Hickhack ums große Sterben

Julia Harlfinger | aus HEUREKA 2/04 vom 10.11.2004

Die Dinosaurier sind ausgestorben. Hierüber herrscht Konsens. Doch welche Ursache hatte der Niedergang unserer Lieblingsmonster? Dazu tobt seit 25 Jahren eine der heftigsten naturwissenschaftlichen Debatten, wüste Beschimpfungen inklusive. Nun ist die populäre Asteroidentheorie unter Beschuss geraten.

Dinoland ist abgebrannt. Und plötzlich bricht die Hölle los. Eben noch sonnt sich ein argloser Tyrannosaurus Rex auf einem Lavafelsen und beobachtet ein paar Entenschnabel-Dinosaurier, die im Sumpf waten und an Schachtelhalmen knabbern. Als Sekunden später ein zehn Kilometer großer Asteroid mit einer Geschwindigkeit von dreißig Kilometern pro Sekunde auf die Nordhalbkugel unsrer Erde zurast und einen 15.000 Meter tiefen Krater reißt, ist Tyrannosaurus samt Lavafels und Schachtelhalm bereits verdampft.

Mit der Energie von Millionen Atombomben lässt der Asteroideneinschlag die Erde beben, Gesteine schmelzen, Sintfluten losbrechen, Vulkane brodeln, Kontinente brennen. Asche und Staub werden in die Luft geschleudert; die letzten Dinosaurier husten, sind hungrig und frieren. Ihre Futterpflanzen verdorren in der Dunkelheit des "nuklearen Winters". Saurer Regen und Giftgase erledigen auch die stärksten und anpassungsfähigsten Dinosaurier - auf allen Kontinenten, an Land, im Süßwasser, im Meer. Die 150 Millionen Jahre andauernde Herrschaft der Riesenechsen ist damit zu Ende.

Deep Impact. Das apokalyptische Szenario mit hoher Hollywood-Tauglichkeit kann man bereits aus dem Mund von Volksschülern hören. Auch in den Köpfen vieler Wissenschaftler ist die Theorie vom Asteroideneinschlag ("Impakt") und dem darauf folgenden Massensterben der Dinosaurier Dogma, trotz jahrzehntelangen Debatten.

Die 1980 und 1983 publizierte Rohversion der Impakthypothese machte den experimentellen Physiker Luis Alvarez bekannter als der Nobelpreis, den er zwölf Jahre zuvor verliehen bekommen hatte. Alvarez' Team ermittelte, dass sich in der dünnen Tonschicht zwischen den Gesteinen aus Kreidezeit bzw. Tertiär (die so genannte "KT-Grenze") ungewöhnlich viel Iridium befand. Dies entspricht der Zeit vor 65 Millionen Jahren bzw. jener Zeitscheide, nach der so gut wie keine Dinosaurierfossilien mehr gefunden werden.

Da das Metall Iridium in der Erdkruste sehr selten, dafür aber in Himmelskörpern häufig ist, postulierte Alvarez, dass sich vor 65 Millionen Jahren ein Meteoriteneinschlag ereignet haben musste. Als der Meteorit verdampfte, hätte sich das Metall weltweit verteilt.

Alvarez beließ es nicht bei der Publikation seiner Befunde, sondern argumentierte, dass der Impakt das große Sterben der Dinosaurier verschuldet habe. Die provokante Katastrophentheorie - obendrein von einem Physiker formuliert, der 1979 von sich meinte, er betreibe Geologie ohne Zulassung - sorgte für Entrüstung: Plötzlicher Untergang der Dinosaurier? Verursacht durch einen Himmelskörper, dessen Einschlagkrater unbekannt ist? Alvarez' Hypothese lag Anfang der Achtzigerjahre fernab des wissenschaftlichen Mainstream; Katastrophentheorien galten als unwissenschaftlich.

Titelseitentauglich. Die meisten Geologen und Paläontologen hatten bis dahin unter anderem Vulkanismus, Klimaveränderungen oder Schwankungen der Meeresspiegel für einen langsamen, Jahrmillionen dauernden Rückgang der Dinosaurier verantwortlich gemacht. Die komplizierten Abhandlungen hatten weit weniger Sexappeal als die globale und verführerisch plausibel klingende Impakttheorie von Alvarez. Die klassischen Dinoforscher erreichten deshalb kaum Wissenschaftler außerhalb ihrer eigenen Disziplinen oder die Öffentlichkeit. Die Geschichte vom todbringenden Himmelskörper und der Verwüstung der Erde hingegen war titelseitentauglich und wurde unter Geologen, Paläontologen, Astrologen, Physikern und Chemikern rasch zur Glaubensfrage.

Im Jahr 1985 führte Malcolm Browne, Journalist der "New York Times", auf einer paläontologischen Tagung mit 118 Wissenschaftlern aus Amerika, Asien und Europa eine Umfrage durch: Nur fünf von ihnen glaubten damals an die Impakttheorie. Zahlreich hingegen waren die Berichte darüber, dass die Debatte die Impaktgegner und Impaktbefürworter so weit polarisiert hätte, dass Beförderungen verhindert würden, stünde man auf der "falschen" Seite. Dem Wissenschaftsmagazin "Science" wurde sogar vorgeworfen, Alvarez-Befürworter zu bevorzugen und nur pro forma gelegentlich einen Alvarez-kritischen Beitrag zu veröffentlichen.

