Verständnis für Albert E.

Stefan Löffler | aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Er hatte Witz und Charme, verstand, mit Medien umzugehen, und engagierte sich als Kriegsgegner. Der Vater der Relativitätstheorie hatte viele Gesichter - genug, um ausgerechnet seine Physik links liegen zu lassen. Dabei beschäftigt er seine Fachwissenschaft noch heute.

Es war sein 72. Geburtstag, und Albert Einstein war an diesem 14. März 1951 schon so oft abgelichtet worden, dass er beim nächsten Mal, als ein Fotograf ein Lächeln von ihm forderte, die Zunge herausstreckte. Es sollte das bekannteste Foto von ihm werden, ja mehr als das: Es wurde einer der prägenden Schnappschüsse des 20. Jahrhunderts. Das Foto, das ihn mit herausgestreckter Zunge zeigt, machte ihn zur Popikone und steht gleich neben Che Guevaras Konterfei und dem Bild, das Marilyn Monroe auf dem Luftschacht mit aufgewirbeltem Rock zeigt. Einstein war selbst so angetan von dem Bild, dass er mehrere Abzüge erbat. Seine Botschaft kommt noch heute an: Hier war einer, der das Undenkbare hatte denken können, weil er weder Konventionen noch Scheuklappen kannte. Hier war einer, der angesichts der Ungerechtigkeiten der Welt nicht seinen Mund hielt.

Auch der Tag, an dem Einsteins Medienkarriere begann und sein Weltruhm begründet wurde, lässt sich genau benennen: Es war der 7. November 1919. Am Vortag hatte die ehrwürdige Royal Society in London gemeinsam mit der Royal Astronomical Society bekannt gegeben, dass es gelungen war, eine von Einsteins Behauptungen empirisch zu bestätigen: Der Astronom Arthur Eddington hatte während einer Sonnenfinsternis im Frühsommer desselben Jahres eine von der allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagte Ablenkung des Lichts durch das Schwerefeld der Sonne bestätigt: Seine Messungen entsprachen dem von Einstein vorhergesagten Wert.

Die somit bravourös bestandene empirische Probe seines vier Jahre zuvor publizierten Hauptwerks veranlasste die Londoner "Times", von "einer der bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendsten Aussage menschlicher Gedanken" zu berichten und eine "Revolution der Wissenschaft" zu verkünden. Wenn das sonst so sachliche Weltblatt solche Töne anstimmte, musste wahrhaft Wichtiges im Gange sein. Nun brauchte auch die "New York Times" einen Bericht, und es musste offenbar schnell gehen. Der erste verfügbare Mann, es war der Golfexperte der Redaktion, wurde ausgeschickt, den Schöpfer der revolutionären Theorie zu interviewen. So manches, was der überforderte Reporter dabei zu hören bekam, verstand er auf eigene Weise. So berichtete er in der "New York Times", Einstein habe einen Verleger gefunden, obwohl sein Buch nur von einem Dutzend Köpfe in der ganzen Welt verstanden werden konnte.

Die englische Presse kolportierte derweil einen nicht als Scherz erkannten Ausspruch von Arthur Eddington, der die Lichtkrümmung gemessen hatte. Auf die Frage eines Journalisten, ob es stimme, dass überhaupt nur drei Menschen Einsteins Relativitätstheorie begriffen, hatte der Astronom nach kurzem Grübeln bekundet: "Ich versuche mir vorzustellen, wer die dritte Person ist." Ein Übriges tat Einsteins späterer Ausspruch: "Woher kommt es, dass mich niemand versteht und jeder mag?" Eigentlich wehrte er sich dagegen, dass seine Physik unverständlich sein sollte, doch der Mythos war nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Relativitätstheorie wurde zur Metapher für abgehobene Wissenschaft, sein Name zum Synonym für Genialität und Hochbegabung ("Hilfe, wir haben einen kleinen Einstein"), und der Mann selbst prägte mit seinem oft wild zerzausten Haar und seiner etwas schlampigen Kleidung das Klischee des zerstreuten, lebensfremden Professors.

