Empörung über den Konsens

aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Molekularbiologen tun es täglich, Germanisten wenig und Mathematiker gar nicht. Die Ökonomen haben es verlernt, die Technikforscher tun es mit anderen Fächern, bei Wärmetechnikern geht es ums Geld, und Zeitgeschichtler werden von außen damit behelligt. "heureka" hat sieben österreichische Wissenschaftler gefragt, wie es um das Streiten in ihrer Disziplin bestellt ist.

Protokolle: Oliver Hochadel

Germanistik. "Es gibt viele Wohnungen in unserem Haus, neue und alte Methoden. Man ignoriert sich, es gibt ja auch kein Forum für Kontroversen. Wir lesen bestimmte Dinge nicht, weil sie uns nicht weiterbringen. Dieses Anything goes' verhindert auch Konflikte. Trotzdem huldige ich einem Methodenpluralismus, in einem Massenfach wie der Germanistik geht das nicht anders.

Nehmen wir an, ein Habilitand entwickelt sich nicht so, wie ich mir das vorstelle. Was soll ich tun? Ich kritisiere dann, lasse ihn aber gewähren. Sonst gerät man auch schnell in den Verdacht, man möchte anderen schaden. Gelegentlich suche ich aber schon den Streit. Wenn jemand versucht, einen Text von Ernst Jandl rein biografisch aufzulösen, ist das für mich eine Hermeneutik des Graswachsens'.

Und - das musste sein - ich habe den Schriftsteller Raoul Schrott heftig angegriffen. Seine Übersetzungen aus der Antike waren zum Teil schrecklich, sein Poesieverständnis jenseitig. Ich empöre mich über den Konsens der Literaturkritik, wonach sein letztes Werk gelungen wäre. Ich habe auch André Heller attackiert, aber der Betrieb ist so stark, dass er Polemiken schluckt.

International steht es mit der Streitkultur auch nicht besser. Zu einem Symposium lädt man allenfalls einen Agent provocateur ein, bleibt aber letztlich unter sich."

Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor für Germanistik an der Universität Wien.

Technikforschung. "Wir sind ein sehr kleines Fach und fast an allen Universitäten ein gallisches Dorf. Das schweißt zusammen, untereinander streiten wir kaum. Die Reibereien gibt es mit den anderen Fächern. Wenn man den technischen Fortschritt infrage stellt, gilt man als Nestbeschmutzer. Als unser Institutsvorstand pensioniert wurde, war es Konsens an der TU Wien, dass das Institut abgeschafft würde.

Ich bin in viele Studienkommissionen gegangen, um unsere Inhalte in die Studienpläne zu integrieren, und war bis auf zwei Ausnahmen erfolglos. Meinungsverschiedenheiten werden nie direkt angesprochen oder inhaltlich ausgetragen, sondern über Ressourcenverteilung gelöst. Wir haben nur 200 Stunden im Studienplan, und der ist schon voll. Und Ingenieure müssen in ihrem Kernfach hundertprozentig ausgebildet werden, heißt es immer.

Gleichzeitig finden es viele Ingenieure gut, dass ihre Frauen daheim sind. Dann komme ich daher und fordere Gender-Studies ein - da treffen schon sehr unterschiedliche Welten aufeinander."

Brigitte Ratzer war Assistentin am nunmehr aufgelösten Institut für Technik in der Gesellschaft an der TU Wien.

Volkswirtschaft. "Mein Fach neigt eigentlich zum Streit, es hat nicht umsonst im 18. und 19. Jahrhundert als politische Ökonomie' begonnen. Heute wird aber erheblich weniger gestritten als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten, weil, anders als früher, weniger inhaltliche Gegenpositionen bestehen.

Das hängt auch mit Berufungen an Unis zusammen, wo die neoklassische Schule dominiert, Keynesianer bleiben außen vor. Auch der Trend zur Mathematisierung hat zum Abflauen der Streitkultur beigetragen. Leider haben sich viele akademische Wirtschaftswissenschaftler aus den wirtschaftspolitischen Debatten zurückgezogen. Für die Politikberatung oder die Erklärung wirtschaftlicher Trends stehen sie kaum noch zur Verfügung, weil sie sich aufs Publizieren konzentrieren müssen. Dabei sind der Bedarf an Transfer von der Wirtschaftswissenschaft in die Politik und der Bedarf an öffentlicher Debatte weiterhin riesig in Österreich. Zumindest die außeruniversitären Institute, also etwa das IHS oder das WIFO, bemühen sich hier. Dabei prallen freilich immer wieder die gleichen Leute aufeinander."

Markus Marterbauer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) in Wien.

Mathematik. "In unserer Disziplin gibt es wenig Streit, und wenn, weiß man schnell, wer Recht hat. Um eine Aussage zu überprüfen, müssen wir uns nicht erst fragen, ob es sich lohnt, teure Experimente durchzuführen. Zettel und Stift genügen zur Beurteilung, wobei diese je nach Fachgebiet oft nur zwischen zehn und 500 Mathematiker auf der ganzen Welt durchführen können.

