Zweite Plätze gibt es nicht

Oliver Hochadel | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Streit ist nicht gleich Streit in der Wissenschaft. Ein Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt Kontroversen ganz unterschiedlichen Typs. Vom vermeintlichen Ideendiebstahl bei simultanen Entdeckungen, unfeinen Forscherwettrennen und heroischen Einzelkämpfern. Und warum man eine Kontroverse auch erfinden kann.

Prioritätsstreitigkeiten damals. Wer hat die Infinitesimalrechnung entwickelt? Isaac Newton oder Wilhelm Gottfried Leibniz? Vierzig Jahre lang, von 1676 bis zu Leibniz' Tod 1716, lagen sich der britische Physiker und der deutsche Philosoph in den Perücken und hielten damit das gelehrte Europa in Atem. Die Briefe und Polemiken, die man austauschte, sind voller freundlicher Anreden und gespickt mit ehrabschneiderischen Vorwürfen, vor allem jenem des Plagiats, des geistigen Diebstahls. Newtons Selbsteinschätzung als Mittler zwischen Gott und den Menschen ließ den Gedanken als frevelhaft erscheinen, ein anderer Sterblicher könne auf dieselbe Idee kommen. Und zweite Plätze gibt es bei Erfindungen nicht. In Newtons Worten: "Second inventors count for nothing."

Der Streit schwelte noch lange nach, erst im 19. Jahrhundert setzte sich die Einsicht durch, dass die beiden die Infinitesimalrechnung, also Differential- und Integralrechnung, unabhängig voneinander entwickelt haben. Newton hatte in der Tat etwas früher damit begonnen, zögerte dann aber mit der Veröffentlichung, um seine Entdeckung vor Diebstahl zu schützen. Das war falsche Vorsicht, wie sich zeigte. Die Newton-Leibniz-Kontroverse hat mit dazu beigetragen, dass in der Folge die Publikation einer Entdeckung in einer Fachzeitschrift maßgeblich für Prioritätsansprüche wurde.

Prioritätsstreitigkeiten heute. Prioritätsstreitigkeiten gibt es freilich bis in unsere Gegenwart. Anfang der Achtzigerjahre suchte man hektisch nach dem Erreger von Aids. Der US-Amerikaner Robert Gallo und der Franzose Luc Montagnier waren die Protagonisten in einem schwer zu durchschauenden Verwirrspiel, das auch die Komplexität biomedizinischer Forschung widerspiegelt. Die unterschiedliche Benennung von quasi identischen Zelllinien (HTLV-3 und LAV), der Druck der Gesundheitsbehörden und Geldgeber, voreilige Presseberichte, nationale Eitelkeiten sowie der wechselseitige Vorwurf, beim Austausch von Virenkulturen diese kontaminiert zu haben, waren die Ingredienzien dieser Debatte.

Dabei ging es bald um weit mehr als nur den Entdeckerruhm. Die Entwicklung eines Bluttests, um weitere Infektionen durch HIV-verseuchte Blutkonserven zu vermeiden, war für viele Patienten eine Frage von Leben und Tod. Und nicht zuletzt ging es um das Geld, das das Patent für den Bluttest einbringen würde.

Gallo sah sich über Jahre dem Vorwurf ausgesetzt, er hätte das fragliche Virus quasi von Montagnier gestohlen. In den Neunzigerjahren haben sich die Gemüter beruhigt, die beiden Forscher gelten mittlerweile als Co-Entdecker und laden sich wieder gegenseitig zu Vorträgen ein.

Streit um die Technik. Ob Blitzableiter spitz oder stumpf zulaufen sollten, war im London der 1770er-Jahre keine akademische Frage. Es ging um die "Bewaffnung" des königlichen Pulvermagazins gegen die Gefahr von oben. Benjamin Franklin, Erfinder des Blitzableiters und hauptberuflich diplomatischer Vertreter der nordamerikanischen Kolonien, propagierte spitze Enden. Benjamin Wilson, hauptberuflich königlicher Maler, glaubte, dass spitze Enden den Blitz erst eigentlich anlocken würden und warb daher für kugelförmige Enden. Wilson gilt als Verlierer der Kontroverse, die Gutachter der Royal Society wollten ihm nicht folgen. Seine öffentlichen Schauversuche im Londoner Pantheon erwiesen sich als Bumerang. Von seinen Gegnern wurde er bloßer Showman, gar als Betrüger denunziert. Entscheidend war also nicht das letztlich wenig aussagekräftige Experiment - auch heute kann man Blitze noch nicht experimentell reproduzieren - sondern die Glaubwürdigkeit der Widersacher. Die letzte Pointe des Spitzenstreits: US-amerikanische Forscher glauben mittlerweile, dass runde Enden etwas besser schützen als spitze.

