Dass es kaum, jedenfalls viel zu wenige Kontroversen gibt, darüber herrscht hierzulande Konsens.

Der Wiener Kultur- und Sozialanthropologe Andre Gingrich kann dieser "Kultur der offiziellen Lieblichkeit" nichts abgewinnen: "Man sucht nicht mehr nach der Konfrontation." "Die kleinste Meinungsverschiedenheit wird bereits als Unanständigkeit betrachtet", stößt sich der Grazer Soziologe Christian Fleck an der Harmoniesucht seiner Kollegen.

"Es gibt wenig Diskussionen - stattdessen läuft viel hintenrum. Wichtig sind die Seilschaften", beschreibt der Innsbrucker Politikwissenschaftler Anton Pelinka die Kehrseite dieser Reibungsarmut. Letztes Beispiel sei die Bestellung des Rektors der Medizinuniversität Innsbruck, so Andreas Villunger vom dortigen Institut für Pathophysiologie: "Am Ende ist es doch wieder ein konsensfreudiger Kandidat geworden, der schon lange Jahre an der Universität ist und entsprechende Bring- und Bittschulden hat, und nicht der kontroversielle Kandidat von außen."

Fehlende Schärfe. Österreich sei eben ein kleines Land, hört man immer wieder. Es fehle daher in vielen Fächern an der kritischen Masse, vor allem aber auch den Foren, um Debatten auszutragen, wie etwa der Wiener Zeithistoriker Siegfried Mattl für seine Disziplin konstatiert. Auf den Tagungen der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie trinke man Bier und tratsche, stichelt Fleck. Gingrich bedauert, dass fast nur noch wohlwollende Rezensionen geschrieben werden: "Ein ganzes Textgenre verkümmert, weil nicht hart kritisiert wird."

"In der deutschen Politikwissenschaft sind die Worte schärfer", vergleicht Pelinka, nicht ohne hinzufügen: "Aber nicht unbedingt die Argumente." Der Soziologe Fleck, der die eigene Streitlust als reines Hobby bezeichnet, sieht zu wenig Anreize: "Vom Streiten hat man nichts. Wissenschaftliche Belohnungen werden nicht innerwissenschaftlich vergeben." Es gehe nicht um Inhalte, meint auch Gingrich: "In Österreich dienen akademische Diskurse in erster Linie dem Machterhalt."

Strukturproblem. "Die wissenschaftliche Streitkultur wird hier nicht zuletzt deshalb so wenig gepflegt, weil das universitäre System extrem hierarchisch strukturiert ist", sagt der Innsbrucker Molekularbiologe Lukas Huber, der lange an außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Heidelberg und dem Wiener IMP tätig war.

Auch Anton Pelinka beklagt die strikte Trennung zwischen Professoren und Mittelbau. "Da entstehen unterschwellig Aggressionen, die man als Professor zu spüren bekommt. Wir sollten eine Kurie gleichberechtigter Lehrender schaffen." Christian Fleck berichtet von einem Kollegen, der erst mit dem Streiten anfangen wolle, wenn er mal pragmatisiert sei. Das Problem sei nur: Das Widersprechen verlerne man. Oder lerne es nie. Für Fleck können die meisten Studenten weder Kritik formulieren noch sie ertragen.

Auch Lukas Huber sieht ein Nachwuchsproblem: "Es dauert sehr lange, bis man den Studierenden beibringt, dass sie angreifen sollen." Er komme bewusst mit Jeans und T-Shirt an die Universität: "Ich will einen anderen Typ von Professor repräsentieren und vermitteln: Mit dem kann man streiten."

Der Zeithistoriker Mattl kann der österreichischen Betulichkeit auch etwas Positives abgewinnen: "Man muss nicht ständig angreifen oder verteidigen und wird dadurch flexibler. Der Professionalisierungsdruck in Deutschland ist höher, damit wollte ich nicht tauschen. Das ist zwar schlechter fürs Fach, aber besser für den einzelnen Forscher, weil man keine Offenbarungseide leisten muss."

Nischenforscher. Dies gilt freilich nicht für alle Disziplinen. Ein wesentlicher Grund für die Streitarmut in den Geistes- und Sozialwissenschaften liegt in der Vielfalt von Schulen, Methoden und Themen, die sich hervorragend zur Nischenbildung eignen. Man kann problemlos aneinander vorbeiforschen. Die Soziologie besteht laut Fleck aus Minifürstentümern, "Generalimporteure für Luhmann oder Elias", die sich gegenseitig beäugen, aber in Frieden lassen. Ganz ähnlich sieht es in der Literaturwissenschaft aus: "Warum soll ich mich mit den Barockkollegen streiten?", fragt der Wiener Germanist Wendelin Schmidt-Dengler (s. S. 8).

Die Naturwissenschaften sind anders strukturiert. "Sie können sich auch hier in Nischen zurückziehen, aber dann werden Sie nicht zitiert", sagt die Wiener Molekularbiologin Renée Schroeder. Im biomedizinischen Bereich wird sehr häufig an denselben Fragen in scharfer Konkurrenz zueinander geforscht. "Die wichtigen Experimente werden wiederholt. Und wenn sie nicht reproduzierbar sind, hagelt es Kritik."

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