That's a good question!

Tim Skern | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Bei Diskussionen auf naturwissenschaftlichen Konferenzen - die so gut wie ausschließlich in englischer Sprache stattfinden - sagt kaum jemand unverblümt, was er denkt. Aber geübte Debattenteilnehmer wissen, was mit den oft geschraubt klingenden Floskeln gemeint ist. Eine kleine Phraseologie der wissenschaftlichen Diskussionsdiplomatie.

"Thank you for your attention." Ein wissenschaftlicher Vortrag endet mit dem Dank an die Zuhörer, die dann nach eigenem Ermessen etwas mehr oder weniger Applaus spenden. Der Vorsitzende erhebt sich und eröffnet die Diskussion. Die Wortmeldungen reichen von technischen Einzelheiten und Vorschlägen für neue experimentelle Ansätze bis hin zu Widersprüchen mit bereits veröffentlichten Daten und Erkenntnissen und möglichen, alternativen Interpretationen. Dieses uralte Ritual mit seinen eigenen Regeln, Konventionen und Tabus dient einzig und allein dazu, der schwer fassbaren Wahrheit näher zu kommen.

Oder doch nicht ausschließlich? Auf Uneingeweihte mag eine auf Englisch geführte wissenschaftliche Diskussion wie eine Übungseinheit an einer Diplomatenakademie wirken. Es gibt nur wenige direkte Fragen; Zweifel oder Unglaube werden in barock anmutenden Satzkonstruktionen versteckt, einfache Feststellungen und offene Kritik nur selten geäußert. Sowohl der Vortragende als auch die Zuhörerschaft bemühen sich nach Kräften, harmonisch und konstruktiv zu wirken, selbst dann, wenn die Diskussion heißer werden sollte. Und auch wenn die Zuhörer oder der Vortragende denken, dass eine Behauptung oder eine Frage bescheuert sind, würden sie das nie offen sagen.

Woher kommt dieses Tabu? Die Etikette ist durchaus keine bloße Verzierung, sondern dient einem konkreten Zweck: Sie soll das Ideal einer Kommunikation unter Gleichen befördern, die sich gegenseitig als vollwertige Gesprächspartner respektieren und akzeptieren. Attacken ad hominem, die also auf die Person selbst zielen, würden den Zusammenhalt der wissenschaftlichen Gemeinschaft gefährden.

Auch das Gewundene der Argumentation hat einen tieferen Grund. Naturwissenschaftler behaupten nie etwas, ohne sich einen möglichen Ausweg offen zu halten. Man wird in jedem wissenschaftlichen Aufsatz zahlreiche Vorbehalte oder mögliche Alternativen finden, die der Autor gegenüber seinen eigenen Thesen vorbringt. So ist etwa die vorgeschlagene Theorie nur unter bestimmten Bedingungen wahr, oder die Hypothese setzt gewisse Vorannahmen voraus, die nicht immer richtig sein müssen.

Ludwig Wittgenstein hat beobachtet, dass alle naturwissenschaftlichen Disziplinen ihre eigenen "Spielregeln" entwickeln. Dies gilt auch für Diskussionen, gleich ob diese in mündlicher oder schriftlicher Form stattfinden. Werfen wir also einen Blick hinter die Kulissen der Konventionen. Oder lauschen wir vielmehr den Fragen, Antworten und vor allem: den inneren Monologen der Beteiligten. Stellen wir uns also eine wissenschaftliche Diskussion im Anschluss an einen Vortrag vor: Was sagen die Teilnehmer (und was meinen sie wirklich)?

Fragesteller aus dem Auditorium: Wouldn't you expect that ... (Sie liegen falsch.)

Vortragender: That's a good question! (Ich hatte gehofft, jemand würde diese Frage stellen, jetzt kann ich weitere fünf Minuten reden.)

I would have thought that ... (Ich denke, Ihrer Schlussfolgerung mangelt es an intellektueller Strenge.)

That's also a good question, if you could reconnect my computer? (Ich habe diesen Teil absichtlich nicht erwähnt, jetzt kann ich meine fünf kompliziertesten Folien zeigen.)

Don't you think that ... (Ich glaube, dass ...)

(Der Vortragende wiederholt die Frage langsam an das Auditorium gewandt.) (Hmm, sehr knifflige Frage, hatte vorher nicht daran gedacht. Muss den Dissertanten zurechtweisen, wenn ich wieder am Institut bin. Er hätte mich besser vorbereiten sollen!)

Isn't there evidence that ...? (Ich kann mich nicht mehr an das Zitat erinnern, bin aber sicher, dass es mit Ihren Ergebnissen nicht übereinstimmt.)

