Tanzende Hände vs. Knopf im Ohr

aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Das neu erschienene Duden-Synonymwörterbuch macht es vor: "Gehörlos" soll "taubstumm" ersetzen, da der Begriff diskriminierend sei und gehörlose Menschen nicht wirklich stumm seien: Sie bedienten sich lediglich einer stillen Sprache. Die höchste Instanz des geschriebenen Wortes nimmt Partei für das mit Gebärden artikulierte Wort.

Geht es nach zumeist hörenden Pädagogen, so ist die Gebärdensprache freilich eine sterbende Kommunikationsform. Vor allem seit der Entwicklung elektronischer Hörhilfen wie des nicht unumstrittenen Cochlea-Implantats (CI) fordern Anhänger der so genannten oralen Methode, den hörgerichteten Unterricht zu forcieren und Gebärden lediglich unterstützend zu verwenden.

Die Auseinandersetzung um die Sprache der Gehörlosen hat eine lange Geschichte. Nachdem Joseph II. den damals revolutionären Versuch startete, Gehörlose in die Gesellschaft zu integrieren und das Wiener Institut für Taubstumme gründete, wurde dort die so genannte Wiener Methode entwickelt, die zwei konkurrierende Lehrmeinungen miteinander verbinden sollte: Während sich in Frankreich und den USA das System "methodischer Gebärden" des Abbé de l'Epée etablierte, versprachen sich die Oralisten mithilfe des - für Gehörlose schwierig zu erlernenden - lautsprachlichen Sprechens und Lippenlesens eine noch bessere soziale Integration.

Heute stemmen sich die durch medizinische Innovationen wie das CI im Aufwind befindlichen Befürworter der lautsprachlichen Lehrmeinung vehement gegen ein zusätzliches Erlernen von Gebärden. Ein gleichzeitiges Anbieten beider Kommunikationsformen sei nicht zielführend, da gehörlose Kinder den zunächst einfacheren Weg der Gebärde bevorzugen würden. Doch danach bliebe der Weg zu Selbstständigkeit und sozialer Integration verwehrt.

Vertreter von Gehörlosenverbänden hingegen schütteln wütend den Kopf über so viel Ignoranz und kämpfen erbittert gegen die Auslöschung ihrer Sprache, die sie als unerlässlichen Teil ihrer Identität wahrnehmen. Und sie bekommen Unterstützung aus der sprachwissenschaftlichen Ecke. Zum Beispiel von Helen Leuninger, Professorin am Frankfurter Institut für Deutsche Sprache, die in Gebärden eine vollwertige Sprache sieht: Die tanzenden Hände könnten selbst abstrakteste und komplexe Gedanken - von der Poesie bis zur Atomphysik - ausdrücken.

Gehörlose Kinder, die mit Gebärden aufwachsen, erwerben sie mit derselben Leichtigkeit wie hörender die Lautsprache und nutzen dieselben neuronalen Netze. Für Sprachforscher ist dies der springende Punkt, denn jene Kinder haben die Möglichkeit, die Gebärdensprache in einer frühen und für den Spracherwerb sensiblen Phase zu erlernen. Je größer die Verzögerung beim Spracherwerb, umso wahrscheinlicher gerät die intellektuelle Entwicklung ins Stocken.

Viele Mediziner hingegen sind ganz anderer Meinung und verweisen darauf, dass nur zehn Prozent aller hörgeschädigten Kinder hörgeschädigte Eltern haben - und damit die Chance auf Gebärdensprache ab der Geburt. Und wozu Gebärden lernen, wenn Kinder mithilfe medizinischer Technik normal sprechen lernen können?

Am österreichischen Bundesinstitut für Gehörlosenbildung in Wien hat man sich von der rein oralen Methode längst verabschiedet und sie durch ein hörgerichtetes Unterrichtssystem ersetzt, das den Einsatz von medizinisch-technischen Hörhilfen mit einer visuellen Repräsentation der Lautsprache kombiniert. Die vollwertige Gebärdensprache wird wenig eingesetzt. Ihre potenziellen Nutznießer bleiben kaum gehört auf der Strecke. Raoul Mazhar

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