Smalltalk über Smalltech

aus HEUREKA 3/04 vom 09.12.2004

Er hat das kleinste Loch der Welt gebohrt. Er hat den Nanofußball erfunden. Und er hat die Hauptrolle im "Nanoschnitzel"-Film gespielt. Keiner im deutschsprachigen Raum versteht es besser als der Münchner Physiker Wolfgang Heckl, den Menschen die Nanotechnologie näher zu bringen.

Interview: Stefan Löffler

heureka: Bei einer Umfrage in England vor einem Jahr konnte sich nur jeder Fünfte etwas unter Nanotechnologie vorstellen.

Wolfgang Heckl: So ist es, da dürfen wir uns nichts vormachen. Von Journalisten höre ich immer wieder, die Nanotechnologie gäbe es schon so lange, die sei ja schon überall. Wenn etwas, kaum hat man eine Weile mit einem Begriff gespielt, als alter Hut abgetan wird, werde ich ärgerlich. Man weiß gar nichts. Aber Leute wie Sie fragen ständig: Was sind denn in zwei Jahren die Produkte?

Diese Frage war heute nicht geplant.

Eine typische Journalistenfrage ist auch: Was gibt's denn Neues? Darauf ich: Wir haben Nanofußball gespielt, im August ist die Veröffentlichung erschienen. - Aha, aha, im August schon, aber gibt's nicht was Neues? Wenn ich zurückfrage: Wissen Sie überhaupt, was Nanofußball ist?, drucksen sie herum: nein, eigentlich nicht. Aber etwas Neues wollen sie hören.

Nanofußball klingt ziemlich plakativ.

Man muss Worte setzen, die sich die Leute merken können. Wie "Das Nanoschnitzel". Das ist ein Film, den ich mit dem Bayrischen Rundfunk gemacht habe. Da sieht man keinen Professor im weißen Kittel übers Mikroskop gebeugt, der salbungsvolle Worte spricht, sondern Kühe auf der Weide. Dazu erkläre ich, dass wir in Zukunft nicht mehr Tiere erzeugen, damit wir sie nachher top down zerteilen, denn in hundert Jahren wird man das Abschlachten von Lebewesen zur Aufteilung in Schnitzel als brutal ablehnen. Vielmehr werden wir dann die entsprechenden Atome und Moleküle in die Nanowelle geben, die in einem nach den Regeln der Selbstorganisation kontrollierten Prozess genau das Gleiche macht wie die Natur, nämlich ein Schnitzel bottom up produziert.

Haben Sie beim Erklären der Nanotechnologie auch mal ein falsches Bild benutzt?

Das Bild vom Nanoschnitzel ist schon schief und falsch, wenn es Leute gibt, die es schief und falsch auffassen. Natürlich kann man sagen: So wie in dem Film beschrieben, wird es keine Schnitzel aus der Nanowelle geben. Darum erkläre ich das mit einem Schmunzeln.

Was machen Sie beim Erklären heute anders als vor zehn Jahren?

Vor zehn Jahren habe ich beim Guinnessbuch der Rekorde das kleinste Loch der Welt angemeldet. Die Redakteure schrieben zurück: Wonderful, Mister Heckl, but how did you drill this hole? Dann habe ich auf zwei Seiten beschrieben, was ich genau gemacht hatte, welche Spannung, welcher Strom und so weiter. Zwei Wochen später kam wieder ein Brief: Wonderful, Mister Heckl, but which drill did you use? Da habe ich verstanden, was Public Understanding of Science bedeutet. Man muss auf sein Gegenüber eingehen. Ich habe nur noch einen Satz zurückgeschrieben: To drill an atomic hole I of course used an atomic drill. Damit waren die Redakteure zufrieden. Heute traue ich mich, Sachen zu sagen, und denke dabei: Ist doch scheißegal, wenn einer meint, der Heckl spinnt.

Eignet sich die Nanotechnologie auch als Thema für die Kinderuniversität?

Habe ich schon gemacht: In Bonn habe ich vor 400 Zehnjährigen eine Vorlesung gehalten "Wie groß ist das kleinste Loch der Welt?" Mittendrin habe ich sie den Tanz der Moleküle tanzen lassen. Erst spielte ich "Child in Time" von Deep Purple, da tanzten sie wild durcheinander. Dann habe ich auf Countrymusik gewechselt und gesagt: Jetzt fassen sich die Kinder an den Armen und machen Wasserstoffbrückenbindungen, organisieren sich selbst zu geordneten Formen von Leben. Das haben die sofort gekonnt. Man glaube also nicht, dass man mit Zehnjährigen über etwas wie Selbstorganisation nicht reden kann.

Haben Sie den Kindern auch Bilder mit Nano-U-Booten oder Nanopropellern gezeigt?

Kinder können schon unterscheiden zwischen einem Konstrukt, das es nicht gibt, und dem, was tatsächlich wahr ist. Sie verstehen das, wenn man es nicht in langen Sätzen verklausuliert wie die Geisteswissenschaftler, sondern einfach spricht. Da muss ich mich nicht verbiegen. Ich kann nur einfache Dinge verstehen, komplizierte Dinge kann ich gar nicht. Ich will als jemand genommen werden, dem man vertraut in dem, was er sagt und was er tut. Ich will, dass man mich Dinge fragt, weil man daran interessiert ist, was ich denke.

