Unumstritten böse

Stefan Löffler | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Genetisch veränderte Lebensmittel sind das Letzte. Die grüne Gentechnik ist in Österreich geopfert worden, um der roten Gentechnik Akzeptanz zu verschaffen. Eine große Koalition von Politikern über Umweltschützer bis zur "Kronen Zeitung" sorgt dafür, dass es so bleibt. Wissenschaftliche Argumente finden in diesem Glaubenskrieg längst kein Gehör mehr.

Auf über siebzig Millionen Hektar weltweit werden heute genetisch veränderte Organismen (GVOs) angebaut. Etwas mehr als die Hälfte dieser Flächen liegt in den USA, doch der Anteil der Entwicklungsländer wächst. China und Südafrika setzen erfolgreich auf heimische Biotechnologie, weitere Länder eifern ihnen nach. Vor allem Baumwolle, Mais, Raps und Soja werden genetisch verändert kultiviert. Bei Soja sind es bereits 55 Prozent des weltweiten Anbaus.

Auch bei GV-Baumwolle sind Erfolge zu vermelden. Warnungen, dass das Saatgut aus dem Labor weniger abwerfen würde, haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil fallen die Erträge höher aus als bei konventioneller Baumwolle. Außerdem ist erheblich weniger Herbizid nötig, was den Bauern nicht nur in finanzieller, sondern auch in gesundheitlicher Hinsicht zugute kommt. In China ist der Anteil der Kleinbauern, die sich beim Spritzen der Pflanzen Vergiftungen zuziehen, um drei Viertel geringer als bei denen, die konventionelle Baumwolle anbauen. Quer durch Europa ist die ferne Blüte der grünen Gentechnik derzeit Anlass zu kritischen Fragen: War das 1998 beschlossene Moratorium auf die Zulassung und Vermarktung von GVOs wirklich nötig? War es richtig, einen Teil der Industrie und viele der besten Köpfe nach Nordamerika ziehen zu lassen? Hat Europa eine Zukunftstechnologie verschenkt? In der Schweiz wird über anstehende Zulassungen debattiert. In Deutschland wird heftig um ein neues Gentechnikgesetz gestritten, das Freilandexperimente mit GVOs praktisch unrealisierbar macht. In Ungarn wird die grüne Gentechnik nach letzten Umfragen von gut achtzig Prozent der Bevölkerung befürwortet. Nur in Österreich scheint sie ein für alle Mal abgeschrieben.

Das wurde wieder deutlich, als die Neufassung des Gentechnikgesetzes am 13. Oktober vom Nationalrat beschlossen wurde. Eine Debatte über Stand und Zweckmäßigkeit der grünen Gentechnik kam nicht einmal im Ansatz zustande. Stattdessen überboten Regierung, Opposition und Umweltaktivisten einander darin, als größte Bekämpfer der hierzulande unpopulären GVOs dazustehen.

Grüne und SPÖ verstiegen sich zu Rücktrittsforderungen an Josef Pröll, den jeglicher Sympathien für die Gentechnik unverdächtigen Landwirtschafts- und Umweltminister. Greenpeace forderte ein öffentliches Register aller GVO-Anbauflächen, wohl eher aus PR-Gründen. Die Aktivisten werden sich schon deshalb kaum auf den Weg machen, die Teufelssaaten zu vernichten, weil die Hürden für den Anbau von der EU zugelassener GVOs in Österreich nun so hoch sind, dass sich ohnehin kein Bauer darauf einlassen wird.

So fundamentalistisch sich Greenpeace und Co indes gegenüber der grünen Gentechnik geben, so kritiklos begrüßen sie die Anwendungen in der Medizin, hat Karl Kuchler festgestellt. Der Wiener Molekularbiologe findet, dass gerade die rote Gentechnik mit besonderer Vorsicht beurteilt werden müsse. Ihre Risiken entsprängen nämlich nicht der Fantasie, so Kuchler. Darum warne er seine Kollegen auch immer wieder, die künftigen Segnungen der roten Gentechnik nicht zu übertreiben.

Schon Anfang der Neunzigerjahre habe sich in der Gentechnikenquete des Nationalrats abgezeichnet, "dass die grüne Gentechnik geopfert wird, um für die rote Gentechnik freie Hand zu haben", sagt Helge Torgersen vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Auch die Plattform "Gentechnik und Wir", mittlerweile umbenannt in "Dialog Gentechnik", konzentrierte sich auf Öffentlichkeitsarbeit über und für die rote Gentechnik. Die Fördergelder gingen in die Medizin. Junge Biotechnologen wendeten sich reihenweise von der Pflanzenzüchtung ab, einzelne kehrten Österreich ebenso den Rücken wie die grüne Biotechbranche. Wissenschaftler, die sich für die grüne Gentechnik einsetzten, fühlten sich von Industrie und Politik allein gelassen.

Seit 1997 das von der "Kronen Zeitung" massiv beworbene Gentechnikvolksbegehren von 1,2 Millionen Österreichern unterschrieben wurde, ist die grüne Gentechnik hierzulande quasi vogelfrei. Als Zielscheibe wird sie gerne genutzt, denn aus ihrer Ablehnung lässt sich politisches Kapital schlagen. Gemeinden haben sich reihenweise zu gentechnikfreien Zonen erklärt. Der Aktionseifer hat etwas von Schattenboxen. Anders als in den USA, wo die Biotechindustrie auch mit zweifelhaften Mitteln Druck auf Forschung und Politik ausübt, wie der Autor Jeffrey Smith schildert, sind in Österreich nahezu keine GVOs im Handel, noch werden sie angebaut, geschweige denn wird Saatgut für sie produziert. Dagegen lebt eine kleine Gruppe von Leuten hierzulande gut von der grünen Gentechnik, indem sie Kampagnen oder Risikoforschung jeglicher Art betreibt. So reißen die Pressemeldungen und Protestaktionen nicht ab.

