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Daniel Kehlmann | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Kontroversen zwischen Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern gibt es nicht. Literaturwissenschaftler nehmen Schriftsteller nicht ernst. Überzeugend können sie mit französischen Theoretikern erklären, dass die Autorinterpretation keine privilegierte Interpretation ist, mit anderen Worten, dass Schriftsteller dem Theoretischen abgeneigte Gestalten sind, die von ihren eigenen Texten am wenigsten verstehen. Schriftsteller dagegen halten Literaturwissenschaftler für schüchterne Menschen mit wenig Humor, die in stillen Seminarzimmern ein weltfernes Leben führen. Man arbeitet also, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen.

Mit einer Ausnahme. Hin und wieder nämlich verfassen Literaturwissenschaftler Rezensionen für Zeitungen. Hier ist nun das Wohl und Wehe eines Schriftstellers unmittelbar betroffen, häufig auch sein Bankkonto. Und da jene Kritiken manchmal wirklich von atemberaubender Ahnungslosigkeit und nicht selten böswilliger Natur sind, möchte er dann und wann gerne öffentlich widersprechen. Allein, er kann nicht. Autoren, so ein ehernes Gesetz, antworten nicht auf Kritiken. Haben die Rezensenten, kraft ihrer Macht, diese Regel zum eigenen Schutz durchgesetzt? Man könnte es meinen. Aber natürlich ist es nicht so.

Im Bereich der Geschmacksurteile ist die Wahrheit kaum durch Debatten zu klären. Während die Naturwissenschaft auf Diskussionen angewiesen ist, endet der Streit über einzelne Kunstwerke, wir wissen es seit Kant, notgedrungen beim individuellen Urteil jedes Einzelnen, das Allgemeingültigkeit zwar beanspruchen muss, aber nie argumentativ durchsetzen kann. Letztlich lautet die Verteidigung des Autors immer, wie gut er es auch bemäntelt: "Du hast nicht Recht, ich habe es gut gemacht!"

Das ist eine Rolle, in die man sich, auch und gerade dann, wenn man im Recht wäre, nicht gut begeben kann. Es liegt in der Natur der Dinge, dass der Künstler, ob er will oder nicht, schweigen und die Kontroverse anderen überlassen muss. Das Kunstwerk kann von jedem verteidigt werden. Nur nicht von dem, der es geschaffen hat.

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