Luis Alvarez, wohletabliert in der Scientific Community und Mitglied der National Academy of Sciences, reagierte mit spitzer Zunge auf kritische Kollegen: "Ich sage nur ungern Schlechtes über Paläontologen, aber sie sind wirklich keine guten Wissenschaftler. Sie sind eher wie Briefmarkensammler." Noch wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1988 machte Alvarez in einem Interview mit der "New York Times" klar, was er von uneinsichtigen Kollegen hielt: "Sie verdienen ein bisschen Verhöhnung, denn sie publizieren wissenschaftlichen Nonsens."

Der Dinosaurierexperte und Paläontologe David Fastovsky hat seine Doktorandenjahre in Berkeley verbracht, wo Alvarez lehrte: "Ich habe noch nie einen so groben Menschen getroffen. Lesen Sie seine Arbeiten! Sie sind alles in einem: unglaublich, gemein und gehässig gegenüber Kollegen. Aber auch inspiriert, clever und in ihren Grundzügen richtig."

Anfangs hätte er noch über Alvarez' Publikationen gelacht, doch heute steht für Fastovsky wie für die meisten seiner Zunft fest: Der Asteroideneinschlag vor 65 Millionen Jahren brachte den plötzlichen Tod nicht nur für die Dinosaurier, sondern für mindestens die Hälfte aller damals lebenden Tierarten. (Fastovsky schreibt in seiner neuesten Publikation übrigens darüber, wie artenreich und gut angepasst die Dinosaurierfauna an der KT-Grenze war.)

Der Krater ist da! Das Rätselraten ums "Whodunit" bekam eine neue Wende, als 1992 auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán jener Krater identifiziert wurde, den der Asteroid in die Erdkruste geschlagen hatte. Der durch kilometerdicke Sedimentschichten verschüttete, 150 Kilometer weite Chicxulub-Krater brachte die meisten Impaktzweifler zum Verstummen.

Gerta Keller, Geowissenschaftlerin an der Princeton-Universität, bezweifelt jedoch sowohl die behaupteten Folgen als auch die korrekte Datierung des Chicxulub-Asteroiden. "Es gibt keine Beweise für die von ihm angeblich ausgelösten weltweiten Wildfeuer, die Sintfluten, für den nuklearen Winter oder den sauren Regen." Keller benutzt Fossilien kalkhaltiger mariner Einzeller, die im Vergleich zu Dinosaurierknochen massenhaft vorhanden sind, um die Lebensbedingungen im Erdmittelalter zu rekonstruieren. Demnach seien die Arten im Laufe von vielen Hunderttausend Jahren durch Umweltstress so weit zurückgegangen, bis sie an der KT-Grenze ausgestorben seien. Ein Asteroideneinschlag sei eventuell der letzte Nagel im bereits fertigen Sauriersarg gewesen.

Die Öffentlichkeit interessiert sich - anders als viele Fachkollegen - seit einiger Zeit dafür, was die streitbare Geowissenschaftlerin zu sagen hat. Als Protagonistin des öffentlichen Internet-Diskussionsforums über neueste Erkenntnisse zum Chicxulub-Krater, das vor einem Jahr von der Geological Society of London initiiert wurde, bekam Keller jede Menge Presse. "Es war das erste Mal, dass die Medien bereit waren, die kompliziertere Version zu bringen."

Kellers Outing hätte einen enormen Effekt auf jene Wissenschaftler gehabt, die sich bis dato nicht getraut hätten, der Impakttheorie widersprechende Daten zu veröffentlichen - und zwar aus Angst. "Die Art der Kontroverse während der letzten 25 Jahre war kontraproduktiv. Zu viele Wissenschaftler beschränken sich darauf, ihre Theorien durch Rufmord zu verteidigen, anstatt Wissenschaft zu machen", so Keller.

Konjunktur der Katastrophe. Wissenschaft machen will auch David Penny von der Massey-Universität in Neuseeland. Der Spezialist für molekulare Evolution schreibt in seiner neuesten Publikation, dass dem Aussterben der Dinosaurier "ganz normale evolutionäre Mechanismen" zugrunde liegen könnten. So etwa die zunehmende Konkurrenz von Vögeln und Säugetieren, die den ohnehin am absteigenden Ast befindlichen Dinosauriern schwer zu schaffen machte.

Die Vorliebe vieler Wissenschaftler für die Katastrophentheorie hält Penny für völlig natürlich: "Wir Menschen wurden im Laufe der Evolution so selektiert, dass wir immer Ausschau nach dem nächsten Desaster halten. Als unsere Vorfahren noch auf den Bäumen saßen und sich plötzlich ein dunkler Schatten über ihnen erhob, war es am besten, so schnell wie möglich zu fliehen. Es konnte bloß eine kleine Wolke sein, aber auch ein hungriger Adler."

Die scheinbare Schlüssigkeit der Impakttheorie setze den Wissenschaftlern trotz lückenhafter fossiler Daten Scheuklappen auf. "Das ist wie beim Lieblingsfußballteam, dem man für lange Jahre treu bleibt", so Penny. Eine Lösung des Rätsels um das Aussterben der Dinosaurier erwartet er in frühestens zwanzig Jahren. Vorausgesetzt, dass Forscher unterschiedlicher Disziplinen sich zusammentun und allenfalls konstruktiv streiten.

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