The experiments in the literature you are referring to have not been followed up. (Sie waren nicht reproduzierbar/wurden mit verunreinigten Reagenzien durchgeführt/unter Bedingungen, die nicht natürlich waren.)

There is evidence in the literature that ... (Sie haben mein jüngstes Paper nicht erwähnt.)

Yes, I am aware of this data, but I think it only comes from one group. (Keiner kann Ihre Daten reproduzieren.)

Can one exclude that ... (Also bitte, daran müssen Sie doch gedacht haben!)

Yes, we are looking into that aspect ... (Verdammt, warum habe ich nicht daran gedacht? Muss dem Studenten sofort eine E-Mail schicken, um so bald wie möglich damit zu beginnen.)

I am missing an important control in your experiments. (Wenn Sie dies nicht gemacht haben, verschwenden Sie nur unsere Zeit. Oder: Ich habe diesen Versuch beim Begutachten Ihres Manuskripts vorgeschlagen und möchte wissen, warum Sie ihn noch nicht gemacht haben.)

Yes, one of the reviewers of the manuscript asked for that control, too. (Ah, jetzt weiß ich, wer einer der Gutachter meines letzten Papers war.)

I am sure you are aware of the work of so and so. If you take their work into account, wouldn't that mean that ... (Meine Mitarbeiter sind zu anderen Ergebnissen gekommen.)

Yes, I can see where you're coming from! (Sie gehen das Ganze von der falschen Seite an!)

I'm not sure whether you mentioned this, but ... (Ich habe geschlafen/vor mich hin geträumt/gegrübelt, was die Fluglinie mit meinem Gepäck angestellt hat.)

I believe I went into this important point in some detail, but if I could just go back to the first slide with data? (Wie konnte jemand das nicht mitkriegen? Vielleicht gibt es doch zu viele Einzelheiten auf der Folie.)

I may have missed this, but ... (Ihre Vortragstechnik ist so schlecht oder: Ihr Englisch ist komplett unverständlich.)

Speaker: Oh, most definitely! (Mein Gott, habe ich das nicht in meinem Vortrag gesagt? Habe ich mich wirklich so schlecht ausgedrückt?)

What would happen if ... (Ich bin an Ihrer Arbeit interessiert und möchte wirklich wissen, was passieren würde, wenn ...)

Yes, that might be worth investigating ... (Das ist der Hauptteil meines neuen Projektantrags. Ich werde Sie auf ein Bier einladen, Sie könnten einer der Gutachter sein!)

Perhaps we can talk about this in the coffee break, but what would happen if ... (Ich würde gerne mit Ihnen zusammenarbeiten, möchte aber nicht, dass jeder meine Ideen mitbekommt.)

(An den Vorsitzenden gerichtet:) Do I have time to go into this? (Hört sich an wie eine Einladung zur Zusammenarbeit. Besser versuchen, so wenig wie möglich zu sagen.)

According to what you've just shown us, according to your new hypothesis ... (Ich bin skeptisch, höre aber doch zu.)

I'm not sure whether I understood you correctly. (Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen. Ich werde aber die Gelegenheit nutzen, etwas zu sagen, das ich nicht in die mickrigen 15 Minuten Redezeit hineinquetschen konnte, die die Organisatoren mir gegeben haben.)

How do you reconcile this with your previous publications? (Ich dachte, Sie hätten bei ihrem letzten Vortrag das Gegenteil behauptet.)

I am often asked this question. (Selbst nach fünf Veröffentlichungen auf diesem Gebiet glaubt mir die Scientific Community immer noch nicht.)

I actually have three questions. The first has two parts ... (Sie laufen mir bei Kongressen immer davon, jetzt ist meine Chance. Alle anderen Zuhörer: Weiß der Vorsitzende nicht, dass diese Person immer sechs Fragen stellt?)

Let me take the last part first. (Sie haben so lange geredet, dass ich mich nicht an den ersten Teil erinnern kann. Noch dazu haben wir die Zeit schon überzogen, sodass der Vorsitzende mir nur erlauben wird, eine Frage zu beantworten.)

Why are you doing this? (Sie verschwenden die Zeit von uns allen. Sie dürfen nur deshalb hier vortragen, weil Ihr Kumpel im wissenschaftlichen Ausschuss der Tagung sitzt.)

Well, nobody's perfect! And I think it's interesting! (Ich werde mein Paper ganz sicher nicht an die Zeitschrift schicken, die Sie herausgeben!)

Tim Skern lehrt Biochemie und Virologie an der Medizinischen Universität Wien sowie an der Universität Wien. Der gebürtige Engländer unterrichtet an beiden Universitäten auch "Writing and Speaking Scientific English".

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