Dabei war Einstein gar nicht so weltabgewandt, vielmehr durchblickte er von Beginn an ziemlich genau, welches Spiel mit ihm gespielt wurde. Von einer Schülergruppe erkannt und um Autogramme bedrängt, unterschrieb er listig mit einem anderen Namen und entledigte sich so im Handumdrehen der unerwünschten Aufmerksamkeit. Auf den Medienrummel um seine Person reagierte er mit der für ihn so charakteristischen Ironie. Der Londoner "Times" ließ er, Bemerkungen zu seiner Person kommentierend, bereits 1919 folgende Zeilen zukommen: "Noch eine Art Anwendung des Relativitätsprinzips zum Ergötzen des Lesers: Heute werde ich in Deutschland als ,deutscher Gelehrter', in England als ,Schweizer Jude' bezeichnet. Sollte ich aber einst in die Lage kommen, als ,bête noire' präsentiert zu werden, dann wäre ich umgekehrt für die Deutschen ein ,Schweizer Jude' und für die Engländer ein ,deutscher Gelehrter'." Die Redakteure der ehrwürdigen "Times" waren not amused.

Deutscher Gelehrter, Schweizer Jude, staatenloser Student, später auch US-Bürger - Einstein gehörte nirgendwo dazu. Dass er sich national kaum vereinnahmen ließ und rund um den Globus Vorträge hielt und Ehrungen entgegennahm, hat seinen weltweiten Ruhm nur gemehrt. International wurde ihm hoch angerechnet, dass er sich während des Ersten Weltkriegs nicht als deutscher Patriot aufspielte, sondern Friedensaufrufe unterzeichnete. Einsteins Popularität hängt aber wohl auch damit zusammen, dass er, nachdem die Wissenschaft von Kopernikus über Darwin bis Freud der Menschheit lauter Kränkungen zugefügt hatte, gewissermaßen den lebenden Beweis dafür erbrachte, dass der Mensch auch fähig war, die letzten Geheimnisse des Universums zu enträtseln.

Ende 1999 kürte das Nachrichtenmagazin "Time" Einstein zur herausragenden Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Geschenkt. Was ist schon ein Gandhi oder ein Churchill gegen einen, der sich nicht nur für Weltfrieden und Abrüstung einsetzte, sondern auch noch die berühmte Relativitätstheorie geschaffen hat? So dachten selbst die Leser der österreichischen News, die den Schnauzbart per Meinungsumfrage zum größten Denker des Jahrhunderts wählten. Ob Einstein jedoch auch als der herausragendste Physiker der Geschichte anzusehen ist, wird unter Fachvertretern immer wieder gerne debattiert. War Einstein oder doch Newton das größere Genie? Der Vergleich ist jedenfalls nicht ohne Reiz.

Binnen einer Zeitspanne von wenig mehr als einem Jahr erfand Isaac Newton 1665 und 1666 die Differenzialrechnung, erklärte die Gravitation und formulierte seine Theorie der Optik. Bald war die Rede von einem "Annus mirabilis", einem Wunderjahr kreativer Schaffenskraft, wie es Newton kein zweiter Naturforscher nachmachen würde, zumal die grundlegenden Gesetze des Universums ja nur einmal entdeckt werden konnten. Das glaubten zumindest nahezu alle Physiker Ende des 19. Jahrhunderts, als sie das Wissen ihres Fachs vor einer Vollendung sahen, die künftig allenfalls noch Erkenntnisse in Details zulassen würde.

Nur wenig später kam ein 26-jähriger, noch nicht einmal promovierter Patentangestellter daher, brachte das eben noch strahlende Weltbild der Physik von Newton bis Maxwell zum Einsturz und machte sich daran, es durch ein neues zu ersetzen. Nebenbei brach der Außenseiter auch noch Newtons Rekord, indem er fünf bahnbrechende Aufsätze in nur gut der Hälfte eines Jahres, nämlich zwischen März und September 1905, verfasste. Und hätte nicht der allseits anerkannte Max Planck die Bedeutung der Veröffentlichungen erkannt und seine Fachkollegen auf sie hingewiesen, hätte dem jungen Einstein wohl eine längere Karriere als obskurer Amateurtheoretiker bevorgestanden. Auch so vergingen noch fast drei Jahre, bis er als Privatdozent an der Universität Bern seine akademische Laufbahn aufnahm.

Bis Mitte der Zwanzigerjahre blieb er als Wissenschaftler außerordentlich fruchtbar. In der Kosmologie ist Einstein so aktuell wie eh und je. Seine Theorien haben experimentelle Physiker das ganze 20. Jahrhundert hindurch beschäftigt. So ist es kaum zehn Jahre her, dass es gelang, im Labor bei niedrigsten Temperaturen ein quasi einem vierten Aggregatzustand entsprechendes Bose-Einstein-Kondensat zu erzeugen. Der Nachweis von Gravitationswellen steht trotz hoher Investitionen in gigantische Interferometer und Arbeitsgruppen, deren Größe der Teilchenphysik nicht mehr nachsteht, noch aus. Doch kaum jemand in der Fachgemeinde zweifelt daran, dass auch diese Vorhersage Einsteins bald empirisch belegt wird.

