Die Rosinen des Nano-Kuchens

Stefan Löffler | aus HEUREKA 3/04 vom 09.12.2004

Wer glaubt, dass Investoren den Nanotechnologen die Bude einrennen, liegt falsch. Obwohl Firmengründer immer besser durchdachte Projekte vorlegen, üben sich viele Wagniskapitalgeber in Zurückhaltung. Schuld ist die geplatzte Spekulationsblase der Informations- und Biotechnologie, aber auch die Vertracktheit der Nanotechnologie selbst.

Drei von hundert Firmen, die sich an BASF Venture Capital wenden, so schätzt der kaufmännische Leiter Dirk Nachtigal, erhalten am Ende tatsächlich eine Beteiligung. Klingt wenig. Verglichen mit anderen Wagniskapitalgebern kann sich die Dreiprozentquote des überwiegend in Nanofirmen investierenden Fonds aber sehen lassen. Denn das Geld sitzt längst nicht mehr so locker wie noch vor fünf Jahren, als Investoren bei Gründern von Internetfirmen und Biotech-Start-ups hausieren gingen. Viele verbrannte Millionen später bekommen es alle Technologiefirmen zu spüren: Gerade im Bereich Nanotechnologie gebe es derzeit kaum Investoren, berichtet das deutsche "Venture-Capital-Magazin".

Der Berliner Matthias Werner, der Banken und Unternehmen im Bereich Nanotechnologie berät, weiß von Start-up-Unternehmern, die Familie und Freundeskreis nach Geld abgrasen. Eigene Ersparnisse gehen in der Regel schon in den ersten Monaten drauf. Nur die Töpfe für öffentliche Förderungen sind immer noch gefüllt. Die fließen vor allem in der Gründungsphase. Wagniskapital gibt es in aller Regel ohnehin erst, wenn ein Prototyp fertig und erste Kontakte mit Kunden oder Anwendern geknüpft sind.

Derzeit fordern fast alle Fonds jedoch erste Erfolge am Markt, was gerade für Nano-Start-ups eine hohe Hürde ist. Und wenn sie überhaupt zu Investitionen bereit sind, fordern die Geldgeber mitunter mehr Anteile, als mancher Nanounternehmer abzugeben bereit ist. Deshalb hat die Innsbrucker Firma Thiomatrix bis auf weiteres auf Beteiligungskapital verzichtet. Freilich gibt es auch Nutznießer der verbreiteten Zurückhaltung. Marco Beckmann von der auf Nanobeteiligungen spezialisierten Frankfurter Nanostart AG freut sich: "Wir können uns die Rosinen rauspicken."

Dabei haben sich die Quantität der Mittel und die Qualität der Start-ups in den letzten Jahren in entgegengesetzter Richtung entwickelt. Die meisten Gründer haben begriffen, so der Berater Matthias Werner, sich am Kunden zu orientieren, und konzentrieren sich fürs Erste auf ein oder zwei Produkte. Darüber hinaus warnt Werner davor, von einer "Nanobranche" zu sprechen: Nicht nur die Umsätze, sondern auch die Gewinnmargen klaffen bei Halbleitern, Kosmetik, Medizin oder Automobilteilen weit auseinander, was sowohl beim Finanzbedarf einer Firma als auch bei der Refinanzierung einer Investition enorme Unterschiede macht.

Die deutschsprachige Nanoszene setzt ihre Hoffnungen derzeit in den ersten erfolgreichen Börsengang einer auf Nanotechnologie spezialisierten Firma. In den USA, wo schon mehr als hundert Unternehmen diesen Schritt geschafft haben, sind nicht nur die Investoren mutiger, sondern auch - ein weiterer Finanzfaktor - Patentanmeldungen günstiger. Das trägt mit dazu bei, dass 49 Prozent der weltweit im Bereich Nanotechnologie erteilten Patente aus den USA stammen, aber nur 18 Prozent aus der EU.

Eher ernüchternd ist auch, dass eine angekündigte Erfolgsgeschichte - jene der Nanotubes - wahrscheinlich ausbleiben wird. Die bereits zum Wunderstoff hochgejubelten Kohlenstoffröhrchen werden neuerdings mit ein wenig Skepsis betrachtet, so Matthias Werner. Zumindest als feinerer Werkstoff für Prozessoren und Speicher liege ihr Einsatz in weiter Ferne, ist das gegenwärtige Chipdesign in Silizium doch stark ausgereift und mit hohen Entwicklungs- und Produktionskapazitäten belegt. Die Anwendbarkeit der Nanoröhrchen als Energiespeicher für Brennstoffstellen sei sogar grundsätzlich infrage gestellt. Technisch realistischer seien Carbonanotubes in Leichtbaustoffen als funktionales Füllmaterial, doch gegen eine breite Verwendung spreche der sehr hohe Preis von bis zu tausend Euro pro Gramm.

Was dennoch positiv stimmt, ist die funktionierende Vernetzung. Große Unternehmen wie Degussa oder Bayer bringen ihre Entwickler und Kunden an einen Tisch, damit aus den Zwischenergebnissen der Nanoforschung markttaugliche Anwendungen werden. So ähnlich handhabt das BASF Venture Capital. Deutlich öfter als zu finanziellen Beteiligungen kommt es für die Firmen, die vorstellig werden, zu Kooperationen mit anderen Abteilungen des BASF-Konzerns. Und wie Dirk Nachtigal berichtet, werden außerdem regelmäßig Hochschulprofessoren eingeladen, um die Jungunternehmer bei der Präsentation zu löchern: "Dabei lernen alle."

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