Im Juni verdrehte Peangrease, Verzeihung: Greenpeace in einer Kampagne zu "veränderten Lebensmitteln" nicht nur Buchstaben ("Wrust"), sondern nach Ansicht der Molekularbiologin Renée Schroeder auch die Wahrheit. Nach Rücksprache innerhalb der Plattform "Dialog Gentechnik" schrieb die frühere "Wissenschaftlerin des Jahres" den Umweltschützern einen offenen Brief, in dem sie ihnen vorwarf, Angst zu schüren, um Spendengelder zu lukrieren.

Für die gebetsmühlenartig heraufbeschworenen Gefahren gibt es nämlich bis heute keine Belege, wie kürzlich der Berner Ökologe Klaus Ammann nach Durchsicht mehrerer Tausend Risikostudien zur grünen Gentechnik festgestellt hat. Gentechnisch verarbeitete Lebensmittel enthalten nicht mehr Gene als herkömmliche, und die verzehrten Gene sind auch in keiner Weise lebendig. Bis heute gibt es keinen dokumentierten Krankheits-, geschweige denn Todesfall, der sich auf den Verzehr gentechnisch hergestellter Lebens- oder Futtermittel zurückführen ließe.

Trotzdem halten fast alle Wissenschaftler weitere Risikoforschung für sinnvoll und ziehen nicht etwa den Schluss, GVOs seien prinzipiell ungefährlich. In der österreichischen Öffentlichkeit hat ihnen ihre kritisch abwägende Haltung wenig genutzt. Das meiste Gehör finden die einseitig argumentierenden und auch nur an Gegenargumenten interessierten Gentechnikgegner, die es auch noch verstehen, "uns Forscher als Handlanger der Industrie darzustellen", wie Karl Kuchler beklagt.

"Was kann Böses an einem Reis sein, der durch höheren Vitamin-A-Gehalt vor Erblindung schützt?", fragt sich Marianne Popp. Sie verstehe nicht, was Greenpeace und Global 2000 von ihrer absoluten Ablehnung haben. Bei aller Skepsis gegenüber vielen Argumenten, mit denen die Saatgutindustrie GVOs vermarktet, sieht die an der Universität Wien lehrende Pflanzenphysiologin nämlich besonders ökologische Potenziale in der grünen Gentechnik. Ein schottischer Kollege von ihr habe errechnet, dass in der heutigen Landwirtschaft nur 34 Prozent der Energie von der Sonne kommen. Mit anderen Worten: Konventioneller Ackerbau sei nichts anderes als die Umwandlung fossiler Energie in Lebensmittel. GVOs, so Popp, könnten eines Tages den mit der Produktion und Ausbringung von Dünger und Spritzmitteln verbundenen Energieaufwand und nebenbei auch den CO2-Ausstoß reduzieren helfen.

Die grüne Gentechnik auszuschließen sei gerade aus Sicht der Dritten Welt verantwortungslos, meint Clive James. An die örtlichen Voraussetzungen und Bedürfnisse angepasst, müsste die jeweils sinnvollste Option gewählt werden, findet der Direktor des 1991 gegründeten ISAAA, das sich dem nichtkommerziellen Transfer von Biotechnologie in Entwicklungsländer verschrieben hat.

Kurios ist, dass die Kritiker kaum je ein Wort darüber verlieren, wie moderne Pflanzenzucht heute jenseits der Gentechnik abläuft. Pflanzen werden radioaktiv bestrahlt. Mit etwas Glück sind hinterher welche dabei, die durch die unkontrollierten Genmutationen erwünschte neue Eigenschaften angenommen haben. Mindestens 1800 in Strahlungsexperimenten entwickelten Sorten steht heute ein geringer Teil zugelassener GVOs gegenüber.

Geht es nach dem Berner Immunologen Beda Stadler, einem der eloquentesten Fürsprecher der grünen Gentechnik im deutschsprachigen Raum, werden eines Tages zwei bislang besonders skeptische Gruppen auf sie setzen: nämlich Feinschmecker und Biobauern. Pflanzen, die erst geerntet werden, wenn sie reif sind, und darum auch vor dem Verkauf nicht bestrahlt werden müssen. Die sich selbst gegen Schädlinge und Unkraut wehren. Die weniger Dünger brauchen. Die mehr Vitamine und essenzielle Aminosäuren, aber weniger Herbizidrückstände enthalten. Diese Pflanzen werden gesünder und schmackhafter sein. Aber das sind natürlich alles faule Versprechungen der Industrie.

Konsument und Gentechnik:

www.transgen.de

Clive James im Interview:

www.novo-magazin.de/60 /novo6027.htm

Jeffrey Smith: Trojanische Saaten. GenManipulierte Nahrung - GenManipulierter Mensch. Aus dem Amerikanischen von Gisela Kretzschmar. München 2004 (Riemann). 416 S., e 19,-

Beda M. Stadler: Es gibt keine menschlichen Gene. Mythen und Fakten über Gentechnologie. Bern 1997 (Hans Huber). 243 S., vergriffen.

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