Der Vater aller Dinge

Klaus Taschwer | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

In kaum einem Fach wird so viel gestritten wie in der Philosophie. Fast alle großen Denker hatten ihre großen Gegendenker, die meisten von ihnen waren - und sind - legendäre Streithähne. Der Grund dafür: Die Philosophie lebt im Idealfall vom Pro und Kontra der Argumente.

Im Club der großen Denker. Man schrieb - aber selbst darüber wurde noch Jahrzehnte später gestritten - den 25. Oktober 1946. Der Moral Science Club, eine Diskussionsgruppe von Wissenschaftlern und Studenten der Philosophie an der Universität Cambridge, hatte wie jede Woche zum Abendvortrag geladen. Gastredner war diesmal Dr. Karl Popper, der seit kurzem an der London School of Economics Wissenschaftstheorie unterrichtete. Der harmlos klingende Titel seines Vortrags: "Gibt es philosophische Probleme?"

Unter den Zuhörern im Raum 3 des King's College befanden sich unter anderen die Philosophen Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein. Letzterer genoss in Cambridge als Philosophieprofessor längst legendären Status und war Vorsitzender des Moral Science Club. Im Anschluss an den Vortrag Poppers kam es zum Eklat: Die beiden aus Wien stammenden Philosophen, die als ebenso unerbittliche wie ungeduldige Diskutanten gefürchtet waren, gerieten in ein heftiges Wortgefecht. Wittgenstein leugnete die Bedeutung philosophischer Probleme; Popper konterte angeblich, dass es moralische Probleme gäbe, die Gültigkeit hätten.

In Poppers Version des ersten und einzigen Zusammentreffens der beiden Denker gab es einen klaren Sieger: natürlich ihn selbst. Denn nachdem der neben dem offenen Kamin sitzende Wittgenstein den Vortragenden mit dem Schürhaken in der Hand gedrängt hätte, eine konkrete moralische Regel zu nennen, habe Popper schlagfertig entgegnet: "Man soll seinen Gast nicht mit einem Schürhaken bedrohen." Woraufhin Wittgenstein mit einem lauten Türschlagen den Raum verlassen habe.

Se non è vero ... Ob es sich in Cambridge tatsächlich so zugetragen hat, wie Popper in seiner Autobiografie "Ausgangspunkte" darstellte, darf bezweifelt werden. Jedenfalls war der rund zehnminütige Disput selbst noch 1997, drei Jahre nach Poppers Tod, Gegenstand einer heftigen Kontroverse unter britischen Philosophen. Denn Popper hatte die Begebenheit so sehr stilisiert, dass er in gewisser Weise als Überwinder der Wittgenstein'schen Sprachphilosophie erscheinen musste. Schon unmittelbar nach der Auseinandersetzung erfüllte diese zumindest für Popper ihren Zweck: Der Noch-Außenseiter aus London hatte sich in der britischen Kollegenzunft mit einem Mal einen Namen gemacht.

"Große Philosophen haben sich praktisch ohne Ausnahme mit Gegenpositionen zu anderen großen Philosophen etabliert", meint der Wiener Philosoph und Wissenschaftsforscher Markus Arnold von der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (iff) und bringt damit den grundsätzlich polemischen Charakter des Fachs auf einen einfachen Nenner. "Aristoteles brauchte Plato, Kant überwand Hume, Hegel rieb sich an Kant, Marx an Hegel ... und so geht es weiter bis in die jüngste Gegenwart." Jürgen Habermas sei auch deshalb zum meistzitierten Philosophen der Gegenwart geworden, weil er selbst an etlichen Debatten aktiv mitbeteiligt war, vom Positivismusstreit über die Kontroverse mit Niklas Luhmann bis zur mitunter polemischen Auseinandersetzung mit Jacques Derrida.

Vernetzung und Widerspruch. Dass die Philosophiegeschichte um Konflikte organisiert ist und einen Kampfplatz der Argumente darstellt, behauptet auch der US-amerikanische Soziologe Randall Collins, der viele Jahre lang an einer Tour de Force durch die gesamte Philosophiegeschichte arbeitete. Sein über tausendseitiges Werk mit dem Titel "The Sociology of Philosophies", das von den alten Chinesen bis zum französischen Poststrukturalismus reicht, will eine "globale Theorie des intellektuellen Wandels" liefern und stellt schon mit den ersten beiden Sätzen des Buchs klar, dass - neben Netzwerken - die Kontroversen eine zentrale Rolle spielen: "Intellektuelles Leben ist zunächst einmal Konflikt und Widerspruch. Die Lehre mag den entgegengesetzten Eindruck vermitteln (...), aber an der Spitze, dort, wo Ideen geboren werden, herrschte immer eine Diskussion zwischen Gegensätzen."

Dieser grundsätzlich agonale Charakter unterscheide die Philosophie nur wenig von den Naturwissenschaften, meint Arnold. "Doch während man in den Naturwissenschaften zumindest gemeinhin davon ausgeht, dass sich die Kontroversen irgendwann einmal zugunsten der einen oder der anderen Seite klären lassen, gibt es diese Form der Beendigung in der Philosophie nicht." Im Idealfall sei das Ergebnis eine sachliche Klärung der jeweiligen Position, eine eindeutige Gegenüberstellung von Pro- und Kontra-Argumenten und damit die Erkenntnis, warum es keinen Konsens gibt.

Arnold, der selbst über die Wissenschaftskultur der Philosophie forscht, erinnert in dem Zusammenhang an die berühmte Debatte zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer, die im Frühjahr 1929 in Davos unter Anteilnahme etlicher Fachkollegen aus ganz anderen Richtungen stattfand. Ähnlich konstruktiv: die Debatte zwischen den befreundeten Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend und Imre Lakatos, die erkenntnistheoretisch völlig unterschiedliche Positionen vertraten. Feyerabends Hauptwerk "Wider den Methodenstreit" wurde zum Produkt dieser Auseinandersetzung - vom Autor wie ein langer Brief an seinen früh verstorbenen Freund.

Persönlich statt sachlich. Allzu oft bleiben mögliche Diskussionen zwischen Philosophen aber auf einem Niveau unter der Gürtellinie (siehe Kasten). Oder, wie der österreichische Satiriker Anton Kuh es formulierte: "Wer wird denn gleich sachlich werden, es geht doch auch persönlich." Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Die missglückte Auseinandersetzung zwischen Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk über dessen Menschenpark-Text, die schnell in Polemik ausartete und dort auch gleich versandete.

Und wie sieht es mit der philosophischen Debattenkultur in Österreich aus? Arnold konstatiert, dass neben dem Spezialistentum hierzulande die Nachwirkungen des Nationalsozialismus und des Kalten Krieges lange Zeit konstruktive Debatten verhindert haben. "Der Faschismusvorwurf gegen rechts, aber auch der Totalitarismusvorwurf gegen links haben lange Zeit sachliche Diskussionen blockiert. Man hatte manchmal schon den Eindruck, Grazer Philosophen weigern sich aus Prinzip, sich mit Texten von Wiener Philosophen auseinander zu setzen, und leider galt das auch umgekehrt." Ned amal ignorieren - auch eine philosophische Form der Konfliktbewältigung.

David J. Edmonds und John A. Eidinow: Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte. Aus dem Englischen von Holger Fliessbach. Frankfurt a.M. 2003 (Fischer TB). 220 S., e 11,20

Randall Collins: The Sociology of Philosophies. A Global Theory of Intellectual Change. Cambridge/Mass. 1998 (The Belknap Press of Harvard University Press). 1118 S, e 27,-

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