Die Verbesserung des Menschen

Gerald Krieghofer und Klaus Taschwer | aus HEUREKA 3/04 vom 09.12.2004

Nano boomt, doch die nächste Revolution ist bereits in Sicht. Sie nennt sich Converging Technologies (CT) und bezeichnet die Verschmelzung von Biotech, Infotech und Cognitive Sciences auf Basis der Nanotechnologie. In den USA hat CT ihre einflussreichsten Fürsprecher, aber auch ihre prononciertesten Gegner. Nun will auch Europa mitmischen.

Apokalypse Nano. Als der Biotechnologe Jack aus dem Hubschrauber klettert, wartet eine schier unlösbare Aufgabe auf ihn. Mitten in der Wüste von Nevada sind Kleinstroboter aus dem Forschungslabor des Nanotech-Unternehmens Xymos entwichen, das an einem Geheimprojekt für das Pentagon arbeitet. Was eigentlich eine neuartige Miniaturkamera für militärische Zwecke hätte werden sollen, ist völlig außer Kontrolle geraten. Die sich selbst reproduzierenden Nanomaschinen haben sich rasant weiterentwickelt. In Form von intelligenten Schwärmen machen sie Jagd auf alles Lebendige und werden in nur wenigen Tagen zur Bedrohung der gesamten Menschheit.

Dieses Szenario stammt aus dem Thriller "Prey" (2002, dt. "Beute"). Darin hat der Bestsellerautor Michael Crichton ("Jurassic Park") gleichsam beim Wort genommen, was der Nobelpreisträger Gerd Binnig angesichts der epochalen neuen Möglichkeiten der Nanotechnologie als "zweite Genesis" bezeichnet hat. Crichtons Schöpfungsgeschichte indes ist eine negative. Die Handlung des Romans vollzieht sich wie die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Am Ende lässt Crichton offen, ob es Jack wirklich gelungen ist, die tödlichen Schwärme vollständig zu vernichten und damit die Menschheit vor ihrem Untergang zu bewahren.

Crichtons apokalyptisches Szenario klingt nicht nur wie der Stoff für eine packende Hollywoodverfilmung, sondern diese ist bereits in Arbeit. Wenn der Film weltweit in die Kinos kommt, könnte die Nanotechnologie in der Öffentlichkeit mit einem stärkeren Gegenwind konfrontiert sein als die räuberischen Nanoschwärme in "Prey".

Braucht uns die Zukunft? Der Wüstenwind übrigens hätte die Schwärme - rein physikalisch betrachtet - aufgrund der geringen Größe ihrer Bestandteile allemal in alle Himmelsrichtungen blasen müssen, wie der Physiker Freeman Dyson in der "New York Review of Books" klarstellte. Seine Besprechung unter dem Titel "Warum die Zukunft uns braucht" nahm Crichtons Fiktion vor allem zum Anlass für eine Erwiderung auf einen anderen heiß diskutierten Text, den der Computerpionier Bill Joy zu Beginn des Jahres 2000 vorgelegt hatte.

Joy, der Chefwissenschaftler und Mitbegründer von Sun Microsystems, hatte ausgerechnet in "Wired", dem Zentralorgan der kalifornischen Computereuphoriker, unter dem Titel "Warum uns die Zukunft nicht braucht" vor möglichen Entwicklungen in Nano- und Biotechnologie sowie der künstlichen Intelligenz gewarnt. Die neuen Artefakte würden sich irgendwann selbst reproduzieren und uns Menschen über kurz oder lang überflüssig machen.

Joys Kassandraruf löste heftige Debatten aus. Doch seine Empfehlung, auf die Weiterentwicklung der angesprochenen Technologien zu verzichten, stieß auf taube Ohren - zumal bei Mihail Roco, dem Nanoforschungsstrategen mit exzellenten Beziehungen bis hinauf ins Weiße Haus. Der Chemiker, Physiker und Inhaber mehrerer Patente hat in den Neunzigerjahren die Nano-Initiative in den USA vorbereitet und begleitet. Mittlerweile kämpft er für die nächste große Sache, die die bisherige Nanoforschung noch einmal revolutionieren soll und Kritiker wie Joy oder Crichton geradezu auf den Plan ruft.

Converging Technologies. Hinter dem Begriff verbirgt sich die Idee, auf der Grundlage des nanotechnologischen Fortschritts Biotechnologie, Informationstechnologie sowie die Kognitionswissenschaften mit ungeahnten Synergien zusammenzuführen - zum Wohl des Menschen, versteht sich. "Converging Technologies for Improving Human Performance" lautet entsprechend der Titel einer Studie, die auf Initiative von Mihail Roco und William S. Brainbridge durchgeführt wurde und die Chancen aus der Verbindung von Nano, Bio, Info und Cogno, kurz: NBIC, bewertet hat.