Einer gegen alle. Der Mediziner Ignaz Semmelweis (1818-1865) glaubte Ende der 1840er-Jahre, die Ursache für das müttermordende Kindbettfieber gefunden zu haben. Am Wiener Allgemeinen Krankenhaus traf es nämlich fast ausschließlich jene Gebärenden, die von Ärzten behandelt wurden, die unmittelbar zuvor in der Anatomie Leichen seziert hatten. Das Establishment der Wiener Medizin war mit einigen Ausnahmen wenig erfreut über die Behauptung, dass sie selbst den Frauen den Tod brachten. Sie hielten lieber an der Theorie fest, dass verunreinigte Luft die Ursache für das Kindbettfieber fest. Semmelweis hatte als Ungar in Wien keinen leichten Stand, sein diplomatisches Geschick und seine Kommunikationsfähigkeit ließen ebenfalls zu wünschen übrig. Die bald auch international ausgefochtene Kontroverse zog sich über Jahrzehnte hin, Semmelweis erlebte ihr Ende nicht mehr.

Aber bei dieser Erzählform "Einer gegen alle" ist Vorsicht geboten. Oft handelt es sich um eine anachronistische Heroisierung, in der historischen Analyse erweisen sich die Frontverläufe als wesentlich komplexer. Semmelweis hatte durchaus einzelne Verbündete und stilisierte sich selbst ein Stück weit als Verfolgten und Verkannten.

Wettrennen. Die Entschlüsselung der Struktur der DNA gelang 1953 bekanntlich James Watson und Francis Crick. Die beiden haben damit ein ungefähr zweijähriges Rennen gewonnen, in dem der US-amerikanische Chemiker Linus Pauling die längste Zeit als Favorit galt. Watson und Crick haben selbst am wenigsten experimentiert, sich selbst völlig bedeckt gehalten, dafür aber ihre Konkurrenten umso intensiver beobachtet.

Die beiden Forscher haben sich die richtigen Versatzstücke herausgenommen und mit der Doppelhelix schließlich das passende Modell gefunden. Mit entscheidend war eine röntgenkristallografische Aufnahme von Rosalind Franklin, die ihr Laborkollege und Intimfeind Maurice Wilkins gegen ihren Willen Watson zeigte. Inwiefern Watson und Crick sich in diesem Wettrennen moralisch zweifelhafter Methoden bedient haben, ist mittlerweile selbst zu einer eigenen Kontroverse geworden.

Der simulierte Streit. Der englische Psychologe Cyril Burt (1883-1971) wollte anhand von Studien an eineiigen Zwillingen, die getrennt aufgewachsen sind, zeigen, dass Intelligenz angeboren ist. Als Sprachrohr diente Burt das "British Journal of Statistical Psychology", das er über Jahrzehnte quasi alleine herausgab. Wie sich schließlich herausstellte, war ein Großteil der Zwillingsdaten ebenso frei erfunden wie die Autoren, die Burts Thesen in dessen Zeitschrift unterstützten.

Burt ging aber noch weiter, wie der Linzer Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich recherchiert hat. Unter insgesamt vierzig Pseudonymen focht der erfindungsreiche Psychologe gar Kontroversen mit sich selbst aus: "Man kann also eine blühende Forschungsgemeinschaft auch erfolgreich simulieren." Denn Streit steht für Existenz.

Endloser Streit. Angeboren oder umweltbedingt? Nature oder Nurture? Unter diesem Label liefen im vergangenen Jahrhundert zahllose Kontroversen in den verschiedensten Fächern von der Intelligenz- und Verhaltensforschung bis hin zur Soziologie und zum Strafrecht. Mit dem Aufkommen der Genetik schien sich die Waage zugunsten der Natur zu senken, aber hier ist Vorsicht geboten.

In der scharfen Dichotomie des Entweder-oder, als immergrüne Streitschablone hat die Nature-Nurture-Debatte nämlich mittlerweile vornehmlich in den Medien noch Konjunktur. Die meisten Wissenschaftler winken hingegen nur noch ab, wenn sie "Umwelt oder Gene" hören. "Nature via Nurture" heißt die neueste Formel. Demnach werden zahlreiche Gene erst durch bestimmte Umweltfaktoren "eingeschaltet", es ist also ein wechselseitiger Einfluss zu konstatieren.

Hal Hellman: Zoff im Elfenbeinturm. Große Wissenschaftsdispute. Weinheim 2000 (Wiley-Vch). 246 S. e 25,40

Hal Hellman: Great feuds in medicine. Ten of the liveliest disputes ever. New York 2002 (Wiley).

250 S. e 14,50

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