Liebe Leserin, lieber Leser!

aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Als Albert Einstein am 18. April 1955 in einem Provinzkrankenhaus in Princeton im US-Bundesstaat New Jersey starb, entnahm der Pathologe Thomas Harvey dem Struwwelkopf bei der Autopsie kurzerhand das Gehirn und legte es in Formalin ein. Einsteins sterbliche Überreste wurden noch am selben Tag eingeäschert und an einem unbekannten Ort verstreut.

Harvey verlor daraufhin zwar seinen Job, durfte das Gehirn aber trotz der widerrechtlichen Aneignung behalten. Er zerschnitt das Organ, das die Relativitätstheorie hervorgebracht hatte, in 200 würfelförmige Blöcke, wusste die folgenden vierzig Jahre aber wenig damit anzufangen. Die meisten Blöcke lagerte er in Einmachgläsern auf dem heimischen Regal, manche verschickte er an interessierte Forscher.

1999 konstatierte Sandra Witelson, dass Einsteins untere Parietallappen besonders entwickelt gewesen seien. Da räumliches Auffassungsvermögen und mathematisches Denken stark von dieser Region abhängen, glaubte die kanadische Neurowissenschaftlerin, damit Einsteins Genie dingfest gemacht zu haben. Die Medien reagierten, wie Medien in solchen Situationen eben reagieren, nämlich mit fetten Schlagzeilen. Die Fachwissenschaft hielt Witelsons Schlüsse indes für mehr als fragwürdig.

Die Odyssee von Einsteins Gehirn ist symptomatisch für den Umgang mit dem "Man of the Century": Archetyp des Genies, Quelle nicht enden wollender Faszination und letztlich doch nicht wirklich fassbar. Und nun auch das noch: 2005 jährt sich zum hundertsten Mal Einsteins Annus mirabilis, 1905, zugleich das Geburtsjahr der speziellen Relativitätstheorie, und zum fünfzigsten Mal sein Todesjahr. Mit diesem Heft sollten Sie für das Einsteinjubiläum bestens gerüstet sein.

So beleuchten wir die bislang wenig bekannten Beziehungen Einsteins zu Österreich und sind dabei auf unveröffentlichte Fotos gestoßen. Im Gästebuch seines Freundes Felix Ehrenhaft, bei dem Einstein während seiner Wien-Besuche wohnte, fand "heureka"-Mitarbeiter Wolfgang Reiter gar ein unveröffentlichtes Gedicht des Physikers, das hier erstmals nachzulesen ist. Dass Einstein - zumindest äußerlich - dichterische Qualitäten hatte, fand auch die "Neue Freie Presse" anlässlich von Einsteins umjubelten Wiener Vortrag im Jänner 1921: "Sein Dichterkopf, von reichem Haarwuchs umrahmt, ließe eher vermuten, dass sich dieser Denker mit anderen als mathematischen Problemen beschäftigt."

Einer der wenigen lebenden Physiker, die Albert Einstein persönlich kennen gelernt haben, ist Walter Thirring, Emeritusprofessor für theoretische Physik in Wien. Er traf sich mit Einstein mehrere Male in Princeton, ließ sich von ihm erläutern, was er von Bären in Bern gelernt hat, und erörterte mit ihm ziemlich schwierige physikalische Probleme der Quanten- und der Relativitätstheorie. Wir haben uns nicht nur mit dem renommierten Physiker und ausgezeichneten Musiker Thirring getroffen, sondern auch mit seinem Kollegen Peter Christian Aichelburg, der ein paar grundsätzliche Fragen zur Relativitätstheorie sehr verständlich beantwortet hat, wie wir meinen. Wie gut es um Ihre Einsteinkenntnisse bestellt ist, können Sie auf Seite 23 überprüfen! Für die Lösungen, aber auch weitere Termine und Links zum Einsteinjahr besuchen Sie uns bitte im Internet: www.falter.at/heureka.

Oliver Hochadel, Klaus Taschwer und Stefan Löffler

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