Gibt es Fragen, die Sie vermissen?

Manchmal frage ich mich, warum die Leute bei Vorträgen so selten nachhaken, ob das, was ich da sage, denn auch stimmt. Ich zeige gern ein Foto von Stoiber ...

... dem bayrischen Ministerpräsidenten ...

... am Rasterkraftmikroskop und sage dazu: Heute ist das Vordringen in die Nanowelt so einfach geworden, dass es jeder kann. Eigentlich müsste da jemand aufstehen: Herr Heckl, das stimmt doch gar nicht, es ist doch nach wie vor so kompliziert!

Ist das Forschen in der Nanowelt nicht denkbar schwierig zu vermitteln?

Man muss sich zu helfen wissen. Wie man das kleinste Loch der Welt bohrt, zeige ich, indem ich auf eine Nadel etwas Klebstoff gebe und damit einen Tischtennisball aus einer ebenen, mit Tischtennisbällen besetzten Fläche heraushole. Sofort wird deutlich, was wir machen. Dazu sage ich: Jetzt stellen Sie sich das mal eine Milliarde Mal kleiner vor. Das kann sich natürlich niemand vorstellen. Mir kommt zugute, dass das Thema Nano Hype ist. Aber nur, weil es neu ist. Die Karawane zieht weiter, wenn in fünf oder zehn Jahren die Pikotechnologie da ist ...

... Pikotechnologie?

Ein Pikometer ist ein Tausendstel vom Nanometer. Zehn hoch minus zwölf.

Liegt im Hype nicht auch eine Gefahr?

Ich habe mal nachgeschaut, auf wie vielen verschiedenen Homepages das Wort Nano vorkommt. Das war irre viel. Ich finde es erst mal gut, dass das Interesse so ist. Wenn die "Bildzeitung" schreibt, dass Krebs mit Nanorobotern besiegt wird, weckt das überzogene Erwartungen. Aber da bin ich gelassener geworden. Die Leute wollen das lesen, aber ernst nehmen tun sie es ja nicht.

Gehören Sie zu den Nanowissenschaftlern, die fürchten, dass Michael Crichtons Roman "Prey" (Beute) verfilmt wird?

Nein, ich begrüße das. Einige Szenen aus dem Buch haben wir sogar fürs Fernsehen mit Schauspielern nachgestellt und am Computer einen Nanoschwarm eingefügt. Alles hat zwei Seiten. Ich glaube, dass bei "Prey" eher die positive Seite überwiegt, weil die Jugend interessiert wird. Kürzlich musste ich einen Vortrag halten, und als ich mit Verspätung die Treppe hochhetze, läuft ein junger Kerl neben mir, der mich fragt: Gibt's da heute nicht das gefährliche Nanozeugs? Der hat nichts gewusst über Nanotechnologie, außer dass sie gefährlich ist. Aber hätte er das nicht gewusst, wäre er gar nicht gekommen.

Sie sind Gastprofessor in Japan gewesen. Wissen die Japaner mehr über Nanotechnologie als die Europäer?

Ob sie mehr wissen, weiß ich nicht. Auf jeden Fall gibt es dort viel mehr jugendliche Freude. Bei Kongressen in Japan trauen sich Leute, Sachen vorzutragen, da würde man hier sagen, der hat damit seine wissenschaftliche Karriere beendet. In Japan sind die Zuhörer erst mal begeistert.

Zurzeit ist das Präfix nano- auch in Mitteleuropa noch positiv besetzt.

Und wir Wissenschaftler sorgen proaktiv dafür, dass es so bleibt, indem wir es anders machen, als es die Leute in der Gentechnologie gemacht haben. Also indem wir nichts verheimlichen. Indem wir es nicht der Industrie überlassen. Indem wir selbst hinausgehen und sagen: Ich bin es, der das sagt und tut. Und alle Kollegen natürlich auch.

Sind Sie an einem Nano-Start-up beteiligt?

Nein, bin ich nicht.

Diejenigen, die in Nanofirmen investieren, könnten es aber als Warnsignal auffassen, dass Sie statt in die Industrie als Museumsdirektor in den öffentlichen Dienst gegangen sind.

Das ist halt eine spannende Aufgabe. Genauso gut hätte ich eine Firma aufmachen können. Aber das kann ich ja später noch.

Wolfgang Heckl, 46, hat seine wissenschaftlichen Sporen beim Nobelpreisträger und Erfinder der Rastertunnelmikroskopie Gerd Binnig verdient. Seit 1993 ist er Professor für Experimentalphysik am Institut für Kristallographie und angewandte Mineralogie der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität. Im Oktober wurde Heckl Direktor des Deutschen Museums in München, Deutschlands größtem Wissenschaftsmuseum. Dort wird im nächsten Jahr eine Abteilung für neue Technologien entstehen - mit der Nanotechnologie im Mittelpunkt. Für seine populären Vorträge und Auftritte in den Medien ist er 2002 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit dem Communicatorpreis ausgezeichnet worden.

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