Als weitgehend verschenkt werden dagegen die wissenschaftlichen Anstrengungen des späten Einstein angesehen. Seine Versuche, Widersprüche zwischen der Relativitätstheorie und der ebenfalls maßgeblich von ihm auf den Weg gebrachten Quantentheorie in einer einheitlichen Feldtheorie aufzulösen, brachten allenfalls das geflügelte Wort von der Suche nach der Weltformel auf - aber kein befriedigendes Ergebnis. Eine obskure Seite hat freilich auch sein Rivale im virtuellen Geniewettbewerb: Was wäre Newton wissenschaftlich nicht alles gelungen, hätte er nicht den Großteil seiner Zeit auf Bibelexegese und Alchemie verwandt?

Als Kommunikator jedoch kann Newton, der viele seiner Einsichten lange für sich behielt, Einstein nicht das Wasser reichen. Er war ein begnadeter Popularisator seiner eigenen Theorien. Die Lektüre von Einsteins Schriften brachte viele dazu, sich in den Vierziger-, Fünfziger- oder Sechzigerjahren für ein Physikstudium entschieden. Peter Christian Aichelburg, Ordinarius für Theoretische Physik an der Universität Wien, hat das Bändchen über das Relativitätsprinzip als Schüler geschenkt bekommen. Seit Jahrzehnten hält er nun selbst Vorlesungen darüber (siehe Seite 10). Als sein US-Kollege Jerry Friedman auf Einstein stieß, war er bereits in Kunst eingeschrieben. Weil ihn das Gelesene nicht mehr losließ, schloss Friedman ein Physikstudium an und brachte es in dieser Disziplin später bis zum Nobelpreis.

Das seit Jahren über Nachwuchsmangel klagende Fach hat die hundertste Wiederkehr von Einsteins Wunderjahr und seinen im April bevorstehenden fünfzigsten Todestag zum Anlass genommen, sich in der Öffentlichkeit wieder in Erinnerung zu rufen. Doch der Physik mangele es heute nicht nur an Aushängeschildern vom Format Einsteins, sondern sie habe auch, anders als etwa die Biologie oder die Astronomie, über Jahrzehnte versäumt, ihre Faszination zu vermitteln, stellt der Wissenschaftshistoriker Peter Galison von der Harvard University fest. Von seiner Kritik nimmt der promovierte Physiker allenfalls den Stringtheoretiker Brian Greene aus. Nicht von ungefähr propagiert Greene seine Denkrichtung als Vollendung von Einsteins Traum. Ob die Physik insgesamt im Einsteinjahr jedoch mehr als eine Nebenrolle spielen wird, darf bezweifelt werden.

"Überall Einstein draufzukleben, bringt der Physik nichts", sagt Christian Sichau, Wissenschaftshistoriker und Mitarbeiter im Deutschen Museum in München. "Es gibt einfach zu viele Aktivitäten, jeder fühlt sich berufen. Man gewöhnt sich an Wissenschaftsmarketing, beschränkt sich auf Unterhaltung." Im Vorfeld einer Einstein-Ausstellung im Museum häufen sich bei ihm die Anfragen der Journalisten, "aber die wollen immer auf bekannte Storys hinaus, fragen immer wieder nach den Frauengeschichten: Was trägt das zum Verständnis der Person bei?"

Dass Einstein Affären hatte, einmal sogar mit einer KGB-Agentin, dass er nicht nur seine beiden Ehefrauen, sondern auch seine Kinder vernachlässigte, seine einzige Tochter nicht einmal sah, bevor sie wahrscheinlich zur Adoption freigegeben wurde, und sein zweiter Sohn ein Fall für die Psychiatrie wurde, all das passt in die gegenwärtige Logik der Medien. Auch der feministische Wunschtraum, nach dem die Relativitätstheorie eigentlich oder zumindest zum guten Teil von seiner ersten Frau Mileva, einer Physikstudentin ohne Abschluss, stamme, taucht immer wieder auf.

Aber so viel ist abzusehen: Das mediale Strohfeuer ist in diesem sowohl in Deutschland als auch Österreich an Gedenktagen reichen Jahr rasch abgebrannt. Für die mit großem Aufwand vorbereiteten Ausstellungen, Konferenzen und Vortragsreihen bleibt wohl nicht mehr viel Aufmerksamkeit. Einstein und seinem Andenken stehen indes auch nach 2005 noch viele Jubiläumsjahre bevor und damit auch wieder "das Gegacker der auffliegenden Zeitungsenten".

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