Wo geht`s hier nach Tschernanobyl?

Stefan Löffler | aus HEUREKA 3/04 vom 09.12.2004

Dass die Nanotechnologie gefährlich ist, nützt zumindest all jenen, die mit diesem besonderen Thema ihr Auskommen suchen: Technikfolgenabschätzer und Risikoberater, Umweltmediziner und Toxikologen. Und eine elitäre Truppe von Aktivisten namens ETC.

Richard Smalley hatte die Debatte über Gefahren der Nanotechnologie bereits satt, noch bevor sie richtig begonnen hatte. "Wir raten den Leuten ja schließlich nicht, das Nanozeug zu essen", wischte der Nobelpreisträger und Nanounternehmer alle Bedenken vom Tisch. Für Pat Mooney ist Smalleys Ausfall indes ein gefundenes Fressen. Wenn nicht einmal der gefeierte Nanoexperte wisse, dass Nanopartikel längst in unseren Lebensmitteln sind, fragt der Kanadier, wie stehe es dann erst um die Kenntnisse seiner Mitmenschen.

Den Satz "Wahrscheinlich haben Sie heute oder in den letzten Tagen Nanotech zu sich genommen" bringt Mooney derzeit besonders gern. Viele Gesprächspartner schlucken erst mal, bevor er ihnen erklären kann, dass Fruchtsäfte durch Nanopartikel länger haltbar gemacht werden, oder Tomatenketchup, damit sich kein Wasser absetzt, feinstes Siliziumoxid beigemischt wird. Dabei gibt es derzeit weder Grenzwerte noch einen Nachweis der gesundheitlichen Unbedenklichkeit. Geht es nach Mooney, muss für Lebensmittel und Kosmetik, die Nanopartikel enthalten, dringend eine Kennzeichnungspflicht her. Am besten als "atomar veränderte Organismen". Und bis auf weiteres fordert er für Nanopartikel ein Freisetzungsverbot.

Wem das irgendwie bekannt vorkommt, der findet seinen Verdacht in Mooneys Vergangenheit bestätigt. Er engagierte sich schon gegen Biopiraterie und Patente auf Leben, als viele derjenigen, die diese Themenfelder heute beackern, noch in den Windeln steckten. Bis zur Jahrtausendwende war es indes eng geworden in der Szene der Gentechnikgegner. Mooney und seine Mitstreiter sahen sich nach einem neuen Betätigungsfeld um. Ihr sorgsam geplanter Befreiungsschlag wurde ein voller Erfolg. Unter dem Namen ETC, sprich: Etcetera Group, haben sie sich dem Kampf gegen die Gefahren der Nanotechnologie verschrieben.

Als die Nanoszene noch in abstrusen Debatten über sich selbst replizierende Nanoroboter schwelgte, besetzte ETC vor zwei Jahren mit dem Bericht "The Big Down" das Feld. Längst kann die siebenköpfige Gruppe mit Büros in vier Ländern nicht mehr alle Einladungen zu Gesprächen mit Regierungen, Industrie und Wissenschaft wahrnehmen. Obwohl ETC sowohl in Nordamerika als auch in Europa Workshops für andere NGOs veranstaltet hat, stellt Mooneys Team noch immer alleine die Speerspitze der organisierten Nanokritik, zu der sich allenfalls noch die englische Sektion von Greenpeace und der Multiaktivist Jeremy Rifkin zu Wort gemeldet haben. So musste ein Forum über die Gefahren der Nanotechnologie vorigen Monat in München ohne den angekündigten Vertreter von Greenpeace Deutschland, Wolfgang Lohbeck, auskommen. Immerhin gibt er offen zu: "Ich fühlte mich der Diskussion noch nicht gewachsen." Das Thema sei zu neu, die interne Arbeitsgruppe nicht weit genug.

Derweil reklamiert Mooney erste Erfolge. Nach der vor zwei Jahren erhobenen Forderung, die Nanoforschung einzustellen, bis zumindest Sicherheitsstandards eingeführt sind, haben eine Reihe von US-Universitäten den Umgang mit Nanopartikeln in ihren Laboren reglementiert. Doch ETC belässt es nicht bei Forderungen, sondern will auch grundsätzlichere Debatten auslösen, etwa über den "Nano Divide", also dass Nanotechnologie den Graben zwischen Arm und Reich, zwischen Süd und Nord noch weiter vertiefe. Das Argument erscheint nur weit hergeholt, so lange man nicht weiß, dass Entwicklungshilfeministerien in Kanada und Skandinavien zu den wichtigsten Geldgebern von ETC gehören.