Der Bericht, der von der National Science Foundation unterstützt wurde und an dem 81 Wissenschaftler und Technologen beteiligt waren, verströmt von der ersten bis zur letzten Seite nichts als Optimismus: Es werde zu einer neuen Renaissance kommen, da die Wissenschaften, die sich bisher mehr und mehr spezialisiert haben, wieder interdisziplinär zusammenfänden. Die künftige Vereinheitlichung gehe dabei auf die Einheit der Natur auf der Nanoebene zurück. Eben dort entstünden auch neue Schnittstellen zwischen bislang disparaten Technikbereichen. Die besten Ingenieure der Nano-, Bio- und Computertechnologie, heißt es, werden ihre Erkenntnisse und Techniken mit denen von Hirnforschern und Kognitionswissenschaftlern auf Nanoebene verknüpfen. Das Resultat soll eine technische Revolution werden, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Durch die neuen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine sollen die Leistungen und Fähigkeiten der Menschen, also im Grunde der Mensch selbst verbessert werden.

Computer auf der Haut. Neben solchen abstrakten Versprechungen gibt es konkrete und kurzfristigere Heilserwartungen: Medizinische Prothesen oder optische Geräte für Blinde könnten bald direkt mit dem Gehirn verbunden werden. Die Pharmazie könne durch Gentests und Gentechnik individualisierte Therapien anbieten. Tragbare kleine Sensoren und winzige Computer werden uns künftig über unseren Gesundheitszustand informieren oder vor chemischen Gefahren warnen. Außerdem schrumpfen Computer in den nächsten Jahren so weit, dass man sie samt Bildschirm und Tastatur auf die Haut tätowieren wird können. Der Erfinder und Zukunftsdenker Ray Kurzweil ist sich sicher, dass man schon in zehn Jahren vor einer Auslandsreise eine Brille kaufen wird können, welche in Untertiteln die simultane Übersetzung einer beliebigen Fremdsprache anzeigt. Nicht viel später sei es dann möglich, die Übersetzung direkt auf die Netzhaut zu projizieren.

Das eigentlich Neue des amerikanischen Vorschlags zur Verbesserung der Menschheit ist die Einbeziehung der Kognitionswissenschaft in die verschmelzenden Technologien. Vorgeschlagen wird ein langfristiges Projekt unter dem Namen COGNOM, das, in Analogie zum Humangenomprojekt, die so genannten Meme der Gesellschaft katalogisieren soll, also ihre geistigen und kulturellen Produkte, um so ihren Einfluss auf die Menschheit gezielt steuern zu können.

Wenn heute die richtigen Entscheidungen für die Forschung getroffen werden, dann könne in zwanzig Jahren ein neues Goldenes Zeitalter beginnen, verkündet Mihail Roco. Er ist optimistisch, dass am Ende des 21. Jahrhunderts das Paradies technisch endgültig wiederhergestellt sein wird. Neben aller Euphorie ist Roco freilich in erster Linie ein pragmatischer Förderer und geschickter Lobbyist neuer Technologien.

Europa sucht Anschluss. Neuerdings wird auch diesseits des Atlantiks das Potenzial der CT diskutiert. Ihre europäischen Anhänger verzichten zwar weitgehend auf den agitatorischen Überschwang ihrer US-Kollegen, schließen sich aber der Einschätzung an, dass im nächsten Jahrzehnt ein Zehntel des Bruttosozialprodukts mit CT erwirtschaftet werden.

Der NBIC-Herausforderung aus den USA will die EU-Forschungskommission mit einem etwas anderen Programm kontern, das sich "Converging Technologies für die Europäische Wissensgesellschaft" nennt und auch schon Teil des nächsten, also siebenten EU-Rahmenprogramms zur Forschungsförderung werden soll. Dabei sollen CT vor allem zur Lösung konkreter Probleme beitragen: zur intelligenten Sprachverarbeitung, zur Behandlung von Fettleibigkeit oder für intelligenteres Wohnen.

Geht es nach dem Vorschlag der von der EU-Forschungskommission eingesetzten Expertengruppe, der auch der Österreicher Raoul Kneucker angehört, dann sollen die europäischen CT aus der militärischen Forschung herausgehalten werden - anders als in den USA, denn dort steht die Weiterentwicklung von unbemannten Fahrzeugen und Kampfrobotern für militärische Zwecke weit oben auf der Agenda der CT-Befürworter.

Wenn auch klar ist, dass außer Kontrolle geratene Nanoroboter, die eigentlich als Spionagekameras dienen sollten, Science-Fiction bleiben werden, so lässt das kaum abschätzbare Potenzial der CT immerhin eine Prophezeiung zu: Auf Ethikkommissionen und Technologiefolgenabschätzer wartet in Zukunft wohl noch mehr Arbeit als bisher.

Michael Crichton: Beute. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. München 2004 (Goldmann TB). 445 S., e 10,30

Frank Schirrmacher (Hg.): Die Darwin AG. Wie Nanotechnologie, Biotechnologie und Computer den neuen Menschen träumen. Köln 2001 (KiWi TB). 311 S., e 11,90 (enthält den Text von Bill Joy und weitere Artikel zur Debatte)

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige