"Es ist eine harmlose Narretei"

aus HEUREKA 1/05 vom 26.01.2005

Alles authentisch und doch fiktiv: Albert Einstein antwortet mit Originalzitaten auf Fragen von "heureka" zu seiner Rolle als Popstar der Wissenschaften, zur Entstehung der Relativitätstheorie und warum er keine Socken trägt.

Interview: Klaus Taschwer

heureka: Wie erleben Sie als Hauptbetroffener den Wirbel, der seit einigen Wochen anlässlich der hundertsten Wiederkehr Ihres Wunderjahrs losgebrochen ist?

Albert Einstein: Alles will Artikel, Vortrag, Fotografie etc. Wie bei dem Mann im Märchen alles zu Gold wurde, was er berührte, so wird bei mir alles zum Zeitungsgeschrei, jeder Piepser zum Trompetensolo. Alles Mögliche wird einem angedichtet, und der pfiffig erfundenen Legenden ist kein Ende. Über mich sind schon massenweise so unverschämte Lügen und freie Erfindungen von Reportern erschienen, dass ich längst unterm Boden wäre, wenn ich mich darum kümmern wollte.

Haben Sie eine Erklärung, warum die Menschen von Ihnen so fasziniert sind?

Ich bin sicher, dass es das Mysterium des Nichtverstehens ist, was sie anzieht. Es beeindruckt sie, es hat die Farbe und die Anziehungskraft des Mysteriösen. Dies ist nun gerade mein Schicksal geworden, und es besteht ein grotesker Gegensatz zwischen dem, was mir Menschen an Fähigkeit und Leistung zuschreiben, und dem, was ich wirklich bin und vermag. Die Sache erinnert an das Märchen "Des Kaisers neue Kleider", aber es ist eine harmlose Narretei. Mit mir hat man einen Kultus betrieben, dass ich mir vorkomme wie ein Götzenbild.

Oder wie eine Popikone, wie man heute dazu sagt. Macht Sie das nicht auch stolz?

Ich habe mich eigentlich niemals aus Eitelkeit im Spiegel beguckt. Jetzt, wo Sie mir den Spiegel vorhalten, frage ich mich, weshalb bin ich denn so berühmt? Verdiene ich das? Ich glaube nicht. Ich habe mein Leben lang probiert, einen Gedanken zu Ende zu denken. Das ist mir nicht ein einziges Mal gelungen. Was ich versucht habe, hätte doch jeder andere gekonnt.

Ihre Bescheidenheit in Ehren, aber können Sie konkrete Namen nennen?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ernst Mach auf die Relativitätstheorie gekommen wäre, wenn in der Zeit, als er jugendfrischen Geistes war, die Frage nach der Bedeutung der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit schon die Physiker bewegt hätte.

Hat sie aber nicht. Also kamen Sie, ein 26-jähriger Patentbeamter III. Klasse in Bern, darauf. Wie erklären Sie sich das?

Wenn ich mich frage, woher es kommt, dass gerade ich die Relativitätstheorie gefunden habe, so scheint es an folgendem Umstand zu liegen: Der normale Erwachsene denkt nicht über die Raum-Zeit-Probleme nach. Alles, was darüber nachzudenken ist, hat er nach seiner Meinung bereits in der frühen Kindheit getan. Ich dagegen habe mich derart langsam entwickelt, dass ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen als ein gewöhnliches Kind.

Nach dem Wunderjahr begannen Sie bereits 1907 an der Arbeit zur allgemeinen Relativitätstheorie, die 1916 fertig wurde. Können Sie sich erinnern, wie Sie den entscheidenden Einfall dazu hatten?

Ich saß im Berner Patentamt in einem Sessel, als mir plötzlich der Gedanke kam: Wenn sich ein Mensch im freien Fall befindet, wird er seine eigene Schwere nicht empfinden können. Mir ging ein Licht auf. Dieser einfache Gedanke beeindruckte mich nachhaltig. Die Begeisterung, die ich da empfand, trieb mich zur Gravitationstheorie.

Gibt es eigentlich ein Geheimnis für Ihre einzigartige Kreativität?

Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig. Wichtig ist, dass man nicht aufhört zu fragen. Es genügt, wenn man versucht, an jedem Tag lediglich ein wenig von diesem Geheimnis zu erfassen. Diese heilige Neugier soll man nie verlieren.

Auf Ihr Äußeres scheinen Sie dagegen nicht allzu viel Wert zu legen.

Wenn ich anfinge, mich körperlich zu pflegen, dann bin ich nicht mehr ich selber. Es wäre traurig, wenn die Tüte wertvoller wäre als das darin verpackte Fleisch.

Eine Ihrer schrulligeren Angewohnheiten ist es, keine Socken zu tragen. Warum eigentlich?

Als ich jung war, fand ich heraus, dass die große Zehe immer die Angewohnheit hat, ein Loch in die Socke zu machen. Und so habe ich aufgehört, Socken zu tragen.

Angeblich hatten Sie auch keine Socken an, als Sie von Präsident Roosevelt ins Weiße Haus eingeladen wurden. Stimmt das?

Ich habe ein Alter erreicht, in dem ich dann, wenn mir jemand sagt, ich solle Socken tragen, das nicht tun muss.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihr Leben, was reut Sie am meisten?

Ich habe in meinem Leben einen großen Fehler gemacht - als ich den Brief an Präsident Roosevelt (siehe rechts) unterzeichnete, in dem ich mich für den Bau der Atombombe aussprach. Aber vielleicht kann man mir verzeihen, weil wir alle das Gefühl hatten, dass die Deutschen an diesem Problem arbeiten und Erfolg haben könnten.

Wenn Sie Ihr Leben noch einmal von vorn beginnen könnten, würden Sie alles noch einmal so machen, wie Sie es gemacht haben?

Wäre ich noch einmal ein junger Mensch und stünde ich erneut vor der Entscheidung über den besten Weg, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, so würde ich nicht ein Wissenschaftler, Gelehrter oder Pädagoge, sondern eher ein Klempner oder Hausierer sein wollen, in der Hoffnung, mir damit jenes bescheidene Maß an Unabhängigkeit zu sichern, das unter heutigen Verhältnissen noch erreichbar ist.

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