Dass Wissenschaftler die Risiken der Nanotechnologie nicht mehr ignorieren, ist aber weniger ein Verdienst der Aktivisten als der Umweltmedizin. Über Gefahren von Feinstäuben, wie sie etwa auch aus Auspuffen von Autos entweichen, wird schon lange geforscht. Typische Berufskrankheiten wie Parkinson bei Schweißern werden auf Partikel in Nanogröße, in diesem Fall Metallstäube, zurückgeführt. Bekannt ist, dass spitze Teilchen gefährlicher sind als runde, die sich leichter einschleimen und dann ausscheiden lassen.

Eine eigene Kontroverse rankt sich darum, ob Kohlenstoffröhrchen aufgrund ihrer asbestähnlichen Struktur die Lunge in ähnlicher Weise schädigen. Tierversuche haben gezeigt, dass Nanopartikel in die Atemorgane gelangen können und von da über die Lungenbläschen in die Blutbahn. Selbst ins Gehirn können sie vordringen. Umstritten ist noch, ob sie es auch durch die Haut schaffen.

Stoffe werden auf Nanoniveau produziert, weil sie da andere Eigenschaften annehmen. Das liegt an den freien Radikalen, die sich an der Oberfläche bilden, also Atomen, die zu wenige oder zu viele Elektronen haben und darum anderen Atomen ihrer Umgebung Elektronen entreißen oder aufdrängen. Schon daraus geht hervor, dass im Normalmaßstab unbedenkliche Stoffe auf Nanoniveau nochmals eigens geprüft werden müssten. Doch die Skalierung spielt bei der Zulassung bislang keine Rolle.

Die Erforschung der Risiken für Gesundheit, Umwelt und Gesellschaft ist derzeit wohl der am schnellsten wachsende Bereich der Nanotechnologie. Im zurückliegenden Jahr wurde mehr Geld dafür bewilligt als in all den Jahren davor zusammen. Forschungs- und Technologiepolitiker aller Länder sind fest entschlossen, die bei der Gentechnik gemachten Fehler zu vermeiden.

Sozialwissenschaftler, die bislang in Technikfolgenabschätzung und Begleitforschung zur Biotechnologie unterwegs waren, wechseln in Scharen zur Nanotechnologie. Der Münchner Physiker Wolfgang Heckl ätzt: "Da kriegen wir dann wieder auf 230 Seiten zu lesen, was es zu problematisieren gibt, aber Handlungsanleitungen gibt es keine." Der Wissenschaftssoziologe Arie Rip, der in den Niederlanden eine Million Euro für Nanofolgenforschung verwaltet, widerspricht: Nicht auf den Bericht komme es an, sondern auf die vorangehenden Kommunikationsprozesse. Nahezu unbeachtet sind bislang Rip zufolge aber die gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Nanotechnologie. Als Beispiel nennt er die Krise, auf die Hersteller von Waschmaschinen und -pulver zusteuern, falls sich schmutzabweisende Nanotextilien durchsetzen.

Mit Zukunftsszenarien befasst sich auch Chris-toph Meili. Aber nicht um Berichte zu schreiben, sondern um Nanotechnologen auf Workshops mit ihnen zu konfrontieren. Bringt er sein Szenario "Tschernanobyl" (ein schwerer Unfall setzt großflächig Nanopartikel in die Umwelt frei), fangen die Wissenschaftler zu erklären an, warum das technisch gar nicht möglich sei. Viel lieber reden sie über "Nanopenicillin" (Durchbruch bei der Krebsbekämpfung dank Nanotechnologie). Das sei wahrscheinlicher, dazu falle ihnen auch mehr ein.

Leute aus der Wirtschaft täten sich leichter, auch über die unangenehmen Seiten nachzudenken, weil sie das etwa durch Haftungsfragen kennen, hat Meili in den Workshops beobachtet. Bislang arbeitet er für die Sankt Gallener Stiftung Risiko-Dialog. Demnächst macht er sich als Berater selbstständig, die Kommunikationsprobleme der Nanobranche sind sein Markt. Und an Arbeit mangelt es da nicht, denn: "Nanotechnologie hat ein großes Angstpotenzial: Sie ist unsichtbar, von Menschen gemacht, und man weiß zu wenig darüber."

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