Neben der Frage nach der Richtigkeit stellt sich auch immer die nach der Relevanz. Letzteres regelt sich über die Qualität der Zeitschriften, in denen publiziert wird, das heißt, je angesehener die Zeitschrift, desto relevanter sollte der Artikel sein. Auf einer Konferenz die Relevanz eines Vortragsthemas anzuzweifeln, fällt fast schon unter schlechtes Benehmen.

Auf der institutionellen Ebene geht es in der Mathematik natürlich ähnlich zu wie in anderen Fächern. Da gibt es Lobbys, die dieses oder jenes pushen. Bei uns läuft es aber vergleichsweise gemäßigt ab, weil es um viel weniger Geld geht."

Michael Kunzinger ist a.o. Professor am Institut für Mathematik an der Universität Wien und START-Preisträger.

Molekularbiologie. "Meine erste Streiterfahrung war es, als junger Medizinstudent bei einer Posterpräsentation von einem Professor brutalst niedergemacht zu werden. Warum? Weil der mit meinem eigenen Professor verfeindet war. Wir streiten täglich um die Sache, es gibt aber auch den verhetzenden, krankhaft kompetitiven Streit. Diese Linie zwischen gutem und schlechten Streit ist freilich nicht immer trennscharf zu ziehen.

Wenn ein großes Labor am selben Thema forscht wie man selbst, und das passiert relativ oft, nimmt einen das ziemlich mit. Vor knapp einem Jahr befanden wir uns in einem Wettlauf mit einer kanadischen Gruppe. Es ging um den Signalweg in der Krebsentstehung. Wir haben noch in den Weihnachtsferien PCR angesetzt, Mutationen kloniert und mit den Zellexperimenten begonnen. Die Kanadier haben zwar dann zwei oder drei Wochen vor uns veröffentlicht, das aber online getan. Wir haben dann in einem besseren Journal eine umfassendere Untersuchung publiziert. Die hat einen größeren footprint' hinterlassen."

Lukas Huber ist Professor für Histologie und Molekulare Zellbiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Wärmetechnik. "In der angewandten Forschung brauche ich Drittmittel, um Geräte anzuschaffen und Doktoranden zu beschäftigen. Auch auf kleinen Märkten, also etwa in der Biomassebranche oder im Solarenergiebereich, gibt es eine Auseinandersetzung um die Mittel.

Geschäft geht hier manchmal vor langjähriger Freundschaft. In EU-Projekten will jeder der Hauptplayer sein, da normalerweise in einem kleinen Land wie Österreich nur ein wissenschaftlicher Partner pro Projekt zum Zuge kommt.

Bessere Argumente setzen sich nicht von alleine durch, sondern müssen auch vermarktet werden. In einen EU-Antrag müssen Sie bestimmte Schlüsselworte hineinschreiben, zum Beispiel Nanobrennstoffzelle - auch wenn es das gar nicht gibt. Die entscheidenden Vorgaben werden schon durch die Ausschreibungen gemacht, und das passiert auf der politischen und der Lobbyistenebene.

In den nationalen Forschungsprogrammen wird sinnvollerweise eine Kooperation auch unterhalb der Forschungsinstitutionen gefordert. Freunderlwirtschaft heißt heute Networking. Einerseits braucht man ein Netzwerk, andererseits darf man nicht zu viel verraten: Ideen am Biertisch auszutauschen ist nicht mit allen möglich."

Wolfgang Streicher ist a.o. Professor am Institut für Wärmetechnik an der TU Graz.

Zeitgeschichte. "In der deutschen Zeitgeschichte gibt es richtige Debatten. Wer sollte diese in Österreich führen? Den Typus des öffentlichen Intellektuellen haben wir kaum; diese Position ist von einigen schnellen Kommentatoren besetzt, die die Interpretationshoheit haben. Es gibt weder eine Kontinuität in Streitfragen noch eine Streitkultur bei Diskussionen. In der Zeitgeschichte läuft es eher über informelle Ein- und Ausschlüsse, den Zugang zu Medien und Verlagen sowie über Netzwerkbildung.

Die "Dollfuß-Kontroverse" ist für das Fach längst abgeschlossen. Bereits in den Siebzigerjahren wurden dafür die Begriffe Diktatur und Austrofaschismus gefunden. Im Zyklus der Jahrestage wird dieser Konsens aber von außen regelmäßig infrage gestellt. Dollfuß wird in den Medien oft als Märtyrer und Verteidiger des Vaterlandes apostrophiert. All dies geschieht unter dem Code des Neuen, nicht der Revision, als ob es um neue Fakten ginge. Das sickert dann in den öffentlichen Diskurs ein. Die Fachwissenschaft kann dem kaum etwas entgegensetzen, da es kaum Foren für die Auseinandersetzungen gibt."

Siegfried Mattl ist a.o. Professor am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

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